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Ingo Herzke
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Ingo Herzke

aus: A.L.Kennedy: "Ein makelloser Mann" | Erzählungen

übersetzt aus dem Englischen

Um ihn herum flüsterte die Wartehalle beruhigend, und andere Passagiere schlenderten mit Speisen, die sie verzehren konnten, mit Getränken, die sie zu sich nehmen konnten, und zweifellos auch mit kleinen zollfreien Geschenken für ihre Liebsten umher. Er las eine liegengebliebene Zeitschrift, in der ein Artikel "Die Zahnärzte der Stars" überschrieben war; ganz amüsant eigentlich, aber er enthielt auch eine Liste all der winzigen Dinge, die in den Zähnen der Reichen und Schönen gefunden worden waren: Scherben von Weingläsern, Teppichfasern, menschliche Haare.

Die Erwähnung menschlicher Haare verstörte ihn. Er stellte sich die erfolgreichen, begehrenswerten Münder vor, sexuell aktive Münder, die sich unter den Händen des Zahnarztes öffneten und die Beweisstücke ihrer Befriedigung preisgaben - braun, braun, blond - die hinten zwischen den Backenzähnen steckten oder vorne an den Schneidezähnen hingen. Hinweise auf Schweinereien. Nicholson, Newman, Baldwin, Cage: sie lümmelten sich in den Liegestühlen ihrer Zahnklempnerkumpel, Haare auf den Zähnen von libidinösen Begegnungen, klappten die Kiefer auseinander und strahlten vor oraler Selbstzufriedenheit.

Er wünschte ihnen allen entzündetes Zahnfleisch.

Und dann, weil er nichts Besseres zu tun hatte, starrte er auf seine Knöchel. Blaue Socken. Schlicht, aber mit einem unauffälligen Webmuster; war das wohl das Richtige, fragte er sich? Er hatte heute morgen kaum über sein Erscheinungsbild nachgedacht, jedenfalls nicht richtig, weil sein Aufbruch doch sehr spontan und kurz entschlossen war. Seine Sachen waren alle sauber, gebügelt und aufeinander abgestimmt und so, aber vielleicht war blau keine so gute Idee, und wenn er sich's recht überlegte, war er im Moment geradezu eine Farbstudie in Blautönen. Er wußte, das betonte das Blaugrün seiner Augen, die wie verwaschener, schmieriger Grünspan aussahen, wenn er müde war, und er war müde und würde bald noch müder sein. Unglücklicherweise ließ ein helles Blau, die Farbe seines Pullovers, seine Haut farblos werden, so daß er aussah wie frisch exhumiert. Eine Leiche mit grün leuchtenden Augen - nicht gerade der vorteilhafte Eindruck, den er erwecken wollte.

Er mußte sich irgendwo im Stillen unter die Lupe nehmen und sein Äußeres überprüfen.

Nein. Er mußte nur hier sitzen. Das Schlimmste befürchten war immer besser als das Schlimmste zu wissen. Der Rest der Reise würde furchtbar werden. Er sollte sich einfach ein paar Mal ohrfeigen, bevor er sie sah, um sich etwas Blut in die Wangen zu treiben. Bevor er sie sah.

Adrenalin umspülte seinen Magen und löste ein beißendes Gefühl an jeder einzelnen Rippe aus. Er schloß die Augen und neigte den Kopf, als wollte er einem besonders bewegenden Musikstück widerstehen. Ein schrecklich deutliches und absolut fiktives Bild fing an, ihn zu bedrängen. Er sah sich selbst in seinem besten schwarzblauen Mantel - in dem Mantel, den er dabei hatte. Er stand darin auf einer Veranda, die er noch nie gesehen hatte, die aber dennoch aromatisch nach altem Holz und geschmolzenem Schnee und sanfter, aber sehr kalter Luft duftete. Sein Atem hing um ihn wie eine prächtige Girlande, und er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und klopfte mit den Stiefeln auf die Dielen. Drinnen im Haus wischte sie sich gerade das Mehl vom Backen von den Händen oder legte eine Buch zur Seite. Er konnte sich nicht recht entscheiden, welches Bild er sich machen sollte, also machte er sich beide. Dann ging sie ganz eindeutig zur Tür, um seinem Klopfen zu öffnen, um seinen ganzen Körper herein zu bitten und willkommen zu heißen.

Er würde sich von ihr auspacken lassen. Er würde sie die Temperaturunterschiede zwischen ihnen spüren lassen, die guten: seine kalten Haare, ihr warmer Hals, der hinterhältige Frost seiner Finger, die Hitze ihres Zitterns, wenn sie an seinen eisgekühlten Lippen leckt, und dann das schmerzhafte Sieden seines offenen Mundes.

Die Vorstellung, wie sie nach ihm griff, war beinah hypnotisierend. Beim Gedanken schwoll er sofort an, das Blut pulsierte allzu heftig. Zum Ausgleich dachte er an Margaret Thatcher und an Fernsehübertragungen vom Wettangeln, doch das Blut pochte weiter. Er stellte sich vor, wie er Nancy Reagan heftig von hinten nahm, und spürte, wie ihm kurz - na und? - der Schweiß ausbrach - bevor sich körperliche Ruhe in ihm ausbreitete wie Kleister. Er dachte daran, plötzlich zu explodieren und nichts als einen gepflegten, sauberen Fuß in einer guten blauen Socke und einem guten schwarzen Schuh zu hinterlassen - dazu natürlich einen äußerst unangenehmen, schmierigen Verbrennungsrückstand - und stellte fest, daß er schon fast wieder normal geworden war.