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Dr. Ulrike Nolte

aus: Harry Martinson "Aniara" | Zukunftsroman in epischer Versform, 103 Gesänge


übersetzt aus dem Schwedischen
Bonniers Verlag, Stockholm 1959

(Der Literaturnobelpreisträger Martinson beschreibt die Irrfahrt einer heimatlos gewordenen Menschheit auf dem totgeweihten Raumschiff ‚Aniara'. Das folgende Gedicht schildert die Vernichtung der Erde in Erinnerung an Hiroshima.
‚Doris' ist ein mythologischer Name für die Erde, ‚Mima' ist ein beseelte Maschine, die Bilder aus weiter Ferne auffängt.)

Stummversteinert sprach der Taube
vom furchtbarsten Geräusch, das er in seinem Leben
hörte. Es war ganz unhörbar.
Ja, gerade als das Trommelfell zerbarst
klang es wie Wind in Schilfrohr, Schwanensang ... das allerletzte -
als Dorisburg vom Phototurb getroffen wurde.
Man konnte es nicht hören, schloss der Taube.
Der Hörnerv war nicht schnell genug, um zu erfassen,
was meine Seele auseinander sprengte,
was meinen Körper auseinander riss,
als eine Meile Stadt sich auf mich senkte,
das Innere nach außen kehrte,
als dieser Phototurb die ganze Stadt zersprengte,
von der jetzt nur der Name bleibt: mein Dorisburg.

So sprach der Taube, als er tot war.
Man hat gesagt: Die Steine sollen rufen,
so sprach der Tote zu uns aus dem Stein.
Er schrie aus dem Gestein: Könnt ihr mich hören.
Er schrie aus dem Gestein: Hört ihr mich nicht.
Ich komme aus der Stadt mit Namen Dorisburg.

Und dann begann der Blinde zu erzählen
von dem entsetzlich grellen Licht,
das ihn erblinden ließ.
Er konnte es kaum schildern.
Er nannte nur ein einziges Detail: Er sah mit seinem Nacken.
Der ganze Schädelknochen wurde da zu einem Auge,
das bis zur Explosionsgrenze und weiter
geblendet wurde, abgeschält und fortgerissen
im blinden Hoffen auf den Schlaf des Todes.
Doch fand er keinen Schlaf.

Darin gleicht er dem steinstumm Tauben.
Man hat gesagt: Die Steine sollen rufen,
so ruft er aus den Steinen mit den andren.
So ruft er aus den Steinen mit dem Tauben.
So ruft er aus den Steinen mit Kassandra.

Zu Mima stürze ich in meiner Scham und Not,
als könnte ich die Gräueltat verhindern,
doch Mima zeigt uns alles, unbestechlich klar,
auch noch das letzte Bild von Brand und Tod.
Da schreie ich die Passagiere an
und schreie meinen Schmerz heraus: Doris ist tot!
Ja, gegen alles haben wir uns Schutz geschaffen,
sei es nun Feuer, Kälte oder Sturm,
nichts fällt für uns noch länger ins Gewicht.
Doch Schutz vor uns - dem Menschen - gibt es nicht.

Klarer Verstand ist nie, wo man ihn braucht.
Nein, nur wo es vernunftreich zu zerstören gilt.
So viele Träume sammeln wir in unsren Herzen an,
zum Schutz vor kalter Zeit. Wo ist jetzt dieser Schild?

Da blendet Mimas Sicht ein blauer Blitzschein,
und ich verstumme vor dem unfassbaren
Schicksal der Erde. Noch in fernen Sternenjahren
dringt dieses Licht bis in die Wunde meines Herzens.
Und so muss ich, Liturg in Blau, in Mimas Dienst verlesen,
was mir das Blut erkalten lässt: Dass wir die Letzten waren.
Das ferne Dorisburg ist tot. Und Doris ist gewesen.

- - -


(Die erotischen Gedichte in ‚Aniara' wurden wegen ihrer Sprachschöpfungen oft mit James Joyce verglichen.)

Die Band spielt Fancies und wir tanzen los,
das Mädchen, das ich führe, ist grandios,
mein schönes Fräulein kommt aus Dorisburg.
Obwohl seit Jahren schon ihr Tanz
nur durch den Schiffssaal geht, so meint sie bloß:
Bei aller Liebe, sie versteht nicht ganz,
wo soll der Unterschied sein zwischen diesem Yurg
in Aniaras Saal und dem in Dorisburg.

Wenn wir im Yurg uns drehen ist ganz klar,
ein jeder Yurg ist wunderbar,
wenn Daisi Doody schlangenhaft im Yurg
sich windet und mich lockt mit Slang von Dorisburg:

Du wonnst dich nicht genug, wirst jail und dori.
Mach es mir nach, ich sitze niemals lori.

Hier schlummert mir kein chadwick, schmollt die Daisi,
wenn meine Hüften gleisen, ich bin vlamm und gondel,
mein tight ist gender und mein veit ist rondel
ganz vept in taris, gland in dold und yondel.

Und fröhlich swingt der Yurg, ich bin verführt,
die Trauer, die ich pietätsvoll stet geschürt
verfliegt bei diesem Menschkind, das voll mit Yurg
den Tod besiegt mit Slang aus Dorisburg. n. Die von Ulrike Nolte vorgelegten Übersetzungen geben Anlaß zu der Hoffnung, daß das Werk von Harry Edmund Martinson endlich im deutschen Sprachraum Einlaß findet."