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"Die Last unserer Erinnerungen macht uns träge."
Hans-Erich Nossack


"Zuhause" | Roman

Auszug aus Kapitel Vier

Weil viele Autofahrer befreundete Fußgänger trafen und anhielten, um sich grölend über das Ziel der bevorstehenden Nachtvergnügung zu verständigen, kam der Verkehr vollkommen zum Erliegen. Auf den Parallelstraßen wäre man problemlos vorangekommen und doch fuhren alle den Laugarvegur hinab. Alle halfen mit, wenigstens freitags und samstags einen Verkehrsstau zu erzeugen, wie er sich in Reykjavík sonst selbst im dichtesten Berufsverkehr nicht einstellen wollte. An den Wochenenden zwischen ein und sechs Uhr wirkte die Stadt so großstädtisch wie nie. Alle stürzten sich in das Nachtleben, diese kollektive Auflehnung gegen den Winter, die Dunkelheit, Langeweile, Pizzabringdienste, Chatrooms und Pay TV. Wir ließen eine Wodkaflasche kreisen, wobei, ein richtiger Kreis war es nicht. Eher eine Gerade, auf der die Flasche hin- und herpendelte, zwischen Matilda und mir. Im kaffi gógó waren wir das erste Mal vor vierzehn Jahren, als wir gerade anfingen, in uns mehr zu sehen als den Jungen und das Mädchen mit den Agfa-Kleinbildkameras. Es war uns gelungen, unsere Freundschaft erfolgreich aus den Kinder- und Lebertranpillentagen herüber zu retten in ein Erwachsenengefühl, das seit einiger Zeit, wie ein aus dem Schlamm Nibelheims erwachtes Monster, in uns herumtorkelte und sich an den Grenzen unserer noch kleinen Körper den Kopf stieß. Wir hatten uns vorgenommen, zum ersten Mal in der Innenstadt betrunken zu werden. Wir wollten endlich Kontakt aufnehmen mit der vage am Horizont schimmernden Fata Morgana eines erwachsenen Lebens, das aus Freundschaften zu Barkeepern, Türstehern und Tresenschlampen zu bestehen schien. Wir wollten dazu gehören, zu den ewigen Twens, zwielichtigen Fischerburschen und trägerlosen Björknachfolgerinnen, die an der Bar im Kaffi gógó ihre gezielten Nierenknuffe setzten und im Obergeschoss auf den Sofas knutschten. Matilda hatte ihre Mutter gebeten, zum Schwarzen Schwan am Busbahnhof Hlemmur zu gehen und einige Schachteln rote Gauloises zu kaufen. Wir waren der Meinung, dass man für einen solchen Abend nicht genug Zigaretten dabei haben konnte. Zusätzlich hatte ich aus Hamburg zwei Zigarettenschachteln mitgebracht, von deren Steuermarken wir eine Eins und eine Zwei ausschnitten und über die Fünf der 1975 auf unseren Ausweisen klebten. So kamen wir an dem Türsteher vorbei.
Drinnen verlangte ich mit einem Nuscheln, das zumindest für mich der kettenrauchenden Nonchalance eines Godard-Schauspielers ebenbürtig klang, einen Aschenbecher und kaufte Bier. Der erwartete Kampf an der Bar blieb dabei aus, denn bis auf uns war noch keiner da. Wir setzten uns im Obergeschoss auf die Fensterbank unter dem Straßenschild aus Amsterdam und schauten lange in den regennassen Hinterhof mit den Lüftungsschächten. Als sich das gógó langsam füllte, entpuppte sich die Fensterbank als Logenplatz, um zuzusehen, wie um uns herum alles aus dem Ruder lief. Eine Frau in hohen Stiefeln schlug ihrem Freund weinend auf das Auge. Ich unterhielt mich mit einer betrunkenen Krankenschwesterschülerin, die sich mühsam an der Handtasche unter ihrem Arm festhielt und mich zweimal grinsend fragte: "Deine Freundin ist nicht deine Freundin, oder?" Als die Krankenschwesterschülerin mich küssen wollte, ging Matilda aufs Klo, und als ich die Krankenschwesterschülerin nicht küssen wollte, sagte sie: "Denk dran, ich werde Krankenschwester. Irgendwann wird dein Leben einmal in meiner Hand sein."

Ich war fest entschlossen, mich im kaffi gógó zu bewegen wie ein Joy Divison hörender Nordengländer mit einer Narbe in der rechten Augenbraue und einer "Rule Brittania"-Tätowierung auf dem mächtigen Bizeps. Als ich jedoch zum dritten Mal die Treppe hinabging, um für Matilda und mich ein viertes Bier zu holen, wurden meine Beine plötzlich leicht. Mir war Liza Minelli eingefallen und während ich langsam, Schritt für Schritt die Treppe hinunter stieg, sang ich leise vor mich hin: "There´s no business like show business."