Literaturpreise-Hamburg.de

Gabor Altorjay
Eva Bonné
Karin von Schweder-Schreiner
Harriet Grabow
Alexander Häusser
Dieter Hellfeuer
Ursula Schötzig
Stefanie Schütz
Michael Weins

Dieter Hellfeuer

aus "Redemption songs" | Erzählungen


Durch den Lüftungsschacht dringt das Dröhnen einer Kirchenglocke, drei mal schlägt sie, drei dröhnende Schläge. Ganz nah klingt das, dabei liegen mindestens einhundert Meter zwischen diesem Hochbunker und der Kirche.
Nun gut, wenn wir proben, sind die Lüftungsklappen immer geschlossen, das sind armdicke Stahldeckel, da dringt kein Laut durch, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Aber die Probe ist vorbei, früher als sonst, denn ich bin total fertig, so sehr hat mich das Singen heute angestrengt. Und jetzt erschrecke ich ein wenig, als ich die zweite Lüftungsklappe aufmache und nach so langer Zeit dieses Dröhnen wiederhöre.
Vor einem Jahr, da war alles nur nackter Stahlbeton gewesen, nicht einmal eine Tür hatte es gegeben, und das Schlagen der Kirchenglocke hatte unerträglich lange nachgehallt. Trotzdem wusste ich schon im ersten Moment, dass dieser Raum ideal war, klein zwar, dafür aber zentral gelegen und vor allem billig. Dieser Künstler, der die gesamte obere Etage gemietet hat und dessen Anzeige ich in der Zeitung gelesen hatte, der fand es außerdem total okay, als ich ihm sagte, dass ich hier mit einer Band proben wollte. Er mache mit seinen Stahlobjekten ja selbst genug Krach, meinte er, wir sollten halt einfach eine ordentliche Schalldämmung einbauen.
"Wie heißt denn deine Band", fragte er noch.
Ich erklärte ihm, dass ich das nicht wüsste, weil ich mir die Musiker immer erst kurz vor der Probe aussuchen würde. Der Künstler hatte mich erst verwundert angesehen und dann gelacht. Ich glaube, er hat mich für einen Spinner gehalten. Okay, vielleicht bin ich ja ein Spinner, vielleicht bin ich sogar mehr als das. Ich bin jetzt sechsundzwanzig, davon habe ich sechs Jahre in einer geschlossenen und zwei Jahre in einer offenen Anstalt verbracht. Seit ein paar Monaten wohne ich allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die diese rothaarige Frau von der Integrationsbehörde mir vermittelt hat. Sie wohnt zufällig genau gegenüber und ich vermute, diesen Zufall haben die bereits in der Anstalt so eingefädelt. Wahrscheinlich genügt es ihnen nicht, dass ich zwei Mal im Monat von meinem Vormund kontrolliert werde. Dabei sollten die sich mal eher um den Spinner über mir kümmern, diesen pickeligen Typen, der morgens das ganze Haus zum Wackeln bringt mit seinen Übungen und der wie ein Irrer durchs Treppenhaus huscht. Ein armes Schwein ist das, ich wette, der bringt sich irgendwann um. Ich dagegen komme inzwischen klar mit dem Leben. Ich komme klar mit der Sozialhilfe, und ich leiste mir als einzigen Luxus diesen Raum, und zwar von dem Geld, das ich mir in den Anstaltswerkstätten zusammenverdient habe. Okay, außerdem rauche ich, aber vom Alkohol lasse ich die Finger, allein schon wegen der Tabletten. Wahrscheinlich liegt es auch an diesen Tabletten, dass ich mir aus Frauen nichts mache, aber das kann ja noch kommen.
Ich stecke mir eine Kippe an und betrachte die Rauchkringel, die langsam in Richtung des Entlüftungsschachts kreisen. Mann, war das eine Arbeit, bis ich alles so schön hergerichtet hatte. Allein das Anbohren der Holzgerüste hat eine Ewigkeit gedauert, ganz zu schweigen von der Action, die ich mit dem Organisieren der Glaswolle oder dem Hochschleppen der schweren Sperrholzplatten hatte. Und das alles in den wenigen Stunden Freizeit in der Woche. Trotzdem hatte ich es irgendwann geschafft, ganz allein, und keiner der Betreuer hat was gemerkt, auch wenn meine Hände schwielig und zerkratzt waren, wenn ich abends in die Anstalt zurückkehrte.
Damals hatte ich nämlich noch Angst, dass sie mir diesen Raum wieder wegnehmen würden. Als sie dann kurz vor meiner Entlassung doch irgendwie Wind davon kamen, wurde ich zum Leiter zitiert.
"Aber das hätten Sie uns doch sagen können. Das ist doch eine tolle Sache, so ein eigener Raum zum Üben. Musik zu machen ist doch wunderbar. Sie haben sich ein kleines Zuhause für ihre Kreativität geschaffen, wirklich toll finde ich das." Dieser Schwätzer. Aber eigentlich hat er sogar recht, was diesen Raum betrifft. Inzwischen bin ich hier tatsächlich eher Zuhause als in meiner richtigen Wohnung. Letzten Monat zum Beispiel habe ich hier das erste Mal übernachtet. Und da habe ich mir vorgestellt, wie das im Krieg gewesen sein mochte, als hier drin Dutzende von Menschen hockten und ringsum die Bomben runterkrachten. Ich hatte mal im Fernsehen was darüber gesehen, und die Leute haben alle von der schrecklichen Angst erzählt, die sie in den Bunkern hatten, vor allem diesen Hochbunkern, die wie Türme aus dem Boden ragen. Aber als ich dann hier übernachtet habe, habe ich nichts von dieser Angst gespürt, im Gegenteil. Mir wurde klar, dass es niemals einen sichereren Ort gab als in einem Bunker mitten im Bombenhagel.
Denn die Angst, von der die Leute reden, ist nur die Angst vor dem Tod. Ich dagegen kenne andere, ganz andere Ängste. Die Angst vor der Bombe in einem selbst, zum Beispiel. Oder dass man mir diesen Raum doch noch wegnimmt. Ich lehne mich zurück und summe eines meiner Lieder. Glaubt mir, ich kenne kein größeres Glück, als mit geschlossenen Augen dazusitzen und diese Lieder zu summen.
Erstmals habe ich das verspürt, als sie mich mal wieder in die Sicherheitszelle sperrten. Ich muss davor wohl einen meiner Anfälle gehabt haben, aber an diese Anfälle konnte ich mich noch nie erinnern, und bis heute glaube ich vieles von dem nicht, was sie mir während der Therapiestunden darüber gesagt haben. Das wäre typisch für meine Psychose, hieß es immer. Manchmal denke ich, dass das eher typisch war für die vielen Spritzen und Tabletten, die sie mir damals täglich verpassten. Diese Lieder, ach ja. Auch wenn ich sie nur summe, sind die Melodien ganz deutlich, auch die Texte sind ganz deutlich. Und in meinem Kopf werden daraus richtige Songs, manchmal sind es eigene, manchmal welche, die ich im Fernsehen gehört habe. Ich sehe mich dann auf einer Bühne stehen, zusammen mit einer richtig geilen Band, und diese Songs hauen die Leute um, mein Kreischen und Schreien haut sie total um, und sie bejubeln mich dafür. Das Gefühl, was ich dabei empfinde, dieses Gefühl ist alles: ist Macht, ist Kraft, ist Erlösung, alles zugleich.
Die Ärzte in der Anstalt hatten davon natürlich keine Ahnung. Nie habe ich ihnen von meinen Songs erzählt, das wäre ja wohl das Letzte gewesen. Sie hätten mich dann bloß wieder vollgelabert und mir bestimmt noch mehr Tabletten verpasst. Sie merkten nur, dass ich keine Anfälle mehr bekam, dass ich nicht mehr ausrastete, wenn mich einer der Spasties blöd anmachte oder wenn sie mich auf den Tod meines Vaters ansprachen, dessen Kopf ich angeblich auf dem Küchenherd zertrümmert haben soll. Nein, sie hielten meine Wandlung tatsächlich für einen Erfolg ihrer Spritzen und Tabletten und Faseleien, und etwas später kam ich in die Offene.
Und seit ich diesen Raum habe, summe ich meine Lieder nicht mehr nur, nein, ich schreie sie heraus so laut ich kann, und meine Band begleitet mich dabei. Das Schlagzeug donnert, die Gitarre kreischt, und ich sehe die weit aufgerissenen Augen und die offenen Münder der Zuhörer vor mir, wie sie mich anstarren, erschrocken und entzückt zugleich, während ich etwa schreie "Father, I want to kill you!".
Oh, wie gut es mir dann geht.
Es klopft an der Tür. Der Künstlertyp schaut herein, das macht er öfter, es ist okay.
Für einen Moment sehe ich uns beide wie durch eine Videokamera, ihn, wie er grinsend im Türrahmen steht und mich, wie ich in der anderen Ecke des Raumes hocke und an meiner Zigarette nuckele.
"Na, wie war die Probe heute", fragt er.
"Gut", sage ich.
"Ist deine Band schon wieder gegangen?"
Blöde Frage, denke ich. Wäre der Raum sonst leer?
"Na dann", sagt er.
Er nickt mir noch einmal zu und schließt die Tür.
Kurz darauf höre ich seine Stahlsäge kreischen. Diese Objekte, die er da zusammenschweißt, die sehen aus wie zerstückelte Leichen, echt zum Fürchten.
Trotzdem, ich weiß nicht warum, aber ich mag diesen Typen. Vielleicht weil seine kreischende Stahlsäge hier in diesem Raum klingt wie ein lautes, melodisches Summen. Vielleicht auch, weil er das Geheimnis kennt.
Ich drücke die Zigarette aus und stehe auf.
Übermorgen ist die nächste Probe, vielleicht auch schon morgen. Wir werden sehen.