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Sven Amtsberg
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Sven Amtsberg

aus "nachtclub" | Romanauszug

Eins.

Sie lächelt in die Muschel. Der Telefonhörer ist hellblau. Eine Modefarbe letztes Jahr. Das Hellblau paßt gut zu ihrer Haut.
Sie sagt etwas.
Sie legt auf. Setzt sich auf den Teppichboden. Velours, denkt sie. Dabei sieht sie auf ihre Armbanduhr. Aber es ist noch Zeit, sie schaltet den Ton des Fernsehers wieder lauter.
Eine amerikanische Schauspielerin lacht. Ein amerikanischer Schauspieler lächelt.
Sie sitzt auf dem Boden mit einem teuren Teller auf den Knien. Schiebt sich Backofenpommesfrites von McCain in den Mund, tunkt sie vorher in eine orange Soße. Sie tunkt alles, was sie ißt, in diese Soße. Brot. Gemüse. Nudeln und Reis.
Auf der Fensterbank steht ein blauer Kanarienvogel und macht Kanarienvogelgeräusche. Sie nimmt es kaum noch wahr, diese Kanarienvogelgeräusche. Sie füttert ihn und gibt ihm Wasser. An den Käfigstäben ist ein runder Spiegel befestigt. Der Vogel guckt sich manchmal darin an. Nachts legt sie ein gebatiktes Tuch über den Käfig.
Sie sagt, der Vogel heißt Robbie. Nicht Hansi.
Sie öffnet die Käfigtür und bringt den Teller in die Küche. Die Küche ist weiß und ordentlich.
Sie sagt, Ordnung ist so ne Macke von mir. Ich räume ständig auf. Irgendwie muß das so sein. Ich mag es, wenn es sauber ist. Dann fühle ich mich wohl.
Sie lächelt und blickt zu Boden, Fliesen. An den Wänden sind Kacheln. Sie hat alte Postkarten daran befestigt. Kitschpostkarten. Es sind fast dreißig.
Sie sagt, zweiunddreißig. Ich sammel Kitschpostkarten. Aber nicht richtig. Nur so.
Sie läßt Wasser über den Teller laufen. Das Wasser ist warm und löst die Fetttropfen. Dann geht sie zurück.
In ihrem Zimmer kündigen sie einen Film über heiße Intrigen am Mittelmeer an.
Ein Mann schreit.
Sie sieht grüne Palmen. Zündet sich eine leichte Zigarette an. Auf der Schachtel sind goldene Dreiecke. Das Geräusch beim Herausholen der Zigarette empfindet sie als angenehm. Ein Knistern und Rascheln.

Zwei.

Sie steht nackt im Bad. Um ihren Kopf ist ein Handtuch mit Blumen gewickelt. Das Handtuch ist aus Frottee. Sie bindet sich ein Handtuch um den Körper. Auf dem Handtuch sind Vögel. Es ist größer als das um ihren Kopf, aber auch aus Frottee.
Im Bad ist es warm. Und feucht. Der Spiegel ist beschlagen. Sie kann nicht hineinsehen. Der Spiegel nicht hinaus.
Der Spiegel sagt, in mir ist es dunkel. Meine Seele ist schwarz. Aber das ist nur ein Moment. Der Moment, in dem ich alleine bin. Hinter dem beschlagenen Glas. Ich bin dann sehr einsam. Ich möchte rufen, daß man doch das Fenster aufmachen soll. Doch das tue ich nicht. Ich weiß, daß Spiegel nicht sprechen können. Ich bin jetzt ruhig.
Sie dreht sich um. Und noch einmal. Dreht sich im Kreis, als wenn sie glücklich wär.
Sie sagt, nein, glücklich bin ich nicht. Aber ich wars mal. Und ich werds auch wieder sein. Irgendwann vielleicht.
Sie hat die Kacheln blau überlackiert. Auf einigen sind Blumen aufgeklebt. Und auch ein Schwan, der weiß ist.
Sie sagt, die waren vorher braun.
Sie setzt sich auf den Klodeckel und winkelt das Bein an, sieht sich ihre Fußnägel an. Sie sehen aus, als könnte man durch sie hindurchsehen, wie durch Milchglas. Es scheint rosa dahinter zu schimmern.