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Susanne Höbel
Barbara Mesquita
Beate Smandek u. Milka Vagadayová
Sigrid Behrens
Ina Bruchlos
Matias Grzegorczyk
Mascha Kurtz
Nils Mohl
Farhad Showghi

Barbara Mesquita

aus: Patrícia Melo "Acqua Toffana / Ich töte, du stirbst" | Erzählband

(im Original: Acqua Toffana, Companhia das Letras, São Paulo)
übersetzt aus dem Portugisischen.

1

Ich bin ein pünktlicher Mensch. Seit fünfundzwanzig Jahren arbeite ich in der Kanzlei, und nie bin ich auch nur einen einzigen Tag zu spät gekommen. Der Fahrstuhl war da. Ich stieg schnell ein, und diese hinterhältige, träge schließende Tür vermasselte mir den Morgen. Ich drückte aufs Erdgeschoß, und beim Aussteigen berührte eine Hand mich am Ellenbogen. Ich hasse das. Ich hasse es, wenn man mich mit so einer dreckigen Hand anfaßt. Es war die Frau aus dem siebten Stock. Nie kann ich mich an ihren Namen erinnern.
"Darf ich Ihnen eine kleine Sekunde Ihrer Zeit stehlen?"
Rio Branco, die blöde Kuh wußte nicht, wo die Avenida Rio Branco war. Sie roch nach Suppe, unerträglich. Ich war ohnehin zu spät. Ich erklärte ihr den Weg, ohne meinen Ärger zu zeigen. Sie konnte nicht folgen. Glotzte mich an, fett wie sie war, ganz Fragezeichen. Sie biegen ab, gehen über die Ampel, wenden sich nach rechts und fertig. Scheiße, fünf Minuten. Gehen weiter geradeaus, nach rechts, nach links und sind da. Nichts, sie kapierte es nicht. Es ist nicht gut, bewaffnet herumzulaufen, sie brachte mir Unglück. Ich verpaßte ihr drei kräftige Schüsse mitten in die Stirn, um zu sehen, ob sie die Gedanken so besser erfaßte.
An dieser Stelle werde ich immer wach. Es ist 2h00 morgens, gerade habe ich meine Schlaftabletten genommen. Das ist die einzige Methode, die ich gefunden habe, um diese Alpträume zu vermeiden. Seit genau zwei Monaten verfolgen sie mich. Manchmal variiert der Schluß. Ich kann mich erinnern, daß ich sie beim ersten Mal erwürgte und daß sie selbst tot noch diesen idiotischen Gesichtsausdruck hatte. Ein anderes Mal warf ich sie in den Fahrstuhlschacht. Ich weiß nicht, warum das mit mir passiert. Ich bin nie ein gewalttätiger Typ gewesen. Ich bin ein rechtschaffener Mann, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Alles normal. Ganz ehrlich, ich glaube, daß Gott dabei ist, mich zu bestrafen. Irgend etwas an meinem Leben ist verkehrt. Alles begann Mitte Februar. Ich hatte es eilig, denn ich sollte vor 8h00 in der Kanzlei sein. Genau an jenem Tag hatte meine Frau mein weißes Hemd nicht gebügelt. Ich begreife nicht, warum. Ich trage montags immer ein weißes Hemd. Die Frau hat den Samstag und den Sonntag zum Waschen und Bügeln, und trotzdem war kein Hemd im Kleiderschrank. Ich wartete, mußte ohne Hemd frühstücken, und das ist nicht gerade etwas, das mir behagt. Ich nahm den Fahrstuhl und traf Dona Célia aus dem siebten Stock, fünfzig Jahre, pummelig, und wie geht es Ihnen, der Wasserschaden, die Tomaten, der Parlamentarismus und was weiß ich noch alles. Sie hat die krankhafte Angewohnheit, einen am Arm festzuhalten, während sie redet. Manche Leute stört das nicht. Ich ertrage es nicht, wenn man mich angrapscht. Sie fragte mich nach einer Straße in der Innenstadt. Ich bin geduldig, erklärte es ihr bereitwillig. Sie verstand nicht, und ich schwöre, daß mir das nichts ausmachte. Ich erklärte es ihr zum zweiten Mal, so schulmäßig wie möglich. Sie grinste dumpf, ha ha ha, wie war das noch mal? Ich dachte, daß sie über mich lachte. Sie kannte den Weg, die Hure, aber sie machte sich wegen des Portiers einen Spaß daraus, die beiden sind dick befreundet! Zum ersten Mal im Leben verspürte ich den Wunsch, jemanden umzubringen. Nein, nicht irgend jemanden: diese Frau aus dem siebten Stock, schlechtgefärbtes Haar, zwei Fingerbreit weißer Ansatz! Worte taugen nicht die Bohne, wenn wir etwas Wahres sagen wollen. Es liegt keine Ausdruckskraft darin: Ich will, daß Sie sterben. Ich verspürte den reinen Wunsch, das handfeste Bedürfnis, zu töten. Messer, Dolche, Revolver, Strychnin. Stricke, Dolche. Messer. Messer. Messer. In dem Moment war mir das nicht bewußt. Es hätte staubfeine Wut sein können, die sich beim Gehen verflüchtigt. So etwas habe ich oft. Eine wahnsinnige Wut, eine Lokomotive, die durch meinen Kopf donnert und wieder fort ist, bevor ich auch nur einen Finger hebe.
Ich bin ein pünktlicher Mensch. Um 8h00 traf ich in der Kanzlei ein, obwohl diese Idiotin mir beinahe meinen Zeitplan über den Haufen geworfen hätte. Mein Kopf glich einem Bahnhof. Der Zug fuhr langsam ein. Für alles war Zeit: Sie sagte irgend etwas, ich zog das Messer. Versetzte ihr einen Schnitt am Hals von zwei Zentimetern Breite und zehn Zentimetern Länge. Der Zug würde abfahren, ich mußte Wasser ins Gesicht spritzen, die Handgelenke benetzen. Messer.
Durch die Scheibe vom Waschraum kann ich den Platz sehen, an dem ich seit fünfundzwanzig Jahren arbeite. Was sich mit der Zeit geändert hat, ist die Anzahl der Tische. Heute sind es dreißig, aufgereiht in fünf Kolonnen und kenntlich gemacht mit einem Schild: Herr soundso. Auf jedem Stuhl befindet sich eine schwarze, braune oder kackgrüne Joppe - das jedenfalls denke ich über das Grün, das die Jüngeren tragen. Und da liegt auch ein Stapel Papier. Messer. Ein Gutteil meiner Arbeit besteht darin, auf Verträge, Urkunden und Testamente diesen kleinen Finger zu stempeln, der auf den Platz für die Unterschrift hinweist. Ich fühlte mich komisch an diesem Tag. Ich mochte schon an die fünfhundert Fingerlein gestempelt haben. Tumb. Tumb. Tumb. Sie schienen auf etwas anderes hinzuweisen. Auf den Bahnhof. Die Lokomotive.
"Darf ich Ihnen eine kleine Sekunde von Ihrer Zeit stehlen?"
Sie, die Frau aus dem siebten Stock. Rotlackierte Zehennägel. Wirklich, ich kann das nicht ertragen. Ich griff nach einem Stift und brachte ihr eine Perforations-Kontusions-Verletzung von dreizehn Zentimetern Länge im Bauchbereich bei, in einer Entfernung von nur fünf Zentimetern vom Herz, welches noch schlug. Es fanden sich Prellungen an der Brust und Abschürfungen an den Halsmuskeln. Aber die habe nicht ich verursacht. Der Zug würde davonfahren, wenn ich Wasser in den Nacken laufen ließ. Jemand fragte mich, was mit mir los sei. Messer. Was mit ihnen los war, wollte ich wissen. Weshalb hatten alle diese gelbliche Farbe?
Mir war schlecht, ich ging zur Toilette und übergab mich. Dann ist es das, dachte ich. Ich will niemanden umbringen. Nur mein Magen ist nicht in Ordnung. Ich kehrte beruhigt nach Hause zurück.

2

Übung Nummer 1


Es war Sonntag, und ich fuhr gerade die Kinder zum Grasen nach Ibirapuera. Meine Frau haßt es, wenn ich so rede, und ist beleidigt. Ich kann eingeschnappte Leute nicht leiden, ich finde, das ist was für Ignoranten. Die Ärmste. Ich am Steuer, die Straßen wie leergefegt. Ich mag den Sonntag. Tumb. Der Stempel zeigte auf den Bauchladen. Dona Célia, die gerade herauskam, die Arme mit Tomaten beladen. Rot, die Ampel sprang um. Tumb. Ich bremste scharf, die Vorderräder blieben ein kleines Stück auf dem Fußgängerstreifen stehen. Die Tomaten beschwerten sich. Ich wandte das Gesicht um, setzte zurück, um Komplikationen zu vermeiden. Wohlgemerkt: Ich fuhr von dem Fußgängerstreifen herunter. Aber die fette Célia wollte mich piesacken: Rechte. Bürger. Anstand. Ich gab Vollgas. Sie blieb zermalmt am Boden liegen. Die Tomaten auf dem Asphalt.

Übung Nummer 2


Ich wollte nur die Zeitung lesen. Nicht mehr, bloß Zeitung lesen. Es klingelte. Ich ging aufmachen, es war Dona Célia mit Eis. Ich bemühte mich, freundlich zu sein und ihr die Styroporverpackung aus den Händen zu nehmen, ihr zu verstehen zu geben, daß ich in diesem Augenblick keinen Besuch wünschte. Ich wollte Zeitung lesen. Sie sträubte sich, hielt die Schachtel fest, und zu allem Überfluß versuchte sie auch noch, hereinzukommen, indem sie mich drängelte. Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Ich hasse es, wenn man mich drängelt. Ich drückte sie mit aller Kraft gegen die Tür, bis ich sie zweigeteilt hatte. Bei der Totenwache sagte der Arzt, ich hätte Dona Célia die Schambeinfuge und das Kreuzbein gebrochen. Geschieht ihr ganz recht!

Übung Nummer 3


Maus. Ich fuhr mit der Hand über den Arm: drei Speicheltröpfchen. Ich wandte das Gesicht ab. Doch sie rückte näher und redete weiter. Angewachsene Zunge, das ist noch verständlich, aber der Spuckregen fing an, mich wahnsinnig zu machen. Ich begriff, daß sie nur ein stimmhaftes R auszusprechen brauchte, und ein Strahl sprudelte mit hervor. Noch ein Tropfen an den Hals. Ich wischte ihn mit dem Hemdkragen ab. Radio. Rauschen. Rational. Ratsam. Der letzte landete auf meinen Lippen. Einhundertdreißig Arten von Bakterien! Ich riß ihr mit den Händen die Eingeweide heraus.

Meine erste schlaflose Nacht war noch sehr viel schlimmer als das. Ich erinnere mich nicht mehr an die anderen Übungen, aber sie waren vom gleichen Kaliber.
Wie schon gesagt, hatte ich an jenem Nachmittag Magenprobleme gehabt. Ich kam um 18h45 nach Hause. Normalerweise mag ich den Steakgeruch, der um diese Uhrzeit in der Eingangshalle des Gebäudes hängt. Es ist ein ehrlicher Geruch. Aber an jenem Tag wurde mir davon übel. Ich betrat die Wohnung, meine Kinder saßen vor dem Fernseher, den Kopf nach hinten gesackt, mit leicht sabberndem, halbgeöffnetem Mund wie schlafende Vöglein. Sie mögen ihren Vater nicht. Meine Frau ist merkwürdig. Sie hat Angst vor mir. Ich sollte aufhören mit dieser Kragenmarotte, aber es gibt eine bestimmte Art, Kragen zu bügeln, und Kanzleiangestellte wissen das. Sie müssen am Hals eng anliegen, das ist Eleganz. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Kragen, der dir das Gefühl gibt, dein Hals habe Flügel oder ein Flugzeug schwirre in deiner Kehle umher. Ich nehme immer Abkürzungen. Es fällt mir schwer. Einer Geraden zu folgen. Der geraden Linie meiner Geschichte. Offen gesagt, behagt es mir nicht, sie zu erzählen, ich glaube, genau deswegen verliere ich mich. Aber es ist meine Pflicht. Heimlichkeiten bringen mich um den Verstand. In meinem Leben gibt es eine exakte Mathematik. Um 22h00 gehe ich zu Bett. In jener Nacht konnte ich nicht schlafen. Das kommt bei mir nicht vor. Schlaflosigkeit. Ich war erschrocken. Die Lokomotive, die in meinen Kopf einfuhr, meine Nerven die Gleise. Ich kochte. Haß ist ein Ferment, es macht uns mächtig. Ich ging so weit, unterhalb der Linie von Célias Brustwarze einen Schnitt zu setzen, in den ich meinen Finger hineinsteckte. Célia, Célia, Célia. Ihr Herz schlägt noch. Ich habe ihre Füße gesehen. Da sind zwei kolossale Überbeine, die mich die Zähne zusammenbeißen lassen. Weiße Sandaletten. Weshalb erbost mich das dermaßen?
Bei der Arbeit gingen die Gelben dazu über, mich zu bespitzeln. Dreißig Tische, die mich anglotzten, weil ich fünf Minuten zu spät kam. Dreißig erschrockene Joppen. Es waren fünfundzwanzig Jahre, einhundertsiebenundzwanzig Tage und zwölf Stunden Pünktlichkeit. Tumb. Tumb. Tumb. Die Fingerlein zeigten auf mein Gesicht.
An alledem ist Célia schuld. Ich war ein ganz normaler Mann. Ich hatte keine Bilder. Nach der ersten Woche wurde mein Leben unerträglich. Lokomotive. Es ging so weit, daß ich achtzig Stunden ohne Schlaf verbrachte. Züge. Gleise. Wohlgemerkt: Ich habe nie Geschmack daran gefunden. Ich wollte aufhören, ich habe sogar geweint, mich übergeben. Aber ich hatte die Kontrolle über meine Gedanken verloren. Lokomotiven. Schwerter. Sie hat mein Leben zerstört, jedermann kann das sehen. Ich stand ganz ruhig in meiner Ecke. "Darf ich Ihnen eine kleine Sekunde Ihrer Zeit stehlen?" Sie hat rote, feuchte Hände. Ich bin nicht imstande, sie anzufassen. Sie sehen aus wie eine Handvoll rohes Fleisch. Klopse. Ich grüßte Célia nur, weil meine Frau sagte, die Nachbarn, eine Tasse Zucker, ein kleiner Gefallen, darf ich mal Ihr Telephon benutzen? Nein. Mein Telephon nicht. Kommt nicht in Frage. Denn hinterher spreche ich in die Muschel. Speicheltröpfchen hängen daran. Guter Gott, das ist wirklich abstoßend. Die gerade Linie. Wie ich schon sagte, war ich bereits ganz verzweifelt. Bis mir auf der Arbeit ein Dicker auf die Schulter klopfte und fragte: Was ist los? Probleme zu Hause? Probleme zu Hause! Einhundertfünfzehn Kilo Freundschaft für den Müll mit einem derart bescheuerten Satz. Ich darf diese Art Gerede nicht dulden. Küche. Ratschläge. Ich beschloß, zum Arzt zu gehen. Er verschrieb mir Schlafmittel. Einen angstlösenden Wirkstoff, Opium, Chloralhydrat. Das macht müde, das Bewußtsein wird ausgeschaltet. Eine Betäubung der Sinne tritt ein, und die Muskeln werden träge. Ich las den Beipackzettel, mehrere Beipackzettel: Zusammensetzung: x Chlor y Methyl 5 Phenyl usw. Indikation: Bei psychischen Spannungszuständen zur Muskelentspannung und bei zerebral bedingten Krämpfen. Genau das ist es. Seine angstlösende Wirkung übertrifft die aller anderen gängigen Benzodiazepine, die verwendet werden. Ideal. Das war es, was ich brauchte. Weder Kraftfahrzeuge steuern noch gefährliche Maschinen bedienen. Blödsinn. Mundtrockenheit. Ist mir egal. Aktivität des sympathischen Systems... was für eine faszinierende Angelegenheit. Ich war völlig gebannt von den Schlafmitteln. Lexotan. Dalmadorm. Valium. Tranxilen. Vor allem Lorax. Sie machten mich rundum glücklich. Mein Leben wurde wieder normal. Es hieß sogar, ich hätte zugenommen. Ich verbrachte den Tag damit zu warten, daß die Uhr 19h00 zeigte, um die magische Kapsel zu schlucken. Mein Körper fühlte sich an wie ein leeres Wasserreservoir. Allmählich begann der Wasserpegel zu steigen, ganz langsam. Wenn er über die Augen hochgeklettert war, ertrank ich im Schlaf. Am nächsten Tag wachte ich auf wie nach einer Gehirnwäsche. Es dauerte ungefähr fünf Minuten, bis ich wußte, wo ich mich befand. Das war gut. Ich gewann meine gute Laune zurück. Brachte meine Kinder samstags wieder zu meiner Mutter. Häkeln. Bei der Arbeit schien alles normal. Was Dona Célia anging, so dachte ich nicht mal mehr an sie. Bilderlos. Natürlich fing ich an, einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Ich wohne im fünften Stock, ich weiß nicht, ob ich das schon erwähnt habe. Nie wieder fuhr ich mit dem Fahrstuhl. Ich betrat und verließ das Gebäude nur noch durch die Garage und schickte immer die Kinder vor, um zu sehen, ob jemand in der Nähe war. Manchmal nahm ich den Suppengeruch im Treppenhaus wahr, aber die Lokomotive pfiff nicht. Das war ein Zeichen dafür, daß alles wie am Schnürchen lief.
Eines Nachts indes passierte etwas Merkwürdiges. Ich nahm meine grandiose Kapsel, das Reservoir lief voll Wasser, ich schlief ein. Célia tauchte schwimmend auf. Sie ist fett, schwabbelig, solchen Frauen müßte verboten werden, an den Strand zu gehen. Sie schwamm von rechts nach links quer durch meinen Traum. Ich versuchte aufzuwachen, aber die Schlafmittel hatten die Tür zur Wirklichkeit verrammelt. Célia schwamm in gleichförmigem Rhythmus, tschock, tschock, tschock. Sie trug eine Badehaube, die sie sehr rundlich wirken ließ. Implosionen in meinem Inneren. Ihre Füßchen schlugen auf die Oberfläche und reizten mich bis aufs Blut. Ich hielt ihren Kopf unter Wasser fest. Es machte ihr nichts aus. Sie schlug weiter mit den Füßen, bis sie die Kräfte verließen. Sie war tot. Ihre Leiche trieb die ganze Nacht weiter durch meinem Traum, bis am Morgen das Tor des Reservoirs entriegelt wurde. Ich wachte auf. War völlig schweißgebadet. Lokomotiven.
In den darauffolgenden Nächten passierte das gleiche. Ich ging mehrfach zum Arzt. Er veränderte jedesmal das Medikament und die Dosierung. In den ersten Nächten trat eine Wirkung ein, doch dann konnte ich gar nicht mehr schlafen. Nur mit einem Mittel fand ich Schlaf: ausgerechnet mit jenem, das mich in meinen Traum einsperrte, und da ich an Klaustrophobie leide, konnte ich es nicht ertragen.
Ich verbrachte Nächte, ohne ein Auge zuzutun. Messer. Ich verbrannte mir sogar mit der Zigarette die Hand bei dem Versuch, meine Gedanken zu beeinflussen. Vergebens. Meine Begierden schmerzten.
Célia. Schußwunden. Schnitte. Dolch. Verbrennungen. Mißhandlungen. Messer. Erwürgen. Eines Nachts konnte ich diesem Druck nicht mehr standhalten. Ich nahm alle Schlaftabletten, fünfundvierzig, wenn ich mich nicht verzählt habe. Ich wachte im Krankenhaus auf, meine Frau hielt mir die Hand.
"Es ist alles in Ordnung, Liebling."
Alles in Ordnung, Liebling! Niemand kann sich vorstellen, was es heißt, sterben zu wollen und gerettet in einem Krankenhausbett zu erwachen. Messer. Messer. Messer. Ich war enttäuscht von meiner Frau. Sie hatte nicht das Recht, das zu tun, die Schlampe. Alle dort rings um das Bett, Schwiegermutter, Kinder, Mutter, alle, alle lieben wir dich. Ich sprach nie wieder ein Wort mit meiner Frau. Nie wieder. Schwerter. Derart verbittert lag ich im Krankenhaus, als das Bild kam. Ein sperrangelweit geöffnetes Fenster, ein olivgrünes Nappaledersofa. Célia blätterte in einer Zeitschrift. Ich hielt ihr den Kolben des Revolvers in den Nacken und drückte auf den Abzug. Das frische Gehirn kullerte auf den Teppich. Es war klein, hübsch. Ich rief die Polizei. Sie klingelten an meiner Tür, und ich öffnete persönlich: Sie hat sich umgebracht, meine Herren. Ich habe den Lärm gehört, habe die Tür aufgebrochen und sie auf dem Boden gefunden, das Blut sprudelte aus ihrem Kopf. Sie haben es geglaubt. Ich bin ein rechtschaffener Mann, Vater von zwei Kindern. Arme, Beine, Célia, Fetzen, Reste, Blut, Dolch. Es blieb nichts zurück. Ich empfand keinen Schwindel, Angst oder Ekel. Es hat mir gefallen. Ich bin ein Mörder.

(Auszug: Kapitel 1 und 2 des zweiten Teils)
Patrícia Melo: Ich töte, du stirbst, Klett-Cotta, Stuttgart, 2002