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Matthias Göritz

aus "Das Begräbnis der Toten" (Arbeitstitel) | Romanauszug


Ich war immer ein Rücktrittbremser gewesen, hatte die Vorderradbremse nie, oder nur sehr sporadisch benutzt, gerade das leichte Ausbrechen des Hinterrads, wenn man voll in die Eisen ging, machte mir Spaß. Normalerweise hätte ich an dieser Stelle leicht runtergebremst, die Zahnräder die Kette stocken lassen, um nicht zu schnell zu werden. Aber jetzt in die Pedalen zu steigen, Vollbremsung, da hätte das Hinterrad blockiert, wäre ausgebrochen, ich hätte mich unweigerlich überschlagen und mir die Knochen gebrochen. Ich zog an der Vorderradbremse, und drückte den Schalthebel fest an die Noppenkappe vom Lenkgriff. Der Bremszug reagierte nicht. Klemmt, gerissen, durchgeschnitten, das einzige, was ich wusste, war, dass ich schneller wurde, schneller und immer schneller; ich saß jetzt steif und aufrecht, mein Hemd flatterte wie ein Segel und bot dem Wind Widerstand. Zerbrechlich wie ein schmaler Ast raste ich auf die B-12 zu. Ich wurde fast vom Fahrrad gezogen. Vielleicht wäre das besser gewesen, aber meine Hände waren wie eingefroren und umklammerten den Lenker. Ich spürte in der Angst noch den feinen Kitzel, den die Noppen meinen Handflächen bereiteten. Meine Hoden schrumpften, meine Brustwarzen standen ganz hart aus den Höfen heraus, hielten wie kleine Stifte den Stoff auf Distanz. Es ist aus, dachte ich. Vor mir tat sich der Mund zur Strasse auf. Die B-12 war eine stark befahrene Strasse. Es hatte schon viele Unfälle gegeben. Ein Mann im Cabrio wurde vor zwei Jahren beim Überholmanöver von einer ungesicherten, seitlich aus dem Laster ragenden Eisenstange geköpft. Man fuhr hier zu schnell, und einmal war der Fahrer eines Scania Achtachsers übermüdet am Steuer eingeschlafen und erst in einem Vorgarten, halb im Gebäude hängend, wieder aufgewacht. Das war sogar in den Nachrichten gewesen. Regelmäßig unterschätzten Fahrer die scharfen kurven und bremsten zu spät. Die Gemeinde hatte zusammengelegt und eine Ampel mit Knopfdruckanlage gebaut, aber zum Drücken kam ich nicht mehr. Die Hecken der Eckgrundstücke von Schmäler und Specht schossen auf mich zu. Ich hörte von irgendwoher durch den Wind den Verkehr, sah eine weiße Lasterwand an mir vorbeisausen, las die Aufschrift Alles von Hansano ist gut, dachte ans Sterben. Vielleicht nicht in diesem Moment, vielleicht Millisekunden danach, nur vom Wind solch eines Lastkraftwagen erfasst, weggewirbelt wie ein lästiges Blatt. Ich erinnerte mich an den Frogger in dem neuen Elektronikspiel von Atari, das wir letzte Woche in Neumünster gesehen hatten. Man steuert einen Frosch durch die Lücken der Autos auf einer dreispurigen Strasse, sonst ist er nur noch Matsch. Vielleicht ist es solch ein Moment, in dem sich in einem Leben entscheidet, ob du ein Held bist oder nur einer mit Schiss. Ich hab' das nicht mitgekriegt. Ich sah bloß in die Weite auf der anderen Straßenseite und hörte die nächste Lasterwelle heranrollen, Carl Luppy Junior - Umzüge, fern und nah, dann war wieder Licht da, eine organfarbene Sicherheitsbirne am Absperrschild, Vorsicht: Baustelle. Alle würden so weitermachen. Und ich war hilflos, wie im Traum. Und dann war ich durch. Durch. Auf der andern Seite. Der Sog eines hinter mir die Lücke schließenden LKW riss mich mit kurzer Wucht zurück. Dann wurde ich ausgespuckt. Ein Horn tutete böse wie ein verirrtes Ungeheuer der Tiefsee. Ich hatte den Mund geöffnet und hörte mich schreien, was ich schon die ganze Zeit über getan haben musste, ein langes, in vielen Buchstaben gestrecktes Nein.