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Sabine Schmidt

aus: Breece D'J Pancake: "Meine Erlösung" ("The Salvation of Me", 1983);

übersetzt aus dem amerikanischen Englisch

Chester war gewitzter als jede Scheißhausmaus, denn Chester machte sich davon, bevor die Scheiße runterkam. Aber Chester hatte zwei Probleme: Nummer eins, er hatte Erfolg und Nummer zwei, er kam zurück. Das sind nicht die ganz normalen amerikanischen Probleme, so wie Trinken, Drogennehmen, Vögeln oder Verarschtwerden, denn in Rock Camp, West Virginia, werden keine ganz normalen amerikanischen Probleme gemacht, und ein ganz normales Hillbilly-Kaff ist es erst recht nicht. Wenn du noch nie von Rock Camp gehört hast, dann hast du auch noch nie einen Spiegel zerbrochen, bist nie unter Leitern durchgegangen oder hast noch nie St. Patrick's Day gefeiert, aber wenn du schon mal einen Reifen verloren hast, von der Tragfläche eines Doppeldeckers gefallen bist oder dich mit der linken Hand bekreuzigt hast, dann wahrscheinlich schon. Die drei letzteren sind die besten Arten, nach Rock Camp zu kommen, und einen guten Fluchtweg kennt niemand außer Chester, und der ist nicht in der Lage, etwas darüber zu sagen. Es war während Archie Moores bester Zeit -- Archie Moore der Gouverneur, nicht der Boxer --, als die süße Quelle der Gelben Rose Texas versiegte und Millionen Amerikaner auf die Überlebensgeschwindigkeit von 55 Meilen pro Stunde herunterzwang. Ich habe gehört, daß Leute aus Georgia bei Schnee nicht fahren können und daß Leute aus Arizona durchdrehen, wenn sie bei Regen am Steuer sitzen müssen, aber kein echtes Kind des Staates West Virginia würde je auf einer geraden Strecke weniger als 120 Meilen pro Stunde fahren, denn solche Pisten sind schwer zu finden in einer Landschaft, wo die Straßenkarten an ein Faß voller Würmer erinnern, die unter Veitstanz leiden. Zu jener Zeit entdeckte Chester, daß Leute auf dem Interstate 64 durch West Virginia rauschten, auf dem Weg zu interessanteren Gegenden wie Ohio und Iowa, und zum ersten Mal in seinem Leben schaffte Chester es, den vierten Gang in seinem Chevy mit dem Pontiac-Motor einzulegen. Frag mich nicht, was für ein Getriebe es war, weil ich krank war an dem Tag, als sie es einbauten, und frag mich nicht, wo Chester hinfuhr, denn ich sah ihn danach vier Jahre lang nicht, und als ich ihn wiedersah, erzählte er nichts. Ich weiß nur, daß Chester das große Los zog und zurückkam, um damit anzugeben, und daß ich ihn in den vier Jahren seiner Abwesenheit nie mehr gehaßt hatte als in den zwei Stunden, die er zuhause war. Die Tatsache, daß ich ohne Chester doppelt so viele Autos zu reparieren, halb so viel Benzin zu pumpen und niemanden für Straßenwettrennen oder Fahrmutproben am Wochenende hatte, glich sich von selbst dadurch aus, daß ich meine Zigaretten für mich allein hatte, denn Chester war der einzige Schnorrer an der Tankstelle gewesen. Und sein Verschwinden wärmte einen alten Traum wieder auf. Damals, 1961, als ich noch in der Schule war, stiegen von einem Ende des Ortes zum anderen alle in Rock Camp von Radios auf Fernseher um, und obwohl ich immer noch glaube, daß Kennedy damit Stimmen kaufte, schwören alle, daß es daher kam, daß sie in der Zeit vor der "Great Society" arbeiteten. So kam das alte Hallicrafters Radio auf seinen neuen Platz neben meinem Schreibtisch und meinem Bett und sah mich an, genauso wie es das später während stundenlanger Biologiehausaufgaben tun würde, so als ob jeden Moment Präsident Roosevelts Pearl-Harbor-Rede wieder aus den Lautsprechern kommen könnte. Was herauskam, und zwar nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, war der Sender WLS aus Chicago. Chicago wurde zu einem Traum, dann zu einer stärkeren Gewohnheit als pubertärer Selbstmißbrauch, dann ersetzte es das Wichsen, und schließlich führte es zu dem, was der Biologielehrer als Folge des Wichsens beschrieben hatte -- ich wurde verrückt wie ein verdammter Irrer. "Chicago, Chicago, that toddlin' town ..."

Sag nicht, ich soll den Rest singen, den hab ich nämlich vergessen, und frag mich auch nicht, was aus dem Traum geworden ist, denn ich habe den leisen Verdacht, daß Chester ihn abwürgte, als er zurückkam. Aber der Traum war schöner als der von Mrs. Dent, meiner Sex-Göttin und Mathelehrerin, in dem sie mich in einer Nachhilfestunde nach allen Regeln der Kunst vernaschte, und der Traum machte auch mehr Spaß, weil ich glaubte, daß er tatsächlich wahr werden könnte.