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Beate Smandek u. Milka Vagadayová
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Beate Smandek u. Milka Vagadayová

aus: Teréza Nováková "Die Kinder des Reinen Lebendigen"

übersetzt aus dem Tschechischen

Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt/Tschechische Bibliothek.
Übersetzung: Beate Smandek, Milka Vagadayová

Er kehrte nun dem jungen Priester den Rücken und marschierte über die Grede in den verwilderten Garten, aus dem die Dorfburschen längst, nachdem es auf den Abend zuging und ihre Neugier keine Befriedigung gefunden hatte, verschwunden waren. Dort blieb er ein Weilchen stehen und ließ seine schweißbedeckten Wangen im lauen Lüftchen abkühlen, das vom Waldgürtel herüberwehte; gerade dachte er daran, daß es wohl Zeit war, mit Rozárka und Zoficka auf die Burg zurückzugehen, als er bemerkte, daß erneut jemand den steilen Fußfad zu Faimons Hof heraufstieg.
Wie er erkannte, handelte es sich um die Müllerin Lexová, der er schon mehrmals in der Gesellschaft der Faimonschen begegnet war; sie stürzte sich auf seine Hand und hatte sie ehrerbietig geküßt, ehe er es verhindern konnte. "Wie steht's um den Herrn Vater Faimon? Hat er mit sich reden lassen?" Pater Salášek schüttelte den Kopf: "Er hat auf seinem Eigensinn beharrt. Und er wollte keinen bei sich dulden, er hat uns alle fortgejagt, auch Ihren Gatten und den Schwiegervater. Ich kann Ihnen daher gar nicht sagen, ob er noch am Leben ist." "Ich werd schon nachschauen; ich bin gekommen, um der Faimonschen in dieser traurigen Zeit beizustehen", und die Müllerin eilte mit ihren kurzen Schritten durch den Garten und über die Grede ins Gebäudeinnere, nachdem sie František nur scheu gegrüßt hatte, der draußen immer noch mit finsterer Miene umherging. Sie fand die Stubentür bereits geöffnet vor: als sich der Kranke längere Zeit nicht vernehmen ließ, hatte Kvapil der Hausmutter vorgeschlagen, er werde einmal nach dem Bruder sehen; sie hatte eingewilligt, war aber furchtsam in der halboffenen Tür stehengeblieben, wohingegen die beiden Lexas dem Kameraden hinterdreinliefen. Das Bett war völlig zerwühlt, die schwere Oberdecke war auf den Boden nahe der Tür hinabgeglitten, und in den auseinandergeworfenen Kissen lag Faimon, halbnackt und in beginnender Starre. An seinem zerrauften Hemd und seiner Hose, die das braune, jetzt allmählich blau anlaufende Fleisch entblößten, am zur Grimasse verzerrten, weit aufgerissenen Mund, aus dem die Überreste seiner Vorderzähne herausragten, an den gebrochenen Augen mit den offenstehenden Lidern und an seiner ganzen zusammengekrümmten Gestalt war zu erkennen, wie schwer er mit dem Tode gerungen hatte. Auch Kvapil hatte bei diesem schrecklichen Anblick im ersten Moment haltgemacht, dann aber war er gleich bemüht gewesen, dem Toten die Augen zuzudrücken und seinen Kiefer zu schließen. Es gelang ihm nicht; immer wieder öffneten die Lider sich, und der Mund blieb aufgerissen, als wolle er noch weiter diejenigen verhöhnen, die seinen Ausdruck zu verändern suchten.
Kvapil rief dann die Faimonsche heran und bat sie, irgendein Tuch zu bringen; die aber, der schrecklichen Fratze ihres Gatten ansichtig geworden, hatte am ganzen Körper zu zittern begonnen und war kaum imstande, Kvapils Wunsch zu entsprechen. An ihrer Statt kam jedoch die Kastellanin herbeigelaufen, sie band nun dem Verstorbenen das Gesicht zusammen, und als sich seine Augen auch nach dem Auflegen eines nassen Stücks Leinwand nicht schlossen, riet sie dazu, man solle die Lider mit dem Gewicht von Münzen beschweren. Ihre Schwester kramte aus der Schublade im Tisch kupferne Vierkreuzerstücke hervor, und Rozárka drückte sie in die Augenhöhlen; gemeinsam mit den Lexas und mit Kvapil machten sich die Frauen dann daran, die steifen Gliedmaße geradezurichten, und nach längeren Anstrengungen war es ihnen gelungen, Faimon in eine ausgestreckte Lage zu bringen und ihm die Hände aufeinanderzulegen. Dies war der Moment, in dem die Müllerin eintrat.