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Ingo Herzke
Volker Oldenburg
Uda Strätling
Sven Amtsberg
Karen Duve
Charlotte Richter-Peill
Tanja Schwarze
Jan Wagner
Alicja Wendt

Charlotte Richter-Peill

aus "Der Keller" (Arbeitstitel) | Erzählung


Das Licht der untergehenden Sonne richtet am Himmel ein Blutbad an. Grillen geigen. Frösche jammern nach ihren Weibchen. Alle weiteren Nachbarn leben mindestens einen halben Kilometer entfernt. Ich habe das Maß an Einsamkeit erreicht, das man in dieser Gegend erreichen kann.
Die Sonne sinkt hinter die Bäume. Ich krieche in mein Zelt und rolle mich in meinen Schlafsack. Dann träume ich, wie ich nur als Kind geträumt habe: ohne mir vorher die Zähne geputzt zu haben.
Mein Traum führt mich in ein Zimmer. Weißgelbes Licht strömt durch ein Fenster. Auf der anderen Seite blühen Apfelbäume. Die Stille ist vollkommen.
Ich erwache vom Geschrei der Vögel. Sofort spüre ich, dass sich etwas verändert hat. Aber ich weiß nicht, was. Als ich mit einem Croissant, einem kaffeegefüllten Plastikbecher und dem Entschluss, mir einen Campingkocher zu organisieren, von der Bäckerei zurückkehre, stolpere ich über einen Hering und falle in mein Zelt. Sturzartig wird mir klar, worin die Veränderung besteht.
Über Nacht haben die Wände meines Zeltes einiges an Festigkeit hinzugewonnen. Soviel, dass sie unter meinem Gewicht nicht nachgeben.
Das ist die Veränderung. Ich finde sie beachtlich.

Ich kaufe einen Campingkocher und träume jede Nacht von dem Zimmer, in dem alles Wärme und Licht ist.
Nach einer Woche haben meine Träume das Zelt so weit verändert, dass es sich bequem darin leben lässt; meien Träume haben aus dem Zelt eine Hütte gemacht. Rauchgraue Wänder, ein Schieferdach. Es gibt nur einen Raum, der viel größer ist, als es von außen den Anschein hat. Das Fenster aus meinem Traum fehlt, trotzdem läuft der Raum über von Sonnenlicht. Ich nenne ihn das Zimmer der Helle. Ein Bett steht darin. Ein Sessel. Und eine Wiege, was ich nicht verstehe.
Mit jeder Nacht, jedem Traum dehnt und reckt sich mein Heim. Das zweite Zimmer ist riesig. Ein Atelier ohne Fenster. Überall stehen Klötze aus Stein, schwarz und glänzend, als hätte sie jemand in Öl getaucht. Weil mich ihre Größe bedrückt, zerhacke ich sie. Vielleicht werde ich das Haus, in dem ich bald leben werde, mit den von mir geschaffenen Splittern verzieren. Bis es soweit ist, schmücke ich das Atelier mit den Rosen, die ich auf meinen Spaziergängen von den Hecken schneide. Nachts träume ich.
Mit seinen kalkigen Wänden, der trockenen Kühle und den Betonpfeilern besitzt der dritte Raum den Charme einer Tiefgarage. An der Tür hängt ein Bild. Dargestellt ist ein Haus mit Fenstern, die Inseln aus Licht in der Dunkelheit sind. Vielleicht liegt der Sinn des Bildes darin, mich an das zu erinnern, was ich will. Doch wenn ich zu lange auf die Lichtinseln starre, beginne ich zu frieren; dann verwandeln sich die Inseln in Tunnel, die in das Bild führen. Fort von allem. Ich bin froh, dass mein Haus ohne Fenster ist.
Bei dem vierten Zimmer sind meine Träume ien paar Quadratmeter über das Ziel hinausgeschossen. Die gemauerten Bögen, die Säulen, das gnaze Dekor, alles wirkt überladen, theatralisch. Fehlt nur der Kristallüster, den ich von meinem Großvater erbte und der auf dem Dachboden meiner Eltern ein glanzloses Dasein führt. An einem Samstag hole ich ihn.

"Kommt morgen nachmittag", sage ich zu meinen Eltern.