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Verena Carl

aus "Anna" | Romanauszug

Wir stiegen in die S-Bahn Richtung Senefelder Straße. Während der Fahrt versuchte ich, nicht zu auffällig ihre nackten Halsgrübchen und ihre verdeckten Schlüsselbeine anzustarren. Ich konnte es kaum erwarten in mein Lieblingscafé zu kommen, in dem das Licht so gedimmt war, dass man gerade noch die Speisekarte lesen konnte. "Da gibt's tolle Antipasti", hatte ich versprochen, weil ich Anna für eine hielt, die beim Stehitaliener über Kunst diskutierte. Das Café lag an einem baumbestandenen Platz, in dessen Mitte eine versteinerte Frau auf ihrem Sockel saß. Anna schob den samtenen Bühnenvorhang hinter der Eingangstür schlafwandlerisch zur Seite, vor dem andere Begleiterinnen einen Moment gezögert hatten, und eigentlich hätte ich merken müssen, wie vertraut ihr der Raum war.

Worauf ich achtete, war ihre Art zu essen. Der Punkt auf der Skala zwischen Gier und Geiz, durch den sich Menschen verraten. Anna war immer an beiden Enden zugleich. Es verging kein Moment, in dem sie nicht etwas im Mund hatte: sonnengetrocknete Tomaten, eine bis zur Durchsichtigkeit gedehnte Zucchini-Scheibe, deren Ende wie die müde Uhr von Dalí von ihrer Gabel lappte, Bohnen, ein Stück Ciabatta, luftig aufgeplustert, den Geschmack in der Kruste konzentriert. Es dauerte jedesmal eine kleine Ewigkeit, bis sie ihre Gabel wieder füllte. Sie lutschte die Häppchen wie Bonbons und zögerte auch noch den Moment des Herunterschluckens hinaus. Ihr Kiefer arbeitete noch, als ein Kellner mit bodenlanger Schürze unsere Teller wegnahm.

Bedächtig lüftete Anna die Serviette in Richtung ihrer Mundwinkel, doch auf halbem Wege unterbrach sie die Bewegung und sicherte sich mit ihrer Zunge die letzten Saucenreste. Dann nahm sie unser Gespräch nahtlos wieder auf. "Du magst keine Kunst, für die du dich anstrengen musst", sagte sie zu mir, eher Feststellung als Frage. Ich fixierte die Kohle-Zeichnungen über ihrem Kopf um nicht auf ihre feuchten Mundwinkel zu starren. "Ich mag es nicht, wenn Kunst zu verkopft ist. Wenn ich bei einem Bild nichts fühle, dann kann ich es auch nicht mögen", sagte ich dann. "Und ich mag Kunst, die von Leben nicht mehr zu unterscheiden ist", antwortete sie. Ich fand den Satz schön und rätselhaft, dabei mag er nur banal gewesen sein. In dem Moment begann ich, nach ihren Worten zu hungern, rauchigen kleinen Gedanken in der Stimme einer Bluessängerin.

(...)

Ich lud sie ein zweites Mal in das Café am Kollwitzplatz ein. Der Raum mit seinen zwei Ebenen und der warmen Wandfarbe beruhigte mich und das hatte ich in ihrer Gegenwart bitter nötig. Als sie an meinen Tisch trat und ihren Mantel öffnete, war ich irritiert. Sie trug wieder schwarz, eine schmal geschnittene Hose und einen weiten Männerpullover, der ihre Brüste versteckte. Während sie sich setzte, fragte ich mich, was sie mir damit sagen wollte. Sie setzte sich und starrte dabei auf die Wand über mir, mit halb offenem, unbewegtem Mund. Ich drehte mich um, erleichtert, dass ich sie durchschaute. "Sie haben die Bilder ausgetauscht", sagte ich, und darauf sie: "Ich verstehe das nicht, sie hingen doch noch gar nicht lange da". Die neuen Gemälde waren Aktzeichnungen in blau und weiß, nein, blaue Aktzeichnungen mit wenig weiß, Körpernegative. Sie gefielen mir, aber das behielt ich für mich. Ich wollte Anna um jeden Preis küssen, wollte, dass sie meine Zunge lutschte wie Tomaten, Zucchini und Ciabatta. Vielleicht waren meine Chancen gering, aber ein falsches Wort hätte sie vielleicht komplett zunichte gemacht.

Ich ließ sie reden und sie sprach von den Gemälden, die fort waren, empört, als hätte man sie aus ihrem Wohnzimmer gestohlen. Sie kaute auf den Wörtern herum und die Sehnen an ihrem Hals spannten sich. Ich versuchte ein paar Mal sie zu unterbrechen, aber ich wollte nichts Falsches sagen. Ich spürte, dass diese Bilder etwas mit ihrem Leben zu tun hatten. Und ich fürchtete, dass sie nicht der einzige Mensch in der Bildergeschichte war. Ich sagte nicht viel an diesem Abend, ich hörte auch nicht richtig zu, weil ich viel zu beschäftigt war sie dabei zu beobachten, wie sie die Bestandteile ihres Mundes immer wieder neu anordnete. Ich fragte sie nicht nach der Hausbesetzerzeit, wir tauschten nur ein paar spitzfindige Koordinaten aus. Aszendent und Lieblingsstadt, die erste Platte. Eine gläserne Wand aus belanglosen Worten baute sich zwischen uns auf, hinter der sie sich auszog. Je milchiger das Bild dahinter wurde, desto mehr wollte ich sie. Vielleicht lag es auch daran, dass ich vier Chianti getrunken hatte.

Als ich später beim Durchgehen unter dem Samtvorhang ihr Schulterblatt berührte, stemmte sie sich nicht dagegen. Ich wunderte mich kaum darüber, wie leicht es plötzlich war. Ihr Haar fiel auf meine Lederjacke, als sie den Kopf in meine Halsbeuge lehnte. Ich bildete mir ein, die weiche Flut zu spüren, als sei die Tierhaut plötzlich lebendig und empfindsam geworden. Ich schob Anna vor die Tür, eine Hand um ihre Taille gelegt und tastete mit der anderen nach ihrem Nacken. Sie schloss die Augen. Ich versuchte den Moment zu verlängern, ehe ich sie küsste und sah ihrem Atem in der Herbstluft nach. Sie öffnete die Lippen und ich sank in sie hinein. Sie drängte ihre Hüftknochen gegen meine, als wir uns in den Armen hielten. "Ich brauche kleine Häppchen", sagte sie zwischen zwei Küssen, "eine kleine Dosis, ich bin zu lange entwöhnt." Ich habe auch lange gefastet, wollte ich sagen. Und blieb stumm. Ließ sie ohne Widerspruch allein zur U-Bahn gehen. Vielleicht bildete ich mir nur ein, dass ihre Schritte zögerten. Ich blieb so lange stehen, bis ich mir den Geschmack von getrockneten Tomaten auf meiner Zunge nicht einmal mehr vorstellen konnte.