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Ina Bruchlos

aus "Hanseat" | Kurzgeschichte
aus der Sammlung "Städteverbindung Frankfurt-Hamburg"

"Warum verlangsamen Vögel ihren Flug?
Fällt ihnen überraschend etwas ein?"

Wenn ich jetzt gerade wo nicht sitze, dann ist das in einem Zug. Im Gegenteil ich sitze in einem Café, auch wenn Café nicht das Gegenteil von Zug ist, sitze ich in einem Café und tue mich wichtig, nicht in "Hanseat" oder "Seppel Herberger" und schon gar nicht im "Westfälischen Frieden", denn darin sitzt man nur, wenn man nach Bayern, in den Süden fährt, wenn man seine süße Nichte besucht und innerlich bei der Vorstellung weint, dass das arme Ding in drei Jahren unter bayrischen Holzkreuzen beten muss.
Ich sitze auf einem blauen, hanseatisch blauen Plastikstuhl, vor hanseatischen Backsteingebäuden und vermisse die Möwen. Im Sommer gibt es hier nie Möwen, was ich eigentlich nicht verstehe. Je besser das Wetter, desto weniger Möwen. Ein Zeichen, dass Möwen keine Zugvögel und ich kein Vogelkenner, aber in so kleine Köpfe will ich mich auch gar nicht reindenken. Ich erwarte nichts von Tieren, die Augen anstelle von Ohren haben und immer leicht asymmetrisch durchs Leben fliegen. Säße ich jetzt in Frankfurt, säße ich wahrscheinlich im Schatten der Commerzbank, zumindest war das letzten Sommer so, das erste Mal so letzten Sommer, weil: neu, die Commerzbank neu baute, einen Neubau hin und ein Café in den Schatten stellte, was wahrscheinlich auch die Absicht. Lieber hätte sie die Deutsche Bank... aber die wiederum so verspiegelt, dass sie verbrauchte Schatten sofort zurückwirft, und was jetzt im Schatten steht ist das Café Karin, was mir grundsätzlich egal ist, weil ich da nicht mehr wohne, aber auch egal war, als ich da noch wohnte. Ich sitze gern im Schatten und

fühle mich verkannt.

Gestern rief eine Freundin an und meinte, sie sei bitterlich enttäuscht, Elfriede Jelinek habe sie hintergangen, enttäuscht, und das gerade, wo sie die Jelinek immer so bewundert habe, habe diese in einem Interview nur Unsinn von sich gegeben, meine Freundin so gesehen jahrelang ge- und nunmehr enttäuscht, und ich, nebenbei bemerkt zu sehr wie Thomas Bernhard schriebe, den sie noch nie mochte. Ich sagte zu meiner Freundin, das könne sie doch jetzt so nicht sagen, und dass ich zwar Bernhard möge und bewundere, aber sollte ich so schreiben, wie Bernhard schreibt, so vernichtet mir das alles. Nein, habe ich gesagt, nein, ich glaube nicht, dass ich so schreibe, wie der Bernhard schreibt, obwohl ich gerade in diesem Moment dachte, der Bernhard und ich sind gar nicht so unterschiedlich, sagte ich zu meiner Freundin, nein, und dass ich zwar auch schreibe, so wie auch Bernhard schreibt, ein Schriftsteller ist, immer geschrieben habe, aber dass ich so schreibe, wie der Bernhard schreibt, das glaube ich einfach nicht, obwohl ich ja gerade in diesem Moment dachte, wenn es jemanden gibt, der so schreibt wie Thomas Bernhard, so bin bestimmt ich das, doch zu U., zu meiner Freundin sagte ich, ich schriebe genau so wenig wie Bernhard, wie die Duttweiler Traich verkauft und ihre Vermutung sei eine Unterstellung - der Untersteller.