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Ferdinand Leopold

aus: Mateiu I. Caragiale, "Craii de Curtea-Veche"

übersetzt aus dem Rumänischen.

DIE RITTER VOM ALTEN HOF [CRAII DE CURTEA-VECHE, 1929]

Que voulez-vous, nous sommes ici aux
portes de l'Orient, où tout est pris
à la légère ...
Raymond Poincaré

DIE BEWILLKOMMNUNG DER RITTER

... au tapis-franc nous étions réunis
L. Protat

Obschon ich mir, noch am Abend zuvor, mit heiligem Schwure gelobt hatte, zeitig heimzukehren, kam ich ausgerechnet damals später nach Hause: anderntags gegen Mittag. Die Nacht fand mich in den Federn. Ich hatte das Kerbholz der Zeit verloren. Tief und fest hätte ich weitergeschlafen, wäre da nicht die lärmende Ankunft eines Briefes gewesen, dessen Empfang ich auf jeden Fall bestätigen musste. Aus dem Schlaf gerissen, bin ich benommen, mürrisch, muffelig. Ich verweigerte die Unterschrift, brummte nur, man solle mich in Ruhe lassen.
Wieder nickte ich ein, doch nur für kurze Zeit. Der elendige Brief brach abermals herein, begleitet vom grellen Licht einer leuchte. Der Spitzbube von Postbote hatte sich erdreistet, an meiner Statt zu unterschreiben. Ich wusste ihm keinen Dank.

Ich hasse Briefe. Seit ich denken kann, wüsste ich nur von einem einzigen, und zwar von meinem guten Freunde Uhry, der mir eine beglückende Botschaft überbracht hätte. Mir graut vor Briefen. Damals verbrannte ich sie, ohne sie zu öffnen.
Das war das Schicksal, welches auch den Neuankömmling erwartete. Da ich die Handschrift erkannte, hatte ich den Inhalt erraten. In- und auswendig kannte ich die schale Brühe von Ratschlägen und Rügen, wie sie mir etwa an jedem Monatsanfang von zu Hause gereicht ward; Ratschläge, ich möge mannhaft den Pfad der Arbeit einschlagen, Rügen, dass ich noch immer nicht geruhte, ihn zu betreten. Und, zu guter Letzt, der unausweichliche Wunsch, der Herrgott möge mich in seiner heiligen Obhut behalten.
Amen! In dem Zustand, in dem ich mich befand, wäre es über meine Kräfte gegangen, überhaupt etwas zu beschreiten, und erst recht keinen Pfad. Nicht einmal mehr im Bett konnte ich mich rühren. Die Gelenke ausgeschraubt, das Kreuz gebrochen, mir schien, als sei ich zu Sülze geworden. In meinem vernebelten Geiste keimte die Angst, ob mich nicht gar der Schlag getroffen habe. So war es zwar nicht, nein, aber ich lag da wie niedergefällt. Seit einem Monat hatte ich mich heimlich und wie gehetzt, mit allen meinen Kräften und in aller Gründlichkeit Trunk, Lust und Spiel ergeben. Das Leben hatte mir in den vergangenen Jahren schwer zugesetzt; mein kleines Boot war in hohen Wellengang geraten. Meine Gegenwehr war schwach gewesen und, von allem über die Maßen angewidert, hatte ich in einem Leben der Verderbnis Vergessen zu finden gesucht. Aber alles war recht überstürzt geschehen, und ich sah mich bald gezwungen, die Waffen niederzulegen. Die Kräfte verließen mich. An jenem Abend war ich dermaßen erschöpft, dass ich mir nicht zugetraut hätte aufzustehen, auch wenn das Haus in Flammen aufgegangen wäre. Da ertappte ich mich plötzlich dabei, wie ich aufrecht inmitten der Kammer stand und erschrocken auf die Uhr blickte. Ich hatte mich daran erinnert, dass Pantazi mich zum Essen gebeten hatte.
Welch ein Glück, dass man mich geweckt hatte; ein großes Glück! Mit Dankbarkeit betrachtete ich nun den väterlichen Brief; ohne ihn hätte ich die Verabredung mit meinem teuersten Freunde versäumt.

Ich kleidete mich an und trat hinaus. Es war, gegen Einbruch des Winters, ein Tränenwetter. Obgleich es nicht geregnet hatte, war alles nass; die Rinnen weinten, die Äste der entlaubten Bäume tropften, an Stämmen und Gittern glitten dicke Tropfen wie kalter Schweiß. Das ist die Zeit, die am stärksten zum Trinken drängt; die hin und wieder durch den Nebel Irrenden waren zumeist angetrunken. Ein langer Kerl, der die stufen eines Wirtshauslaube herabtaumelte, stürzte zu Boden und blieb liegen.