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Wiebke Maginess

aus "Ockes Tod" | Romanauszug


1)

Ein Brummen nähert sich der Wiese, über die ich laufe. Ich bleibe stehen und drehe den Kopf. Ein Motorsegler. Das kleine Flugzeug fliegt ziemlich tief. Ich erkenne die blauweißen Streifen am Heck. Es ist Ockes Maschine. Ich warte darauf, dass sie über unserem Haus ihre Kreise zieht. Genau drei um mich zu grüßen. Nichts geschieht. Jetzt, spätestens jetzt müsste sich der Flieger in die Kurve legen um den ersten Kreis zu beschreiben. Doch stattdessen erstirbt das Brummen am Himmel. Meine zum Winken erhobene Hand sinkt herab. Ich starre nach oben, warte noch immer auf die Kurve, gegen alle Vernunft. Das kleine blauweiße Flugzeug bleibt unbeirrbar auf seiner geraden Flugbahn. Es segelt einfach weiter, lautlos jetzt, bis es im Dunst des Novembervormittags verschwunden ist.

2)

Ich weiß, dass etwas passiert ist. Gleich nach dem Aufwachen ist dieses Wissen da. Es hockt im lichtlosen Grau dieses Morgens, in der schweren, feuchten Herbstluft, die sich nur mühsam atmen lässt, als wäre sie mit etwas Dumpfem angefüttert. Auch die Geräusche dringen nur gedämpft an meine Ohren. Ich lasse nichts zu mir durch. Es ist anstrengend, dasselbe mit den Augen zu machen. Der eine Blick durch die Bäume war schon zuviel.
Normalerweise kann man Ockes Elternhaus von uns aus nicht sehen. Selbst an laublosen Wintertagen sieht man nur ein dichtes Gewirr aus Ästen und Schlingpflanzen, denn zwischen den beiden Höfen liegt ein kleines Waldstück auf moorigem Untergrund, fast ein Urwald. Deshalb kann ich das bläuliche Blinken vor dem Haus nicht wirklich gesehen haben. Mir hat nur meine Angst einen Streich gespielt, sage ich mir, aber einen zweiten Blick wage ich nicht. Anrufen kommt auch nicht infrage. Nicht nach gestern Abend. Wenn er da ist und ans Telefon geht, fängt alles wieder von vorne an. Und wenn er nicht da ist, was soll ich dann seiner Mutter sagen?
Also bleibt nur das Warten, stundenlanges, erstickendes Warten bis zum Mittagessen. Dann steht Anton plötzlich in unserer Küche, der Sohn des Nachbarn auf der rechten Seite der Landstraße. Er ist den ganzen Weg gerannt. Atemlos und mit roten Backen platzt er fast vor Neuigkeiten, aber dann wird er unsicher und beginnt zu stottern. Der Junge weiß nicht, wie er die Nachricht verkünden soll, ihm fehlen eigene Worte, und so stößt er schließlich hervor: "Wisst Ihr schon, wer heute Nacht dootbleven ist?" Er sagt nur dieses eine Wort auf Platt, "dootbleven", wie er es bei den Älteren aufgeschnappt hat. Ein seltsames Wort, denke ich kurz. Ich übersetze es mir, sage es mir vor, erst leise, zur Probe, dann noch einmal lauter: "totgeblieben". Und dann beginne ich zu schreien. Ich laufe aus dem Haus und schreie "nein!" nur dieses Wort, immer dasselbe Wort, "nein!", viele Male "nein!" Jedes Mal noch lauter als zuvor, als könne ich dem Tod etwas verbieten.
Mein Vater ist hinter mir hergelaufen, er packt meine Schultern und schüttelt mich: "Komm zur Vernunft, Rike, komm sofort zur Vernunft." Er hält meine Arme fest, drückt mich gegen die Hauswand aus Ziegelsteinen, aber ich entwinde mich ihm immer wieder; er wird bald nicht mehr genug Kraft haben, um mich fest zu halten, vielleicht wird er mir dann eine Ohrfeige geben. Meine Mutter steht plötzlich neben ihm. Sie weint, und dann schreit sie auch, gegen mein Schreien an. Ich soll nicht hysterisch werden, schreit sie, damit sei auch keinem geholfen. Tante Reni kommt aus dem Anbau. "Lasst sie in Ruhe", sagt sie mit dieser rauen Stimme, die ich seit meiner Kindheit kenne. Und zu mir: "Schrei einfach, schrei." Ich lasse mich von ihr in die Arme nehmen, werde ganz ruhig, reibe meine brennenden Augen. Sie sind trocken, darüber bin ich erstaunt. Dann spüre ich ein Kribbeln in den Gliedern. Das Schreien hat mich ganz taub gemacht. Nicht nur die Ohren sind taub, auch die Lippen, der Kopf, die Arme und Beine, die Hände und Füße vibrieren in seltsamer Taubheit, und das ist gut.