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Susanne Höbel
Barbara Mesquita
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Sigrid Behrens

aus "Frau Simon" | Erzählung


Ich bin immer hellwach. Es lässt sich nicht vermeiden, die Ablenkung ist zu groß. Ein Gähnen in der Wand, das mich später im Hausflur grüßt, sie tun so harmlos, allesamt. Frau Simon zum Beispiel geht zum Bäcker. Gut, den in der Straße zu haben, sagt sie mir und schnürt ihren Müllbeutel, Das haben nicht alle, das ist sehr praktisch. Ein netter Mann, das finde ich auch, ich hole meine Zeitung dort, Ein netter Mann, ist ja auch Ausländer. Was soll das heißen, frage ich mich, Die sind ohnehin netter, erklärt sie mir, Die beklauen mich nie. Sie geht frühstücken, denke ich, denn es ist am Morgen, und ich bin noch müde. Sind Sie müde, Sie sind so blass, sagt sie zu mir und schaut von unten. Nein, sage ich, und blicke von oben, ich bleibe einfach oben stehen, mich treibt heute nichts mehr auf die Straße, Ich bin krank, sage ich, und sie versteht, Ja, sagt sie, Das sieht man gleich. Schonen Sie sich, das ist ganz wichtig, und lassen Sie die Arbeit Arbeit sein, dafür gibt's ja die Gewerkschaft, nicht wahr, und das ist gut. Ich war nie krank, aber wenn, dann muss man auch richtig. Sie lächelt. Ich gehe jetzt erst mal Kaffee trinken, erklärt sie mir, Manchmal, am Morgen, da gehe ich lieber. Sie weiß nicht, dass ich sie täglich höre, jeden Morgen geht sie fort, sie weiß nicht, dass ich die Minuten stoppe, dass ich weiß, wie lange sie braucht. Zwanzig Minuten, mindestens, manchmal mehr, wenn sie sich unterhält. Sie greift sich einen der Bauarbeiter, die dort regelmäßig ihre Pause machen, sie unterhält sich mir ihm über Arbeit, über Rente und darüber, wie gut sie es hatte, früher, bei der A.E.G. Ich hasse die Arbeit, sagt dann der Bauarbeiter, Ich könnte gerne darauf verzichten, sagt er, und sie guckt erstaunt. Meinen Sie das ernst, fragt sie den jungen Mann, Meinen Sie das wirklich ernst?
Wissen Sie, sagt sie zu mir, Das Schönste am Leben ist doch die Arbeit. Sie werden schon sehen, später dann. Später wird dann alles schwierig. Dann wird man nicht mehr ernst genommen, später, jetzt, wissen Sie. Wenn man alt ist, so wie ich, ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste, immer aufpassen muss man dann. Immer am Ball, das werden Sie sehen. Zum Glück bin ich ja-
Ja.
Ja.
Zum Glück bin ich eine reelle Person.