Literaturpreise-Hamburg.de

Susanne Höbel
Barbara Mesquita
Beate Smandek u. Milka Vagadayová
Sigrid Behrens
Ina Bruchlos
Matias Grzegorczyk
Mascha Kurtz
Nils Mohl
Farhad Showghi

Mascha Kurtz

"Badetag" | Erzählung


Sie ziehen die Gurte fest. Um die Arme, die sich hinter der Stuhllehne treffen. Um die Beine mit der Haut, die fast durchsichtig wirkt. Fester, sagt Uwe, und Florian zieht. Sie versuchen, Stefan niederzuhalten, der sich windet und steif macht. Der sich nicht festbinden lassen will am Stuhl. Anders kriegt man den nicht in den Griff, sagt Uwe und sie ziehen die Gurte noch fester, bis sie einschneiden in die Haut. Die Anderen sitzen am Tisch. Sie scheinen nichts zu bemerken. Manche klappern mit den Löffeln auf der Tischplatte, einige sitzen ganz still. Sie haben alle kurze Haare. Die Büschel sträuben sich, weil niemand sich die Mühe macht, sie zu glätten. Die Gesichter der Mädchen sind aufgedunsen. Sie sind träge wie Seekühe; die Jungs mager und nervös. Gekleidet sind sie so, dass es praktisch ist. Florian hat das Gefühl, ihnen ausweichen zu müssen. Sie kommen ihm zu nah mit ihren klebrigen Händen, die Backen aufgeplustert, als hätten sie zu viele Bonbons im Mund. Ihr Geruch überträgt sich auf ihn. Wenn ihr Atem ihn streift, kann er nicht verhindern, dass er sich abwendet. Er holt den Putzwagen. Die Flure dünsten den Geruch nach Desinfektionsmitteln und Körpern aus. Von irgendwoher kommen Geräusche und fangen sich zwischen den Wänden. Es ist, als trieben sie ihn vor sich her. Eine der Türen führt zu Eva. Welche, weiß er nicht. Er hat sie immer nur im Besuchsraum gesehen. Manchmal, bei schönem Wetter, haben sie ihren Rollstuhl durch den Park geschoben.
An der Wand kleben noch ein paar Karottenscheiben, der Rest ist auf den Boden gerutscht. Eines der Mädchen leckt die Karotten von der Wand. Uwe lacht, streicht ihr über den Kopf und führt sie zum Tisch zurück. Er legt seine Hand auf ihre. Zusammen führen sie den Löffel zum Mund, den das Mädchen weit aufsperrt. Florian wringt den Lappen aus. Er dreht sich um, weil er denkt, Stefan sähe ihn an. Aber seine Augen sind geschlossen. Sein Brustkorb ruckt beim Einatmen, Florian hört die Luft ein und aus strömen. Er scheint zu lauschen.

Er lauscht nach Innen. Er kennt die Tiefe seines Körpers nicht. Bisher ist er nie auf Grund gestoßen. Etwas hält ihn davon ab, seine Arme und Beine zu bewegen. Ein Druck liegt auf seinen Handgelenken und Knöcheln. Er stemmt sich nicht mehr dagegen. Er lauscht. Etwas steigt hoch aus der Tiefe. Es bläht sich auf, schmiegt sich an die Simse und Kanten in seinem Inneren, bläht sich auf, bis es ihn ganz ausfüllt, dann quillt es aus ihm heraus. Es ist warm und weich. Der Geruch beißt in seine Schleimhäute. Er saugt ihn ein, und dann schreit er. Seine Stimme zerschneidet, was ihn hält. Das ist sein Triumph.

Stefans Gesicht ist ein Loch. Er schreit. Über die Stuhlkante tropft Urin, der sich in einer Lache am Boden sammelt. Ein paar von den Anderen schreien mit, einige halten sich die Ohren zu. Einer schlägt mit dem Kopf gegen die Tischplatte. Diejenigen, die weder hören noch sehen können, bewegen sich nicht. In den Waschraum! schreit Uwe. Er lockert die Gurte. Ihre Abdrücke zeichnen Stefans Haut. Der Urin riecht nach Mandarinen, darunter liegt der andere, dickere Geruch. Halt die Hände fest, sagt Uwe. Florian fasst um Stefans Handgelenke, seine Fingerkuppen berühren sich. Über den Augen wölben sich Stefans Lider nach Außen. Die violetten Adern verästeln sich in der milchigen Haut. Florian hat Angst, er könnte sie öffnen. Stefan kriegt eine Hand frei. Sie taucht in den Bund der Jogginghose und kommt wieder hervor. Er schmiert sich die Hand übers Gesicht. Dabei sieht er ruhig aus, fast glücklich. Uwe brüllt, Florian fühlt, wie Stefans Körper vibriert. Sie zerren ihn über den Flur in den Waschraum, zerren ihm die Hose runter und schieben ihn in einer der Kabinen. Uwe packt den Besen, der neben dem Waschbecken steht. Er drückt Stefan die Bürste in den Bauch und hält ihn auf der Schüssel fest. Stefan schiebt das Kinn vor, sein Mund schnappt auf und zu. Seine Knie schwingen hin und her, sein Rumpf schaukelt vor und zurück. Er krallt nach dem Besen, blind. Seine Ellbogen schlagen gegen die Kabinenwand. Die Hose hat sich um seine Waden gewickelt. Uwe ist sein Gott, die Kraft, die er nicht versteht, die ihn niederdrückt, gegen die er sich auflehnt, vergeblich, immer aufs Neue. Er weiß nicht, dass er verlieren wird. Er erinnert sich an nichts.