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Nils Mohl

aus "entropische anomie" | kurzgeschichten


ein rotes kabel, ein blaues kabel. eine stirn, gefurcht, panisch gefurcht, perlender schweiß, der sich in den furchen sammelt, ein display, digital, laserrote zahlen, rückwärtslaufend: minuten, sekunden, hundertstelsekunden. verbleibende zeit: keine siebzehn minuten mehr. ein rotes kabel, ein blaues kabel, zittrige hände, zweifellos meine hände, kalter schweiß, der mir in langen fäden an den rippen hinabläuft, der gedanke: nachdenken jetzt, und noch ein gedanke, nämlich: nur die ruhe bewahren, cool bleiben. ein vernünftiger, ein spitzengedanke, wie ich finde, zumal er sofort platz macht für den nächsten, der da lautet: aufstehen. stehe also auf, sehr angenehm, die knie danken, ein leichter schwindel, ein kurzer ausfallschritt, bin wieder orientiert, klopfe mir nicht vorhandenen staub von den ärmeln, schaue mich um: niemand scheint notiz von mir zu nehmen, niemand scheint etwas bemerkt zu haben, niemand hier scheint auch nur das geringste zu ahnen, was besser ist, tumult wäre in dieser situation unangebracht. zu viele menschen hier, in dieser geräumigen zwei-zimmer-wohnung, entspannte, nicht unbedingt ausgelassene, aber tendenziell eher fröhliche menschen, leger, gut, stilsicher gekleidete, in kleinen grüppchen beieinander stehende, ausnahmslos junge menschen, die ganz offensichtlich aus einem bestimmten grund, eine feier, eine party, vermute ich, in dieser wohnung zusammen gekommen sind. angesichts dieser umstände erscheint mir meine garderobe, ich trage smoking, nicht wirklich angemessen, aber, wie heißt es so schön: kleidung hat zur person, die sie trägt, nicht zum ort, an dem sie getragen wird, zu passen. eine weisheit, die beruhigt, verrät mir ihre anwesenheit in dem oberstübchen hinter meinem scheitelbein doch zumindest dies: der kopf ist klar, und solange klarheit im kopf herrscht, beklagt man sich besser nicht, und das tue ich dann auch: ich beklage mich nicht. wobei: so ganz klar im kopf kann ich nicht sein, habe ich nicht eben noch schweiß sich perlend auf meiner stirn sich sammeln sehen? wie geht das? und überhaupt: wieso weiß ich, daß dieser raum, eine art fernsehzimmer, spärlich möbliert: eine ledercouch, ein sessel, eine stehlampe, ein beistelltisch und gegenüber dieses ensembles, auf zwei ziegelsteinen stehend, ein tv-gerät, 70er bildschirm, wieso weiß ich, daß dieser raum teil einer zwei-zimmer-wohnung ist, weiß aber nicht, was hier gefeiert wird zum beispiel? sehr rätselhaft. und dann sind da ja auch noch dieses blaue und dieses rote kabel, und, tick-tick-tick, mechanisches ticken, ein schneller blick auf das display: keine fünfzehn minuten mehr. was wiederum bedeutet, keine fünfzehn minuten mehr, diesen dingen auf den grund zu gehen. setze mich deshalb in bewegung, verlasse den raum, genauer gesagt: sehe mich, tobotter, den raum verlassen, folge mir, sehe mir beim verlassen des raumes zu, sehe tobotter den langen, schlauchartigen, von reichlich gästevolk bevölkerten, lichtarmen flur passieren, gehe ihm nach, sehe tobotter am gegenüberliegenden ende des flures in die küche verschwinden. ein rotes kabel, ein blaues kabel, denkt er, ich denke: ganz schnell einen drink jetzt.