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Peter Huth

aus "Der Beatles-Hasser" | Romanauszug

HALBSCHLAF

Mitte
5.04 Uhr

Ich wache auf.
Der Wecker zeigt 5.04 Uhr.

Heute will ich mit dem Rauchen aufhören und einen Menschen töten. Ich fürchte, dass mit dem Rauchen wird mir ziemlich schwer fallen.

Mein erster Gedanke an jedem Morgen ist Sarah. Manchmal missbrauche ich diesen Gedanken. Heute nicht.

Ich drehe mich zur Seite und versuche, noch einmal einzuschlafen. Es gelingt mir nicht, ich bleibe stecken zwischen Wach und Schlafend. Tendenz: Wach. Okay.
Jetzt würde ich normalerweise nach rechts greifen, zu einer Schachtel Marlboro. Ich rauche immer im Halbschlaf. Es hilft.
Ich würde eine Zigarette in den Mund stecken, nach einem Feuerzeug tasten und es irgendwo in der Decke finden, da, wo es mir gestern Nacht aus der Hand geglitten wäre.
Ich würde tief inhalieren, das Kratzen im Hals genießen und auf den Schwindel warten. Nur einen kurzen Moment, dann würde er mich greifen, erst hinten am Nacken, dann vorne im Oberkörper, schließlich im Kopf. Herrlich!
Das ist so ein Moment, in dem man meint, sein Gehirn zu spüren. Das Gehirn, das sich sanft an die Schädeldecke schmiegt.
Kann man sein Gehirn spüren? Ich weiß es nicht.
Ich werde später darüber nachdenken.

Denn ich habe jede Menge Zeit. Genau gesagt, habe ich noch mehr als 15 Stunden Zeit. Und es gibt noch einiges zu klären, bevor ich meinem Opfer gegenüber stehe.
Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Die Zigarette fehlt. Gedanken brauchen Zigaretten. Meine Gedanken brauchen Zigaretten. Bleibe ich unschuldig?
Nein, wohl nicht. Leider nicht.
Das ist nur der erste Hauch von Entzug. Jetzt bemerkt ihn auch mein Körper. So: Er krabbelt als leichtes Zittern außen an meinen Lungen hoch, steckt in der Kehle und im Gaumen. Da ist eine große Lust auf Saugen, um das Vakuum in meinen Lungen zu füllen.
Aber da ist: Endlose Leere. Rauchfreies Nichts.
Ich konzentriere mich ganz auf dieses Gefühl, ich weiß nicht: Wird es mein Freund oder mein Feind?
Werde ich mich besser fühlen, wenn ich es besiegt und schließlich vernichtet habe? Oder wird es mich ewig verspotten?
Mich, den Krüppel, der sich den Zauberstab, die Zigarette, amputiert hat? Oder ganz anders: Spinne ich hier nur rum? Ich bin im Halbschlaf. Im Halbschlaf sind solche Gedanken erlaubt. Der Halbschlaf ist ohnehin die beste Zeit. Ein träger, erster Blick in den Tag. Aber ohne Verantwortung, mit der Möglichkeit, jederzeit in den Schlaf zurück zu gleiten.
Mein ganzes Leben ist so.

Jetzt aber ist da eine Melodie. Sie nervt. Sie stört. Sie geht nicht weg. Sie spielt sich selbst in endloser Schleife.
Es ist "Yesterday" von den Beatles. Ein schlimmes Lied. Ich kann nicht glauben, dass irgendjemand dieses Stück ernsthaft gut findet. Ich kann mir John Lennon gut vorstellen, wie er es komponiert hat. Die Trantüte. Das Sackgesicht. Er hat es morgens komponiert, gleich nach dem Aufstehen. Mal eben die Welt in Tränen singen. Der Heuchler. Ich bin mir sicher, dass es so war. Ich hasse die Beatles. Ich muss Hank fragen. Hank ist Beatles-Fan. Typisch Hank.