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Alexander Häusser

"Karnstedt" | Romanauszug


(...)

Varming, 7. September


Kaum eine Nacht vergeht, in der ich nicht von damals träume; Träume mit dem Geruch von Tabak und Zuckerzeug. Träume mit dem Blick auf die morgenblauen Straße vor dem Laden meiner Mutter.
Manchmal glaube ich Karnstedts Stimme zu hören. Ich schrecke auf, horche, gehe mit eingezogenem Kopf unter der schiefen Decke aus dem Schlafzimmer - geduckt durch die Tür; aus dem Geruch von Stall und Tieren in die kalte Diele, die nach Stein und Erde riecht. Ich spüre wie der Wind von draußen gegen die Tür drückt. Unablässig; wie er nur für Augenblicke etwas nachläßt, um Anlauf zu nehmen und erneut und noch heftiger sich dagegenzuwerfen.
Zwei Tage lang habe ich versucht, Winthrop zu erreichen. Er wird sich melden, hieß es in seinem Büro; jedenfalls verstand ich es so. Seit meiner Ankunft hatte ich nichts verändert. Aus meiner Reisetasche nahm ich lediglich das Waschzeug und frische Unterwäsche. Auf meine Anwesenheit wies nur die Zahnbürste, die in einem Glas auf der Ablage im Badezimmer stand; neben seiner elektrischen und seinem Deo. Ich sah in den Spiegel und wunderte mich, daß es mein Gesicht ist, daß mich daraus anblickt; jeder Raum, jeder Gegenstand zeugte von seinem Leben, seinem Alltag - die auf der Anrichte liegengebliebene Telefonabrechnung, eine Eintrittskarte ins Wikinger Museum, der zerknüllte Kassenbon vom Supermarkt in einem Stoffbeutel. Es wäre ganz logisch gewesen, wenn sich der Spiegel noch nicht umgestellt hätte und Karnstedts kahlen Kopf zeigte. Ich hatte mich schon bei dem Versuch ertappt, Karnstedts letzte Tage zu rekonstruieren; verglich die Posten auf dem Kassenzettel mit den Lebensmitteln im Vorratsschrank und reimte mir zusammen, was er in der ihm verbliebenen Zeit gegessen und getrunken hatte; übersetzte aus einem Lexikon, was er offenbar kurz vor seinem Tod bei BRUGSEN gekauft hatte: Lette - Milch, Flöte - Sahne, Hering und Kartofler, während Karnstedt über mich lachte: Na, Simon wie reimst Du Dir die Feinstrumpfhose und die Haartönung zusammen? So was braucht dein alter Freund doch gar nicht. Nachmittags klingelte das Telefon. Ich erschrak, nahm den Hörer ab und horchte, ohne mich zu melden. "Du hast angerufen, weil Du mir etwas sagen willst?" Ich hatte dem Anwalt nichts zu sagen. Winthrop kündigte an, daß er mit einem vorbeikomme - ein Fotograf, sehr kaufwillig, spräche hervorragend Deutsch. Will mit Familie einziehen. "Du hast alles schön gemacht"? Ich lachte, aber der Anwalt hatte es weder scherzhaft, noch als Frage gemeint.
Der Anruf ließ mich hoffen. Obwohl ich das Gefühl nicht los wurde, daß er mich für die Situation, ja, sogar für Karnstedts Verschwinden irgendwie verantwortlich machte, glaubte ich, mich hier tatsächlich nicht einrichten zu müssen. Ich konnte die Spuren von Karnstedts Alltag einfach übersehen.
Karnstedt spielt mit mir. Veränderte Umweltbedingungen verändern Populationen. Tausende Pinguine verlieren ihr Leben, weil ein Eisberg ihren Zugang zum Meer versperrt. Vielleicht macht es Sinn, weil sich die Fischgründe erholen - vielleicht aber auch nicht. Ich habe solche Spiele bei Karnstedt gelernt, und ich habe auch erst bei ihm gelernt, mich mit Sinnlosigkeit zu befassen. Sinnlosigkeit - sein anderes Wort für Evolution. Vielleicht will er mir zeigen, daß die alten Zeiten nicht spurlos vergangen sind. Daß sie geschichtet, konserviert unter Vulkanasche liegen. Karnstedt und ich - vom Ausbruch überrascht und jetzt sollte ich uns wieder freilegen. Eine paläontologische Aufgabe hat er mir gestellt, eine Exkursion unter Fachleuten sollte das werden. Karnstedts Knochen suchen und wieder zusammensetzen. Das hatte er sich so gedacht - der kahle Karnstedt. Den Gefallen wollte ich ihm nicht tun. Ich faßte einen Entschluß. Der Käufer sollte das Haus sofort übernehmen können, ich wollte keine Zeit verlieren. Ich fuhr zu BRUGSEN, ließ mir den Kofferraum mit Kartons und leeren Kisten füllen. Der Marktchef persönlich schüttelte mir die Hand:
"Sag Thorwald zu mir!" Er kümmerte sich rührend um mich - sicher nur, um herauszufinden, ob ich womöglich mehr als er selbst über Karnstedts Schicksal wußte. Ich mußte ihn enttäuschen, und fragte auch nicht, ob Karnstedt mit einer Frau zusammengelebt hatte. Ich bezahlte eine Tüte voll Putzmittel.
Stundenlang schrubbte und scheuerte ich die Fliesen, den zerkratzten Spülstein und Herd - bis meine Hände rot und schrumpelig waren. Keine Ahnung was ich da für Zeug gekauft hatte. Auf die maroden Dielen rollte ich den Wollteppich, mit dem die Schwelle zum Arbeitszimmer abgedichtet war. Er ist schön bunt und macht die Küche freundlicher. Dann begann ich auszumisten. Vier Räume im Haupthaus - das Arbeitszimmer ausgenommen. Die Stallungen und Kammern im Nebenhaus vor der Pferdeweide waren mit alten landwirtschaftlichen Geräten vollgestellt; große mit Rost überzogene Zinken streckten sich mir entgegen, eingekeilt von Motorblöcken und Traktor-Teilen. Dort konnte ich nichts tun. Ich fing mit dem Kaminzimmer an, in dem außer einem großen schweren Holztisch und einem Schrank keine Möbel standen. Der Raum wirkte seltsam unbewohnt; doch in den gekalkten Wänden steckten noch Nägel und dunkle Ränder zeugten von Bildern, die hier bis vor kurzem gehangen hatten. In einem verschlossenen Schrank vermutete ich alte Kleidung und Plunder, den ich ohne durchzusehen schnell wegpacken könnte. Ich fand den Schlüssel auf dem Fußboden, er war heruntergefallen und weit unter den Schrank gerutscht. In einem Nest aus Staubflusen und Spinnweben holte ich ihn mit einem Besenstil hervor. Und schloß auf.
Ich breitete noch die Arme aus, aber ich konnte die Lawine nicht aufhalten. Die ganze Welt brach aus dem Kasten; die Stapel rutschten, prasselten, rauschten und stießen auf mich herab, als würde mit den Zeitschriften und Magazinen auch das ganze unsägliche Haus, von dreihundert Jahren niedergedrückt und verbogen, endgültig über mir zusammenbrechen. Und das bevor der von Winthrop angekündigte potentielle Käufer erschienen war. Roofs of the world, Sea Diver, National Geographic...Aufgeplatzte Päckchen ganzer Jahrgänge. Der Fußboden war übersät von Bildern, Entdeckungen und Abenteuern. Eine Welt ohne Gesichter, ohne Worte; eine Welt so einsam und unerreichbar schön, daß man an ihre Existenz nicht glauben würde, hätte man die Bilder nicht vor Augen.

(...)