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Susanne Höbel
Barbara Mesquita
Beate Smandek u. Milka Vagadayová
Sigrid Behrens
Ina Bruchlos
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Mascha Kurtz
Nils Mohl
Farhad Showghi

Susanne Höbel

aus: Jamaica Kincaid "Poor Visitor" | Short Story

erschienen in dem Band Wonderful Town - New York Stories from the "New Yorker", Herausgeber David Remnick, New York 2001.
übersetzt aus dem Englischen

Arme Besucherin

...
Der Morgen, der Morgen meines ersten Tages, der Morgen, der auf meine erste Nacht folgte, war ein sonniger Morgen. Es war nicht das leuchtende Sonnengelb, das ich kannte, bei dem sich alles, fast wie aus Furcht, an den Rändern zusammenrollte, sondern eine blass-gelbe Sonne, als wäre sie schwach geworden bei dem anstrengenden Versuch zu scheinen; dennoch, es war sonnig, und das war schön und ich vermisste mein Zuhause nicht so sehr. Und so stand ich auf, als ich die Sonne sah, und zog mir ein Kleid an, ein buntes Kleid aus Madras-Stoff - genauso ein Kleid, wie ich anziehen würde, wenn ich zu Hause wäre und ein Tag auf dem Land vor mir läge. Das war alles verkehrt. Die Sonne schien, aber die Luft war kalt. Schließlich war es Mitte Januar. Aber ich wusste nicht, dass die Sonne scheinen und die Luft trotzdem kalt sein konnte; niemand hatte mir das je gesagt. Was war das für ein Gefühl! Wie soll ich es erklären? Etwas, das ich immer gewusst hatte - so wie ich wusste, dass meine Haut so braun wie eine immer wieder mit einem weichen Tuch polierte Nuss war, oder so, wie ich meinen Namen wusste - etwas, das für mich immer ganz selbstverständlich war, "die Sonne scheint, die Luft ist warm", war mit einem Mal nicht so. Ich war nicht mehr in einer tropischen Zone, und diese Erkenntnis trat nun in mein Leben wie ein Wasserstrom, der ehemals trockenen und festen Erdboden teilte und zwei Ufer entstehen ließ, eins davon war mein vergangenes Leben - so vertraut, so vorhersagbar, dass selbst der Gedanke an mein früheres Unglücklichsein mich jetzt glücklich machte - und das andere meine Zukunft, eine graue Leere, eine wolkenverhangene Meereslandschaft, auf die der Regen fiel. Und weit und breit keine Schiffe in Sicht. Ich lebte nicht mehr in einer tropischen Zone, und mir war kalt, innen und außen, und es war das erste Mal, dass ein solches Gefühl mich überkam.

In Büchern, die ich gelesen hatte, kam es hin und wieder, wenn die Handlung es verlangte, vor, dass jemand unter Heimweh litt. Jemand verließ eine nicht sehr schöne Situation und ging woanders hin, dorthin, wo es viel besser war, und sehnte sich dann wieder dahin zurück, wo es nicht sehr schön war. Wie ungeduldig wurde ich jedesmal mit diesem Menschen, denn ich fand, dass ich selbst auch in einer nicht sehr schönen Situation war, und wie gern wollte ich woanders hingehen. Doch jetzt hatte auch ich den Wunsch, dorthin zurückzukehren, wo ich herkam. Dort kannte ich mich aus, ich wusste, woran ich dort war. Hätte ich damals ein Bild von meiner Zukunft malen müssen, dann hätte ich einen großen grauen Fleck gemalt und drum herum Schwarz, Schwärzer, am Schwärzesten.
Was für eine Überraschung war es doch für mich, dass ich mich an den Ort zurücksehnte, von dem ich gekommen war, dass ich mich danach sehnte, in einem Bett zu schlafen, für das ich zu groß geworden war, dass ich mich nach Menschen sehnte, deren kleinste, natürlichste Gesten einen solchen Zorn in mir hervorriefen, dass ich sie am liebsten alle tot zu meinen Füßen hatte liegen sehen wollen. Ach, ich hatte mir vorgestellt, mit dieser einen entschlossenen Tat - von zu Hause wegzugehen und hierherzukommen - könnte ich alles ablegen, als wäre es ein altes Kleid, das ich nie wieder anziehen würde, meine traurigen Gedanken, meine traurigen Gefühle und meine Unzufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen, so wie es sich mir darstellte. In der Vergangenheit war mir der Gedanke, in meiner gegenwärtigen Situation zu sein, ein Trost gewesen, aber jetzt konnte ich mich nicht einmal mehr darauf freuen, und so legte ich mich auf mein Bett und träumte, ich äße eine Schale voll rosa Schwertfisch und grünen Feigen, in Kokosmilch gekocht, und meine Großmutter hätte mir das Essen zubereitet, weshalb es mir so gut mundete, denn sie war der Mensch, den ich auf der ganzen Welt am liebsten hatte, und dies waren die Dinge, die ich am liebsten von allen aß.