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Markus Lemke

Sami Berdugo: "Markttag" | Kurzgeschichte

übersetzt aus dem Hebräischen

Jeden Freitag, nachmittags zwischen vier und fünf Uhr, öffne ich meiner Mutter den BH. Vom Moment des Öffnens an gleiten wir beide, sie und ich, in die wohlige Ruhe des Sabbats. Jedes Mal, wenn ich meiner Mutter den BH öffne, weiß ich, ich kann mich entspannen. Ab jetzt wird nicht mehr gearbeitet, nicht mehr geputzt und gekocht und nur noch die Königin des Sabbats empfangen. Wenn ich erst ein Häkchen löse und dann noch eins und noch eins, seufzt meine Mutter und ich antworte ihr als Echo. Nachdem der große BH aufs Bett oder achtlos auf die billigen Parfums, die auf dem Toilettentisch stehen, geworfen ist, dreht sich meine Mutter zu mir um und ihre Brüste sinken herab und fühlen sich wunderbar, nachdem sie sechs ganze Tage, Tag und Nacht, in dem harten BH-Stoff eingesperrt waren. Am Sonntagmorgen klopft meine Mutter an die Tür meines Zimmers, ich soll ihr den BH wieder zumachen. Sie streift ihn über, dreht mir den Rücken zu und fährt mich an: "Nicht bis ganz zum Ende. Lass ihn ganz locker, nur im ersten." Ich höre ihr zu und hänge die Häkchen nur in der zweiten Ösenreihe des BHs ein. Manchmal bin ich schon morgens gereizt und müde, weshalb ich ihr den BH absichtlich ganz stramm ziehe, und sie fragt: "Ist bis ganz zum Ende? Das ist viel zu stramm." "Mama, es ist im ersten, halt den Mund", antworte ich ihr und sehe, wie sie sich die ganze Woche mit dem BH, der ihre Brüste abquetscht, herumquält. In solchen Wochen sehe ich, wenn ich ihr am Freitag den BH aufmache, einen roten Streifen, der sich eine ganz Woche lang auf ihrem Rücken und unter der Brust eingegraben hat. Zu meiner Freude spürt meine Mutter ihn nicht, weil sie ihren Rücken nicht im Spiegel sehen kann.

Alle sechs Wochen massiere ich meiner Mutter den Rücken. Sie fragt mich, ob sie alles ausziehen muss, und ich sage ihr, zieh alles aus bis auf den BH, weil ich keine Kraft habe, ihn hinterher wieder zuzumachen. Meine Mutter lässt sich bäuchlings auf die Matratze des Doppelbetts fallen, breitet die Arme aus und seufzt. Ich hole das teure chinesische Öl aus der Arzneimittelschublade, lasse nur ein paar Tropfen hinauströpfeln und schraube die Flasche wieder zu. Dann lege ich meine Hände auf ihren massigen, öligen Rücken und fange an, ihn zu massieren. Ich wandere rauf und wieder runter bis zum Steiß, danach zu den Seiten und in jeden möglichen Winkel. Der Rücken meiner Mutter beginnt, rot anzulaufen. Je röter er wird, desto mehr schreit meine Mutter: "Genug, genug, nicht zu feste, ich kann nicht mehr, hör auf, Junge! Ja, ja, genau da, ich glaub', da ist was gebrochen... Eijjj... reicht, reicht, ich will nicht mehr." Doch ich lasse nicht ab. Ich sage ihr, dass sei gut für ihre Gesundheit und dass sie den Mund halten und still leiden und Danke sagen soll. Sie verstummt und nach drei Sekunden fängt sie von neuem wieder an. Wenn die Massage beendet ist, wälzt sie sich mühsam auf den Rücken. "Und jetzt ein bisschen die Beine lockern, aber langsam." Ich nehme ein Bein und hebe es in die Luft, drehe es zur Seite und meine Mutter seufzt erneut. Das gleiche mache ich auch mit dem anderen Bein. "Ja, so was sollte man ständig machen, die ganze Zeit muss man so was machen", sagt sie und ich antwortete ihr ungehalten: "Na klar die ganze Zeit, aber du vernachlässigst es. Die ganze Woche über tust du rein gar nichts. Guck nur, wie du aussiehst." Meine Mutter schaut mich an und nickt mit dem Kopf. Sie weiß, dass ich rechthabe. Sie leidet weiter still vor sich hin, gibt einen letzten Seufzer von sich und vertreibt mich dann mit einem Tritt aus ihrem Bett.