Literaturpreise-Hamburg.de

Renate Bleibtreu
Annette Kopetzki
Dr. Ulrike Nolte
Katharina Höcker
Katrin Dorn
Mareike Krügel
Kristof Magnusson
Joern Rauser
Tina Uebel

Annette Kopetzki

aus: Erri De Luca, "Montedidio / Ich bin da".

übersetzt aus dem Italienischen.

"A jurnata è 'nu muorzo", der Tag ist ein Biss, das ist die Stimme von Meister Errico an der Tür zur Werkstatt. Ich bin schon seit einer Viertelstunde davor gestanden, um meinen ersten Tag bei der Arbeit gut zu beginnen. Er kommt um sieben Uhr, zieht den Rollladen hoch und sagt zur Aufmunterung seinen Satz: der Tag ist ein Biss, er ist kurz, machen wir uns an die Arbeit. Zu Befehl, antworte ich, und so ist das gewesen. Heute schreibe ich den ersten Bericht, um von den neuen Tagen etwas festzuhalten. Ich gehe nicht mehr zur Schule. Ich bin dreizehn Jahre alt geworden und Papa hat mich zum Arbeiten geschickt. Das ist recht so, es ist Zeit. Die Schulpflicht geht bis zur dritten Grundschulklasse, er hat mich bis zur fünften lernen lassen, weil ich ein bisschen krank war und außerdem hatte ich so einen besseren Schulabschluss. Hier in der Gegend gehen die Kinder auch ohne Schule arbeiten, Papa hat das nicht gewollt. Er ist Auslader am Hafen, ist nie zur Schule gegangen, erst jetzt lernt er in den Abendkursen von der Genossenschaft der Auslader Lesen und Schreiben. Er spricht Dialekt, die italienische Sprache und das Wissen der Leute, die was gelernt haben, schüchtern ihn ein. Er sagt, mit Italienisch kann man sich besser wehren. Ich verstehe Italienisch, weil ich die Bücher aus der Bibliothek lese, aber ich spreche es nicht. Ich schreibe auf Italienisch, weil es still ist und ich die Ereignisse des Tages darin aufbewahren kann, wo sie sich vom Lärm des Neapolitanischen ausruhen.

Bei der lauwarmen Novembersonne heute hat die ganze Gasse sich nach draußen gelehnt, Stühle auf die Straße geschoben, neben die Stange für die Wäscheleinen und das Kohlenbecken. "È asciuto, 'o pate d'e puverielle", sagt Meister Errico, der Vater der Armen ist herausgekommen. Das ist die Sonne der kalten Monate, die ihre Decke über die legt, die keine haben. Bis hinauf nach Montedidio sind die Stimmen der Straßenhändler gestiegen, die sich die offenen Fenster zunutze machen, um von der Straße aus in die Zimmer zu rufen. "Oliven aus Gaeta, hab zuckersüße Oliven, lasst n' Brotkorb runter". Eine Kraft geht von den Rufen aus, die macht, dass die Leute sich am Fenster zeigen. Mit den Augen bin ich auf der Straße gewesen, während ich arbeitete. Ich hatte Lust, nicht auf Oliven, sondern raus zu gehen. Aber ich lerne, genau das ist die Arbeit, brav dabeibleiben und sie machen, wenn draußen eine niedrige Sonne vorüberzieht, die sofort wieder weg ist, der Abend kommt und man ist immer noch in der Werkstatt eingeschlossen und hat sie vorübergehen sehen, ohne sie zu begrüßen. Sing, sagt Rafaniello, die Gedanken müssen freien Lauf haben, müssen ein Loch finden, um herauszukommen, ich nicke mit dem Kopf, doch aus meinem Mund kommt nicht mal ein heiserer Hauch. Wenn ich dort draußen bin zwischen den Füßen der anderen, ja, dann könnte mir sogar ein Lied kommen, doch ich darf nur mit den Augen nach draußen gehen. Die Tür ist offen, der Wind vom Meer kommt herauf, um Hafengeruch bis hier oben hinzubringen, mir ist als würde Papas Jacke riechen, voller Fett, Salz, Rost und Teer. Das nimmt mir die Traurigkeit. Statt zu singen, Atem zu verschwenden, ziehe ich Meeresluft und Wind in die Nase ein. Der Ruf der Oliven kommt näher. Ich denke an Papa, der in den Kielräumen steht und vielleicht auch Lust hat, ins Freie hinauszugehen. Er verdient es mehr als ich, ich erlebe erst meine erste Traurigkeit.

Papa ist groß wie ein Schrank und geht gerade eben unter dem Türpfosten durch, auf der Straße macht er Eindruck neben den anderen Menschen, auch Mama ist groß, pechschwarz die Haare. Sie ist mager, im Gesicht sieht man die Adern. Wenn ihr eine plötzliche Geste entfährt, ist sie gefährlich, ihre Bewegung ist eine Sprungfeder, sie macht die Dinge ringsum kaputt. Sie verbiegt die Gabel beim Essen, wenn ihr ein schiefer Gedanke kommt. Ich habe ihr beim Spaziergang meine Hand nicht mehr gegeben, sie hat sie mir manchmal in Gedanken so gedrückt, dass ich weinen musste. Papa sagt, das sie mehr Kraft hat als er. Es kann kein stolzeres Kind an der Hafenpromenade gegeben haben als mich. Sogar wenn wir an den Klubs der Marinegesellschaften vorbei spazierten, wo die feinen Leute hingehen, die Reichtümer besitzen, habe ich unter meinen beiden Riesen so sehr das Gefühl gehabt, ein Glückspilz zu sein, dass dem nichts gleichkommen konnte.

An der Strandpromenade vor dem Park kamen wir immer dann vorbei, wenn die Fischer vom Land aus das große Netz an den beiden Seilenden herausziehen. Es waren sechs Männer pro Seilende, alle zusammen machten sie den Ruck, der Älteste gab das Zeichen für den Moment, in dem alle gleichzeitig zogen. Das Seil wand sich auf ihren Schultern, der Körper drückte mit überkreuzten Füßen, so zogen sie das Meer an Land. Das Netz tauchte breit und langsam auf, während die beiden Seile sich auf der Straße zu zwei Haufen ringelten. Wenn der untere Teil ankam, schlugen die Fische Funken, all das Weiß an ihnen sprang herum und zu Hunderten schlugen sie mit den Schwänzen, der Sack schüttete den Haufen Leben aufs Trockene, der den Wellen weggenommen worden war, Papa sagte: "Seht mal, das Feuer des Meeres". Der Geruch der See war unser Parfüm, der Frieden eines Sommertages wenn die Sonne untergegangen ist. Wir standen schweigend dabei, dicht nebeneinander, das ist bis zum letzten Jahr so gegangen, bis zum letzten Jahr war ich noch ein Kind.