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Joern Rauser

aus "Darunter kleine Fürchte" | Romanauszug


Von Anfang an die Nerven. Sie hat keine Ahnung, warum gerade jetzt? Heute schon wieder. Sie hasst diese Nerven, warum diese dünnen oder was-weiß-ich, diese Nerven, diese gespannten, kranken, leicht entzündlichen, vielleicht längst schon entzündeten oder, so fühlt sich das jedenfalls an, diese zerfaserten Nervenenden zumindest, vielleicht sind das alles sowieso nur die Enden? Wahrscheinlich, denkt Annegret im Stehen, sie hat aber keine Ahnung. Und warum dann diese Nerven so, dass die sich viel zu schnell und andauernd wieder melden, so kreischend, immer wieder, und dann stören sie eben, mindestens. Wegen der Hitze vielleicht schon so früh morgens heute? Soll sie die Milch vorher, bevor sie sie hinstellt, ausprobieren, probieren, ob sie schlecht ist, einen Löffel nehmen? Was für einen Löffel? Oder abwarten? Dann flockt es vielleicht später in den Kaffee, das ist das Risiko, das wär dann schade, sie müssten sich ärgern und gleich noch einen kochen, leider, weil er verdorben wäre. Es blendet ja auch zwischen den Jalousien hindurch, kein Wunder, also da drängt vielleicht was herein oder hinein, du glaubst es nicht, Glut oder irgendwas Dickes, jedenfalls Wärme, sie findet es ohnehin viel zu grell hier. Darum lässt sie sie heute auch unten. Die Milch merkt das im Kühlschrank, heißt es, über die Kühlung hinweg, nämlich wenn es heiß ist, zu heiß, auch in der Nacht, feuchtwarm wenigstens, die Milch merkt es schon drinnen und wird deshalb schlecht im ersten Augenblick, wenn sie draußen ist, das heißt wenn sie mit Hitze in Berührung - Natürlich bleibt es, wenn die Jalousien geschlossen sind, schattig innen, das muss und soll ja so sein, halbschattig jedenfalls, wenn man die Jalousien nicht hochzieht, nicht öffnet, so dunkel, dass Josef schon fragt, warum sie kein Licht hereinlassen wollten langsam mal, heute. Es ist doch Tag. Schließlich. Und Sommer, auch Annegret habe sich monatelang auf Sommer gefreut. Endlich Licht. Auf den Sommer. Und auf die Hitze. Vorher. Andere spüren ihre Nerven gar nicht, und imgrunde, sagt sie sich, ist sie auch dauernd ärgerlich. Deswegen? Dauernd muss sie diese Kopfschmerzen haben oder eben Migräne, was sie schon als Wort nicht mag, falls es wirklich Migräne sein sollte. Migräne klingt zu schön, und nicht nach Kopfschmerzen. Als wär es ganz was anderes. Migräne erinnert sie an Nomaden komischerweise, alles auf der Welt bewirkt Übelkeit. Was? Wie bitte? Alles auf... was? Nichts gegen Nomaden. Überhaupt nichts. Nomaden mag sie nämlich, im Gegensatz zu Migräne. Sie ist seltsam, heute sowieso, das weiß sie auch selbst. Oder ihr wird von alldem übel, von allem auf der Welt wird ihr in diesem Augenblick schlecht, kann man sagen, genauso empfindet sie es. Sie versucht das jetzt aber den Kindern gegenüber so gut es geht zu unterdrücken. Nicht zu durchschauen, woher das heute gekommen ist. Schon im Bett so früh? Es kann doch nicht, wenigstens kann es nicht ganz allein die Helligkeit, diese Helligkeit heute sein. Die Dusche hat nicht geholfen, die Durchblutung ist es auf keinen Fall, der Kaffee hat sie auch nicht gerettet. Sie hat ohnehin den Verdacht, ihr wird übel von sich selbst, kann das denn, kann das im Ernst so sein? Das nicht... oder, aber dann mag sie den Kaffee eben auch nicht, wenn sie sich so... dann eben den Kaffee auch nicht, nee, na gut, nein, so. Und so ist das mal.

Sie und die Kinder und Josef frühstücken zusammen, aber schnell, auf Hockern, sie sitzen im Binnenraum, so nennen sie die runde Mitte zwischen Küche und Wohnzimmer, die paar Plätze um den Tisch, zur Seite eines Mäuerchens im Wohnzimmergelände, ja das gibt es, auf halbem Weg zur Küche. Ein Mäuerchen im Zimmer, das hat den Kindern von Anfang an gefallen. Einer geht, einer kommt, sie nehmen sich Bissen in den Mund, trinken was, Kaffee, Kakao, die Kinder haben Spielsachen dabei, die sie auf das Mäuerchen stellen und spielen lassen. Das sollten sie nicht, findet Josef, keine Spielsachen beim Essen. Er sagt jetzt nichts. Die Unruhe kommt von allen Seiten, sie verständigen sich ein bisschen, aber niemand spricht mit jemandem. Anstrengend, weiß er, Josef, wird es ja erst, wenn man wirklich Geschlossenheit herstellen will. Oder muss, weil man so will. Dann ärgert man sich vor Enttäuschung. Gestern nacht, fällt ihm ein, haben sie noch, Annegret und er, gevögelt, kurz, aus dem Schlaf. In den Schlaf. Sie müssen es gewesen sein. Der Binnenraum ist geladen, jetzt, woher kommt das heute? Wenn man ein Streichholz oder irgendwas Entsprechendes dranhielte, könnte der ganze Raum gleich losplatzen, hat er das Gefühl, wie eine Blase. Auch er könnte platzen. Annegret steht auf und sieht in einem Lexikon nach, sie braucht das lateinische Wort für die gemeine Stechmücke. Warum jetzt? fragt er. Für ein Manuskript, sagt sie, für nachher, und zwar den akäquaten Ausdruck, offenbar hat sie einen anderen gefunden, einen unscharften, der die gemeine Stechmücke eben nur allgemein trifft, ihr jedenfalls zu allgemein, nicht speziell die gemeine. Josef findet, dass der Radiosprecher am laufenden Band Nachrichten ausspricht, die die Kinder verstehen können und anfangen nachzuplappern. Das sollten sie nicht verstehen, das ist nichts für sie, das muss nicht sein. Sie fragen dann später ein bisschen zeitversetzt nach dem ganzen Zeug, das kennt er schon, heute Mittag vielleicht, heute Abend. Und er kann auch Annegret ehrlich gesagt nicht ganz verstehen, dass ihr das nicht auch mal auffällt und sie das Radio zwar morgens anschaltet, es aber, das wäre doch schnell gemacht, wenn die Kinder kommen, dass sie es nicht wieder ausschaltet oder wenigstens leiser stellt. Oder eine Kassette reintut. Außerdem findet er schon in den letzten Tagen, dass es mehr nach Mono als nach Stereo klingt, vielleicht muss man nur eine Box verstellen, oder aber ein Kabel ist defekt. Was ist ein Kurier? fragt Stiv. Ein Kurier, sagt Josef, ein Kurier. Ja, sagt Stif. Das ist ein ganz schneller Mensch, sagt Josef, der etwas holt und bringt, von einer Stelle holt er was ab. Und zu einer anderen Stelle bringt er es hin. Wie macht er das? fragt Stiv. Mit den Händen, mit dem Auto, mit dem Fahrrad. Mit dem Pferd, sagt Lois. Früher mit dem Pferd, ja, sagt Josef, stimmt. Josef sieht Annegret an und spricht jetzt lieber nicht vom Radio. Keine Kritik, wenn sie im Lexikon sucht und wenn sie so angestrengt aussieht, wie sie heute morgen aussieht. Wenn er ihr jetzt sagen würde, sie solle, wenn sie das Frühstück mache und die Kinder kämen dazu, das Radio doch in Zukunft lieber ausstellen, wegen der Nachrichten, eventuell Krieg, jedenfalls Hin und Her, ob oder ob nicht, und Entführung selbstverständlich, was ist das, Gasexplosion und so weiter, das wäre in diesem Augeblick so ein Streichholz, so zu fragen, zu riskant, sowas jetzt in diesen Binnenraum zu halten, aber warum nicht? Dann explodiert sie eben mal, hat er Angst davor? Ja klar, er hat Angst davor. Lois und Stif möchten gern noch einen Nachtisch. Was? Schokolade. Auch Schokolade! Nein nein nein, zum Frühstück gibt es überhaupt nie einen Nachtisch. Keinen Nachtisch. Warum nicht? Da fragst du noch? Frühstück ist von jeher ein völlig nachtischfreies Essen. Ihr habt ja sowieso bloß Toast und Marmelade gegessen, das ist ja schon so gut wie Nachtisch. Das war aber das Frühstück. Eben, und wie gesagt, dazu gibt's keinen Nachtisch. Nie. Und nimmer, sagt Lois. Genau.