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Volker Oldenburg

Oscar Wilde, "Willie Hughes ist nicht zu fassen" | Erzählung

übersetzt aus dem Englischen.

"Eines Tages verließ Cyril die Stadt, um, wie ich damals glaubte, seinen Großvater zu besuchen. Später erfuhr ich jedoch von Lord Crediton, dass dies nicht der Fall war, und ungefähr vierzehn Tage später erhielt ich ein Telegramm, das in Warwick aufgegeben worden war und in dem er mich bat, ihn unbedingt noch am selben Abend zu besuchen und mit ihm zu essen. Als ich bei ihm eintraf, sagte er: . Ich fragte ihn, was er damit meine. Er antwortete, er habe nicht nur den Nachweis erbracht, dass es im sechzehnten Jahrhundert einen jungen Schauspieler namens Willie Hughes gegeben hätte, sondern er könne mir zudem an einem eindeutigen Zeugnis belegen, dass jener der Mr. W. H. aus den Sonetten sei. Er wollte zunächst nicht mehr sagen, doch nach dem Abendessen holte er feierlich das Gemälde hervor, das ich dir gezeigt habe, und erzählte mir, dass er es ganz zufällig gefunden habe, und zwar an die Seitenwand einer alten Truhe genagelt, die er in einem Bauernhaus in Warwickshire gekauft hatte. Die Truhe, ein außerordentlich schönes Stück elisabethanischer Handwerkskunst, hatte er natürlich auch mitgebracht, und in die Mitte des Vorderteils waren unverkennbar die Initialen W. H. geschnitzt. Dieses Monogramm hatte seine Aufmerksamkeit erregt, und er erzählte mir, dass er erst einige Tage nach dem Kauf der Truhe auf den Gedanken gekommen sei, das Innere einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Eines Morgens fiel ihm jedoch auf, dass die eine Seitenwand der Truhe deutlich dicker war als die andere, und bei näherer Betrachtung entdeckte er, dass ein gerahmtes Tafelbild daran befestigt war. Er nahm es heraus und sah das Bild vor sich, das jetzt auf dem Sofa liegt. Es war stark verschmutzt und mit Schimmel überzogen, doch nachdem er es gereinigt hatte, stellte er zu seiner großen Freude fest, dass er aus reinem Zufall auf genau die Sache gestoßen war, nach der er gesucht hatte. Es war ein lebensechtes Porträt des Mr. W. H., dessen Hand auf der Widmungsseite der Sonette lag, und auf dem verblassten Goldgrund des Rahmens war in schwarzer Unzialschrift noch schwach der Name des jungen Mannes zu erkennen: Nun, was sollte ich sagen? Es kam mir nie auch nur für einen Augenblick in den Sinn, dass Cyril Graham mir einen Streich spielte oder versuchte, seine Theorie mittels einer Fälschung zu beweisen." "Aber es ist eine Fälschung?", fragte ich. "Natürlich ist es das", sagte Erskine. "Es ist eine sehr gute Fälschung, aber dennoch bleibt es eine Fälschung. Ich fand damals, dass Cyril die ganze Sache recht gelassen aufnahm, aber ich erinnere mich, dass er mehr als einmal zu mir sagte, er halte einen Beweis wie diesen für unnötig, da er die Theorie auch so für vollkommen erachte. Ich lachte ihn aus, sagte ihm, dass die Theorie ohne diesen Beweis zusammenbrechen würde und gratulierte ihm zu seinem wunderbaren Fund."