Literaturpreise-Hamburg.de

Markus Lemke
Katrin Liedke
Sabine Schmidt
Axel Brauns
Verena Carl
Matthias Göritz
Dietrich Hans Machmer
Andreas Münzner
Michael Weins

Axel Brauns

aus "Buntschatten und Fledermäuse" | Literarische Autobiographie

Erinnerungen an meine autistische Welt

Die Haha pflanzte einen Baum auf dem Balkon des Hofhauses. Auf dem alten Balkon hatte ich mich nie verlaufen. Der neue Balkon war jedoch riesig. Über das Geländer des alten Balkons vermochte ich einen Blick zu werfen. Ich mußte nur auf einen Stuhl steigen. Über das Geländer des neuen Balkons würde ich niemals kucken können, selbst wenn ich vom Stuhl aus hochspränge. Es verwirrte mich, daß die Haha den neuen Balkon nicht Balkon nannte. Sie nannte ihn Garten, und das Geländer nannte sie Mauer.
Ich wollte nicht mit Eimer und Schaufel in der schwarzen Erde spielen. Die schwarze Erde war mir zu klebrig. Ich wollte zum Viereck. Jenseits des wolkenweißen Geländers überwölbte ein wolkenweißer Himmel den Spielplatz. Dort gab es ein Viereck, das die Haha Sandkiste nannte. Der Sand dort war so gelb wie die Haare des Heimers und so körnig wie Zucker.
Ich klopfte mit der Schaufel auf den Rand des Eimers, um auf meinen Wunsch aufmerksam zu machen. Die hochgewachsene Haha war gerade dabei, den Boden über der Wurzel festzustampfen. Sie beachtete mich. Sie sagte etwas. Ihre Worte waren kein Lärm und kein Geräusch, sie hatten Klang und Bedeutung. Ich verstand, was sie meinte. Ich sei zu klein, um allein auf den Spielplatz zu gehen, ich solle dort bleiben, wo ich war: auf dem Balkon.
Klackklack. Ich pendelte mit dem roten Eimer, und die weiß-blaue Schaufel klapperte gegen den Rand. Klackklack. Die Haha öffnete die Haustür. Der Heimer schlüpfte neben ihr ins Freie. Pendelnd, klackklack, folgte ich den beiden Buntschatten. Die Sandkiste wartete auf mich. Die Steinplatten der Hofhausreihe begrüßten mich so geordnet, wie ich es schöner nicht kannte. Auf keine der Fugen durfte ich treten, und ich gab acht. Klackklack. Lang war die Hofhausreihe und wolkenweiß. Jeder Schritt in eines der sonnenbestäubten Steinvierecke gab mir Sicherheit. Klackklack. Leicht lag mir der Henkel in der Hand. Unten an der Reihe schwenkten die Haha und der Heimer nach links. Klackklack. Weit war es nicht mehr zur Sandkiste.

O weh! Ich blieb im Eingang zum Spielplatz stehen. Wieder hatte ich kein Glück. Der Heimer rannte voran. Kein Klackklack. Die ganze Sandkiste war voller Fledermauskinder. Die Haha zog mich mit. Enttäuscht setzte ich mich auf den Holzrand der Sandkiste. Kein Klackklack.
Nach einer Weile kniete ich mich doch in den Sand und rutschte in eine Ecke der Sandkiste. Da war es nicht so huschig. Ich wandte den Fledermauskindern den Rücken zu und schaufelte Sand in meinen Eimer. Mit der Hand wischelte ich über den Sandhügel im Eimer, bis der Sand glatt war. Rupsrups. Meine Hand stieß an den Rand und schwang zurück über den Sand und stieß an den Rand und schwang zurück.
Die Haha machte Lippenlärm und zeigte einzeln auf die Fledermauskinder, die in der Sandkiste mit dem Heimer herumhuschten. Sie machte Geräusch: "Peter ... Wolfgang ... Barbara ... Gerd ... Christoph ..."
Ich hörte nicht mehr zu. Die Fledermauskinder hatten Namen, und die Namen waren so langweilig wie schwarze Erde. Die Haha wollte, daß ich mit den Fledermauskindern spielte. Ich wollte nicht mit den Fledermauskindern spielen. Ich wollte viel lieber mit dem Sand in meinem Eimer spielen. Rupsrups.

Hoffmann & Campe, 2002