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Lars Henken

"Reinders' Tod. Acht Möglichkeiten" | Romanauszug

AUS DEM PROLOG

Es war ein Ort, an dem man ihn auffand. Es waren Arbeiter, Hafenarbeiter, die Reinders fanden. Sie waren gekommen, um an ihrem Ort, ihrem Arbeitsplatz zu arbeiten, fanden aber den toten Reinders liegend vor. Sie werden diesen Arbeitsplatz Zeit ihres Lebens mit dem liegenden Körper Reinders’ verbinden, auch wenn sie in ihm lange Zeit nur den Ort der Arbeit gesehen haben. Die Tageszeit, zu der sie Reinders fanden, wird sich nicht mit dem Tod verbinden. Es ist der Ort, der zählt. Die Getreidesilos am Hafen sind neunzig Meter hoch. An ihrer Außenseite führt eine Leiter bis ganz oben hinauf. Die Leiter ist eingefaßt von metallischen Halbkreisen, die das Abstürzen beim Aufstieg verhindern sollen. Die Halbkreise haben Reinders' Abstürzen nicht verhindert.

Ich bezeichne Reinders als meinen Freund. Ob ihm dieser Ausdruck gefallen hätte, vermag ich nicht zu sagen. Den Ort, an dem er und ich gelebt haben, an dem ich noch lebe und an dem er starb, nenne ich meinen Heimatort. In dieser Gegend, in diesem Ort sagt niemand: Ich gehe HEIM oder etwas ähnliches. Man sagt: nach Hause. Aus diesem Grund habe ich erst sehr spät erkannt, daß mein Name sehr ortsverbunden klingt. Mein Name lautet Haym. Möglicherweise wäre ich im Süddeutschen immerzu mit Witzeleien und Wortspielen aufgezogen worden; hier im Norden gab es dazu keinen Anlaß.

Dieser Ort hat sich für mich verändert. Reinders' Abwesenheit macht aus dieser Stadt, aus allen Orten in ihr etwas grundlegend anderes. Daß sich der Begriff Tod mit zeitlichen Kategorien wie Ewigkeit oder einem Todestag verbindet, ist für mich unbegreiflich. Für mich steht die Abwesenheit im Zentrum aller Überlegungen und Gefühle, die Reinders' Zustand betreffen. Er ist an keinem Ort, den ich aufsuchen könnte, um mit ihm zu reden. An keinem Ort. Den Friedhof habe ich nur bei Reinders' Beerdigung besucht. Der Pfarrer hat formelhaften Unsinn geredet, der mit demjenigen, um den es eigentlich ging, nichts zu tun hatte. Es liegt in der Natur der Pfarrer, daß sie keinen Menschen kennen, erkennen können. Sie kennen ihre Orte nicht.

Die Vorstellung des Todes als eines Ortes, der für mich nicht zugänglich ist, scheint mir plausibel. Dinge wie Das jüngste Gericht oder die Auferstehung von den Toten sind Unsinn. Man hat derlei erfunden, um die Menschen auf spätere Zeitpunkte zu vertrösten. Ich bin nie für diese Dinge zugänglich gewesen. Schon als ich konfirmiert wurde, sperrte ich mich gegen die Zeit. Ich erinnere mich nicht, mit Reinders jemals darüber gesprochen zu haben. An den Spekulationen, ob mein Freund noch Zeit gehabt habe, während des Sturzes über etwas nachzudenken, habe ich mich nicht beteiligt. Den Kontakt zu gemeinsamen Bekannten von Reinders und mir meide ich. Das mag daran liegen, daß diese Bekannten die Orte meiden, die sie mit Reinders verbinden. Ich selbst bin oft am Hafen und betrachte die Getreidesilos. Es hätte keinen Sinn, sie ignorieren zu wollen, sie sind zu groß. Sie bestimmen das Stadtbild, prägen ihre Silhouette, wenn man mit dem Auto über die Bundesstraße in den Ort fährt.

Es war niemand bei Reinders, als er die Leiter an der Außenseite des Getreidesilos hinaufgestiegen ist. Die Polizei hat mit einer Anzeige in der Zeitung nach Zeugen gesucht. Die Freunde wurden befragt, auch mich hat man im Revier vernommen. Die Polizei hat nach Gründen gefragt, doch die waren mir bei der Vernehmung nicht klar. Die Fragen sind im Vernehmungsraum der Polizei nicht zu beantworten. Reinders' Tod verlangt nach einem eigenen Raum. Das ist mir klar, deshalb bin ich schuld an der Art des Geschehens. An der Tatsache, daß etwas geschieht, läßt sich nichts ändern. Nur die Art, wie etwas geschieht, hat ihren Raum, ihren Gestaltungsraum. Man kann Berichte anfertigen über die Art, wie Dinge geschehen. Es gibt viele Möglichkeiten. Reinders' Tod ist mein Bericht. Ich schreibe Reinders' Tod. Gut. Ich gebe es zu. Ich trage die Schuld.