Literaturpreise-Hamburg.de

Markus Lemke
Ferdinand Leopold
Miriam Mandelkow
Kerstin Döring
Lars Henken
Peter Huth
Katharina Krasemann
Wiebke Maginess
Anette Nolte-Jacobs

Miriam Mandelkow

aus: Patrick Hamilton "Hangover Square" | Roman

übersetzt aus dem Englischen, erschienen 2005 im Dörlemann Verlag, Zürich

Klick!... Da war es wieder! Er ging auf dem Kliff von Hunstanton spazieren, und es war wieder passiert... Klick!...
Oder beschrieb man es besser als Riß oder Knacks?
Es war ein Geräusch im Kopf - und doch kein Geräusch. Es war ein Laut, den ein Geräusch hinterläßt, wenn es abrupt aufhört: von dem man kurzzeitig taub wird. Als hätte er sich zu heftig geschneuzt und die Außenwelt wäre auf einmal dumpf und tot. Dabei war er nicht körperlich taub; doch nur so konnte er begreifen, was in seinem Kopf passierte.
Es war, als sei eine Klappe gefallen. Lautlos, aber so schnell, daß er sich das Ganze nur als Knacks oder Riß vorstellen konnte. Es hatte sich auf sein Gehirn gelegt, so wie sich, ausgelöst durch einen Fremdkörper, plötzlich ein Film auf das Auge legt - der auf der Stelle weggewischt wäre, so sein Gefühl, wenn das Gehirn nur "blinzeln" könnte. Ein Film. Ja, es war auch wie ein Film - ein Kinofilm. Als habe er gerade einen Film gesehen und urplötzlich sei der Ton ausgefallen. Die Figuren auf der Leinwand bewegten sich weiter, agierten mehr oder weniger einleuchtend, doch bewegten sie sich in einer neuen, stummen, unsagbar unheimlichen Welt. Sein Leben, eben noch ein Tonfilm, war schlagartig zum Stummfilm geworden. Und es gab keine Musik. […]
Ein Stummfilm ohne Musik. Eine bessere Beschreibung dieser wundersamen Welt, in der er sich nun aufhielt, hätte er nicht finden können. Er betrachtete vorüberziehende Menschen und Dinge, doch sie hatten keine Farbe, kein Leben, keine Bedeutung. Sie bewegten sich wie Maschinen, ohne Grund, ohne eigenen Antrieb. Er hörte, was sie sagten, er verstand die Wörter, er konnte sogar antworten; aber er tat es automatisch, ohne darüber nachzudenken, was sie sagten oder was er entgegnete. Obwohl sie sprachen, war es daher so, als hätten sie nicht gesprochen, sie hatten die Lippen bewegt, waren jedoch stumm geblieben. Sie hatten keine gültige Existenz, waren keine Wesen, die Freude oder Schmerz empfanden. Es gab, genaugenommen, überhaupt keine Empfindungen, keine Freude und keinen Schmerz in dieser Welt; es gab nur ihn: sein trübes, stumpfes, totes Selbst.
Es gab keine Empfindungen, aber es gab etwas zu erledigen. Ausdrücklich, ganz ausdrücklich gab es etwas zu erledigen. Sobald er sich von der Überraschung erholt hatte - doch eigentlich war es gar keine Überraschung mehr -, vom Knacken in seinem Kopf, der Tonunterbrechung, dem jähen Eintritt in eine neue, stille Welt, sobald er sich davon erholt hatte, wurde ihm bewußt, daß es etwas zu erledigen gab. Zunächst kam er nicht darauf, doch das beunruhigte ihn nicht. Er kam nie gleich darauf, aber es würde ihm einfallen: Wenn er sich nicht festbiß, sondern seinen Gedanken freien Lauf ließ, würde es ihm einfallen.
Zwei, drei Minuten lang wandelte er in einem Traum und nahm kaum etwas wahr. […] Einige Paare waren unterwegs, frierend, mutlos, niedergebeugt von der hoffnungslosen Leere und Trübsal der Jahreszeit und der Stunde des Tages. Er kam an einem Schuppen vorbei, um den Kinder herumrannten und mit Spielzeugpistolen aufeinander feuerten. Da fiel ihm ein, ganz mühelos, was er zu erledigen hatte: Er mußte Netta Longdon töten.