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Katrin Liedke

Jirí Kratochvil: "Avion" | Romanauszug


übersetzt aus dem Tschechischen.

Hynek, sagte meine Kollegin Hagebuchengehölz, ich hätte nie gedacht, daß ich das mal erleben würde! Und es war ein Erlebnis, die achtzehnjährige Kollegin Hagebuchengehölz (diese süße kleine Helenka) sagen zu hören, ich hätte nie gedacht, daß ich das erleben würde. Sie meinte natürlich den Fall des kommunistischen Regimes. Ich legte die Schere hin, mit der ich kleine Karten für die Kartothek zugeschnitten hatte (ich arbeitete zu dieser Zeit in der Dokumentationsabteilung des Denkmalschutzamtes) und dachte darüber nach, was ich Scharfsinniges erwidern könnte, um Helenka zu erfreuen. Aber weil mir lange nichts einfiel, zuckte die Kollegin ungeduldig mit den Schultern und trabte ins Nachbarbüro, um ihre Äußerung dort zu wiederholen.
Alle Büros der Dokumentationsabteilung hatten verglaste Wände, so daß wir nur den Kopf zu heben brauchten und uns alle permanent auf die Teller glotzten, und gerade sehe ich, wie Helenka bei den Kollegen Manouschek und Mayer am Schreibtisch steht und ihnen etwas ungeheuer Ergreifendes anvertraut (Ich hätte nie gedacht, daß ich das mal erleben würde!), und die Kollegen reagieren sofort wie es sich gehört, sie lächeln Helenka an und schreien fröhlich durcheinander, über das Gesichtchen der Kollegin Hagebuchengehölz breitet sich ein zauberhaftes Lächeln, und ich wende mich schnell ab, damit sie mich nicht ertappen und die Wehmutstränchen in meinen Augenwinkeln bemerken. Schnell schaue ich zum Fenster, wo (vom ersten Stock aus) der Krautmarkt wie auf dem Präsentierteller vor mir liegt. Jemand war den Brunnen emporgeklettert und hatte an den Köpfen der Statuen eine Fahne befestigt. Über den Markt irrt ein Auto, das von kleinen Lautsprechern bedeckt ist wie von einem Blechausschlag und irgenwelche patriotischen Silben auskotzt. Dann fährt es den Kapuzinerplatz hinunter.

Ich hatte mir ein paar Novemberabende lang auf dem Platz der Freiheit die Beine in den Bauch gestanden, eingequetscht in eine Menschenmenge, die in heiliger Begeisterung wogte. Manchmal fielen mir meine Krampfadern ein, und ich versuchte, von einem Bein aufs andere zu treten, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, aber das Gedränge war so stark, daß es mir nicht gelang und ich im Gegenteil von dieser menschlichen Presse emporgehoben und einen Augenblick in der Luft gehalten wurde, ohne die Möglichkeit, auch nur mit den Zehenspitzen das Pflaster zu berühren. Die Ambulanz transportierte alle naselang jemanden aus der Menge ab, der das Gedränge mit Herzbeschwerden bezahlen mußte. Dort, wo man vor einem Jahr eine riesige Baracke, das ehemalige Möbelhaus abgerissen hatte, in dieser ausgebissenen Parzelle stand jetzt ein Gerüst und darauf unsere Volkstribunen. Und unter ihnen die dicke Trude vom Theater am Schnürchen. Sie hatten keine Mikrofone, keine Verstärker, sie mußten über den ganzen Platz schreien, und die dicke Trude hüpfte auf dem Gerüst wie ein Stier, es knarrte wie riesige Eisschollen auf einem Fluß im Frühling. Als ich nach Hause kam, legte ich die Beine auf den Tisch und stieg dann abwechselnd in warmes und kaltes Wasser. Aus dem Radio strömten die Umsturzereignisse (wieder einmal ist eine alte, nichtswürdige Welt zugrunde gegangen!), und ich schaltete vom Sender Prag zu Radio Free Europe und zurück, bis mich auf einmal ein fürchterliches Gepolter von nebenan aus der Idylle riß. Meine Nachbarn waren zurückgekommen.

Der Roman erscheint in einem der nächsten Programme im Ammann Verlag.

Weitere Übersetzungen Jirí Kratochvils:
"Inmitten der Nacht Gesang", Roman Rowohlt Berlin 1996
"Unsterbliche Geschichte", Roman Ammann Verlag 2000