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Kerstin Döring

aus: "Licht aus" | Romanauszug

JA, VIELLEICHT, SAGT SIE

Am Ende ist es spät, und Paul ist da, wo Hanna nicht ist. Hanna geht. Im Moondog ist es voll.
"Wieso gehst du schon?"
Vorne beim Eingang, wo jetzt kein Türsteher mehr steht, holt er sie ein. Er ist ihr nachgelaufen und fängt die Tür auf. "Vielleicht sieht man sich ja mal wieder", sagt er.
"Ja, vielleicht", sagt sie.
Am Anfang der Nacht war Hanna im Lalic gewesen, sie saß in einem von diesen Flugzeugsitzen und war müde. Neben ihr trank jemand ein helles Weizen; aus dem Augenwinkel sieht sie das, die Musik ist zu laut, es ist dunkel, und die Tanzfläche glänzt. Am Flipper stehen drei Jungen mit bunten Haaren und rauchen. Neben ihr stellt jemand ein helles Weizen unter einen Flugzeugsitz, dreht sich eine Zigarette und fragt: "Sag mal, haben die heute schon Techno gespielt?"
Der Mann trägt eine schwarze Lederhose, ein braunes Jackett mit aufgenähten Leder-Ellbogentupfen und ein weißes Hemd, aufgeknöpft bis zum vierten Knopf von oben. Ein Stein an einem Lederband hängt an seinem Hals. Seine Augen sind schön.
Die Tanzfläche glänzt, weil die Platten auf dem Boden aus spiegelndem Metall sind und heute Abend erst wenige Leute mit dreckigen Schuhen darauf getanzt haben. Hanna fasst sich in die Haare und zupft sich Strähnen in ihr Gesicht. Es ist laut. Hanna und er beugen sich zueinander, um sich in die Ohren zu schreien.
Wozu sie Abitur brauche, hört sie ihn fragen. Sie hat von ihrer Abiturentlassung morgen erzählt. Hanna ist jung, und Paul ist nicht so jung, wie Hanna dachte. Paul ist schon fünfundzwanzig und Bootsbauer. Er war schon mal in Afrika, sagt er, ganz allein. Und mit seinem Trabi hat er sich letzte Woche überschlagen.
Paul steht auf, Hanna bleibt in ihrem Flugzeugsitz und will nicht. Später steht Hanna auf, sie schlendert durch die Gegend und sagt diesem und jenem "Hallo"; sie ist oft hier.
Vor der Tür findet sie ihn. Paul trinkt Bier und fragt, ob sie noch fahren könne. Klar kann sie, und zusammen fahren sie in die nächste Disco. Sie fährt, er sitzt neben ihr, sein Weizenglas in der Hand, er sieht sie an, sie schaut weg. Hanna gibt sich Mühe, keinen Unfall zu machen.
Und am Ende ist es spät. Hanna trifft eine alte Freundin, schaut Menschen mit Hotpants beim Tanzen zu und redet nicht viel. Sie geht. Im Moondog ist es voll, und Paul ist da, wo Hanna nicht ist. Vorne beim Eingang holt er sie ein.
"Wieso gehst du schon?" Paul ist außer Atem. Hanna weiß nicht, Paul hält die Tür auf. Sie stehen auf der Schwelle, von draußen weht Luft herein.
"Vielleicht sieht man sich ja mal wieder", sagt er.
"Ja, vielleicht", sagt sie und geht.

PAULS OBERLIPPE ZUM ERSTEN MAL

Die Luft schmeckt nach Sommer. Sie steht da und liebt. Sie liebt lange.
Und sie steht vor ihm da, und sie liebt auch vor ihm. Warum, weiß ich auch nicht genau.
Der Mann überquert diese Straße noch jahrelang für sie. Mit federndem Schritt, so dass die Haare leicht dabei wippen. Und er lächelt nur für sie. Das weiße Hemd blinkt schon von weitem in der Dämmerung. Hinter mir trinken viele Menschen und essen und reden.
Dann folgt eine Kneipenszene ohne Geräusche.
Sie weiß überhaupt nichts mehr von dem, was sie redeten. Außer, dass sie Apfelschorle und er Guiness trank und er für sie bezahlte. Kneipenszene ohne Worte.
Sie liebt lange.
Autofahrt und ein Mond im Meer.
Sie fahren ans Meer, mitten in der Nacht und tapsen im Dunklen zwischen den Grashügeln umher, bis sie unten am Strand ankommen.
"Menschen sind schon komisch", sagt er. "Wieso?" fragt sie. Nur so.
Er setzt sich auf den steinigen Sand, sie setzt sich auf den steinigen Sand neben ihm und macht sich vor Angst fast in die Hose. Es ist Sommer, es ist warm und das Meer plätschert vorsichtig auf den glatten glänzenden Sand, um sie nicht zu stören. Hände spielen mit Steinen, spielen mit Steinen, er lässt sich auf seine Ellbogen nach hinten sinken, mein Gott, was soll ich tun, ihre Hand berührt schüchtern seine Wange und diese Oberlippe ist plötzlich sehr nah, weich, interessante Lippe und ich mit meiner Delle, Steine unter uns und Himmel und Mond ganz warm und die Wellen im Hintergrund leise, neugierig.

ICH BIN EIN JUNKIE ODER SCHACHTELHALMTEE

Da steht sie auf der obersten der drei Stufen, die zu der Tür führen, hinter der Paul wohnt. Es ist früher Abend. Hanna trägt eine lila-schwarz geringelte Strumpfhose, die hat sie aus London.
Paul öffnet die Tür.
Er öffnet die Tür und irgendetwas ist nicht richtig. Standfoto.
Irgendetwas stimmt nicht. Er öffnet die Tür, und er trägt ein Netzhemd, und seine Augen sind nicht gut. Er öffnet ihr, seine Augen hat Paul vertauscht. Die sind gekauft. Das grünliche Netzhemd und die wilden Augen greifen nach ihr, und es geht ganz schnell, dass Hanna in diesen weit aufgerissenen Augen sitzt und Paul von draußen fragen hört: "Liebst du mich? Hanna, liebst du mich?"
Er hört nicht auf, sie zu umarmen.
Hanna hockt in seiner kleinen Wohnung und schaut auf die nikotingelblichen Wände und das heruntergelassene Bastrollo am Fenster. Die Augen sind immer noch vertauscht.
"Willst du Tee?"
Hanna nickt und beobachtet an ihrem linken Bein, wie sich das Schwarz und das Lila in der Strumpfhose abwechseln.
"Schachtelhalmtee. Die Schachtelhalme habe ich selbst gepflückt", sagt er.
Sie trinken Schachtelhalmtee; in ihrer Tasse stecken grüne harte Stengel und Hanna weiß nicht, wie sie an diesen Spießen vorbeitrinken soll. Sie ist in Paul verliebt, und Paul ist nicht Paul. Hanna sagt "Aua" und entfernt einen Schachtelhalmstengel aus ihrem Mund und würde gerne wieder die alten Augen von Paul zurückhaben. In dem Netzhemd bewegt sich jemand hektisch und anstrengend. Schachtelhalme schmecken irgendwie fade. Und grünlich. Paul kniet sich vor Hanna, nimmt ihr den Becher aus der Hand und legt seinen Kopf in ihren Schoß. "Liebst du mich wirklich?"
Er reibt sein Gesicht an ihrer Strumpfhose.
Der Abend bleibt grün und klebrig.
Pauls gekaufte Augen fallen immer wieder auf den dreckigen Boden.
"Ich muss dir was sagen."
Es ist spät, und oben an der Decke brennt das ungedämpfte Licht einer einfachen Glühbirne.
"Bist du verheiratet?"
"Nein."
"Hast du ein Kind?"
"Nein."
"Ich bin ein Junkie", sagt Paul.