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Michael Weins

Michael Weins

aus "Delfinarium" | Romanauszug

1. Der Giraffeneffekt

Hätte man mir vorher ein Foto gezeigt und gesagt, sieh her, das ist die Frau deines Lebens, sie wird dir eine Richtung geben, ich hätte den Kopf geschüttelt und gelacht. Oder ich hätte Angst bekommen. Sie war nicht das, was ich unter meiner Traumfrau verstand.
So hätte es ausgesehen, das Foto: Sie, im Park vor ein paar Büschen postiert, linkisch, ein Fuß vor dem anderen, die Hände auf der Hüfte verschränkt, mit verdrehten Fingern, die Schultern eingesunken. Ein blonde Frau, zu alt für mich, mit hoher gewölbter Stirn und stark geschminkten Augen, groß, lang, dürr, in einer Stewardessenuniforn. Das Gesicht ernst, kein Anflug eines Lächelns. In der Ferne auf der Wiese unscharf ein Pampashase.
Nee, hätte ich gesagt, die nicht. Da hatte ich noch keine Ahnung. Ich war gerade zwanzig Jahre alt, hatte die Schule hinter mich gebracht und glaubte, dass das Leben grauenhaft weit vor mir lag, dass es für mich nur das bereit halten würde, was es immer bereit hält, was man sieht, wenn man die Zeitschriften durchblättert, wovon das Fernsehen handelt, was einem irgendeine Werbung verspricht. Hilfe, hätte ich gedacht. Die Frau für mich würde so alt sein wie ich. Sie würde hinter der Wegbiegung auf mich warten, ich brauchte nur noch ein paar Schritte zu gehen, und dann wüsste endlich auch ich, wie ich diese Wüste durchqueren sollte, die man wahrscheinlich Leben nennt.

Der Mann, der mir die Tür öffnete, war kleiner als ich, aber breiter gebaut, enorm, sein Oberkörper sah nach Hanteltraining aus, oder körperlicher Arbeit, spannte unter dem karierten Hemd. Sein Haar hatte sich bereits gelichtet und war zur Seite gescheitelt. Er mochte um die Vierzig sein. Er schaute mich prüfend durch das dicke Glas einer Brille an, mit kleinen Äuglein, die zu lächeln begannen, als ich ihm meine Hand entgegenstreckte. Ich betrachtete die beiden groben Falten, die von seinen Nasenflügeln zu seinen Mundwinkeln reichten und ihm das Aussehen eines jovialen Habichts verliehen.
Mein Name ist Martin, sagte ich, wir haben telefoniert. Er griff nach meiner Hand und drückte sie kräftig.
Hallo Martin, ich bin Henry, komm rein. Er zog mich zu sich in den Flur.

Wir waren per Du. So schnell ging das. Er war deutlich älter als ich, ich hätte nie gewagt, ihn zu duzen. Aber wenn er es so wollte, okay. Martin. Henry. Es war ein Missverständnis. Ich heiße Daniel und nicht Martin, ich heiße Daniel Martin. Er hieß Henry. Gut. Für ihn war ich jetzt Martin. Martin, sprach ich innerlich vor mich hin. Ich bin Martin. Es gefiel mir, es klang gut. Es gefiel mir, Martin zu sein. Es war wie Urlaub von mir selbst. Zwischen Henry und mir schien das Eis gebrochen. In einem Kiefernsitzmöbel mit kariertem Bezug ließ er mich Platz nehmen. Ich sah mir die Aquarelle von bräunlichen Baumgruppen an der Wand gegenüber an. Er verschwand aus dem Raum und kam kurz darauf mit einem Tablett zurück, auf dem er zwei Gläser und zwei Dosen Tuborg Bier balancierte. Es war kurz nach drei Uhr, aber ich beschloss mich den hier herrschenden Sitten und Gebräuchen anzuschließen.
Henry setzte sich seitlich von mir in einen freischwingenden Ledersessel. So, sagte er, öffnete das Bier. Er goss uns ein. Vor dem Fenster hatte sich verwilderter Garten ausgebreitet. In der Mitte, umgeben von kniehohem, ungemähtem Gras, stand eine Vogelskulptur, die Spezies vermochte ich nicht zu benennen. Ein großer Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, den Schnabel zum Himmel emporgestreckt. Henry ließ seinen Blick meinem folgen und lächelte. Dann reichte er mir ein Glas hinüber und wir stießen an. So, sagte er. Ja, entgegnete ich. Wir saßen da und lächelten. Da hatten sich zwei gefunden. Er hatte Bierschaum auf der Oberlippe.
Worum gehts, fragte er mit echtem Interesse im Blick. Die Frage brachte mich aus dem Konzept. Wer lässt einen Menschen in seine Wohnung und bietet ihm Bier an, ohne sich zu erinnern, worum es geht?
Die Anzeige, sagte ich, die Ausflüge, Zoobesuche, ich möchte gerne mit ihrer Frau in den Zoo gehen, wir haben ja schon am Telefon darüber gesprochen.
Henry griff sich an die Brille und sah auf seine Schuhe, ich tat das gleiche, er trug flauschige Hausschuhe und Tennissocken mit einem roten und einem blauen Ring um die Knöchel. Stimmt, sagte er, als wäre das Wort auf seine Socken gestickt und er würde es ablesen. Dann sah er wieder mich an.
Was kannst du?
Auf die Frage war ich nicht vorbereitet. Ich war irgendwie davon ausgegangen, ich würde einfach untergehakt mit einer Frau spazierengehen, die sich von einer Gallenblasenoperation erholte oder sowas, ich müsse nichts weiter können. Wie Zivildienst, hatte ich gedacht. Zivis müssen ja auch nichts können. Wie, fragte ich.
Meine Frau kann nicht sprechen, sagte Henry. Das konkretisierte seine Frage meiner Meinung nach kein bisschen. Ist sie stumm, fragte ich.
Es gab einen Unfall, sagte Henry. Bei der Geburt unseres Kindes verlor sie das Bewusstsein. Sie war weg, sie ist ins Koma gefallen, aber bloß sieben Minuten. Seitdem spricht sie nicht. Ah, sagte ich, etwas anderes fiel mir nicht ein. Ich trank einen kräftigen Schluck Bier.
Sie kann sich anziehen und so. Sie träumt nur ständig vor sich hin. Henry wies auf ein paar Fotografien, die im Regal standen, die ein Kind zeigten.
Und da hilft es, wenn man mit ihr in den Zoo geht, sagte ich. Ja, sagte Henry. Ich kann mich nicht die ganze Zeit um sie kümmern. Vor dem Unfall war sie Stewardess.
Ich schwieg, weil ich beim besten Willen nicht wusste, was man einem Erwachsenen mit Tränen in den Augen und einem Bierglas in der Hand erwidert. Ich wusste nicht, was ich mit der Information anfangen sollte.

Wir einigten uns darauf, dass wir es miteinander versuchen wollten, wenn seine Frau positiv auf mich reagierte. Ich sollte 15 Euro pro Stunde erhalten, ich wäre auch für weniger Geld in den Zoo gegangen. Henry war schon im Flur, um seine Frau zu holen, als er noch einmal zurück ins Wohnzimmer schaute. Moment, sagte er, erzähl mir noch etwas über dich, ich weiß gar nichts über dich, ich denke, ich sollte erst etwas besser über dich Bescheid wissen.
Es schien ein ziemliches Hin und Her in ihm zu geben. Wir waren nach zwei Sekunden schon beim Du gewesen, hatten gemeinsam Bier getrunken, hatten uns über die Bezahlung geeinigt, und jetzt wollte er mehr über mich wissen. Er stand an den Türrahmen gelehnt, fasste sich an die Brille, er schien sich selbst nicht sicher zu sein. Was willst du wissen, fragte ich. Die Sache war, über mich gab es nichts zu wissen. Ich war 20 und hatte die Schule beendet. Besondere Merkmale: keine. Ich habe dunkle Haare, blaue Augen. Ich bin ein Meter zweiundachtzig. Das sagt nicht viel über mich aus, denke ich.
Was machst du sonst, fragte er, warum bist du der Richtige für den Job, was kann sie von dir bekommen, was sie von jemand anderem nicht bekommen kann?
Ich seufzte und sah innerlich meinen Notizzettel durch; schulisches Berufspraktikum etc. Als Kind hatte ich ein Aquarium besessen, aber das machte mich kaum zum Fachmann für Sprachlosigkeit im Allgemeinen. Ich bin als Kind gerne in den Zoo gegangen, sagte ich. Meine Lieblingstiere waren die Giraffen. Ich hatte eine Jahreskarte, und immer wenn ich vor dem Giraffengehege stand, kam ich mir vor wie in einem surrealistischen Spielfilm. Es konnte diese Tiere nicht geben, ich musste sie träumen, so etwas konnte es nicht in Echt geben, nicht in meiner Stadt, diese sonderbar proportionierten Körper, dieses Muster. Ich saß auf der Bank vorm Gehege und musste mich kneifen, und wenn sie dann noch ihre bläulichen Zungen herausfuhren, um sich Blattwerk in den Mund zu ziehen, war es um mich geschehen.
Henry war eine Weile still. Dann griff er nach einer der Dosen auf dem Tablett und kippte sich die letzten Tropfen in den Mund. Er sah mich durch dicke Brillengläser seltsam melancholisch an.
Kann ich Dir vertrauen, Martin?
Er sah traurig aus, als er es sagte.
Das ist nämlich das Wichtigste für mich.
Ich sagte, ja, und wurde ebenfalls traurig, warum wusste ich nicht, vielleicht weil es aberwitzig ist, irgendwem oder irgendeinem Ding zu vertrauen. Nichts im Leben ist bis zum Schluss vertrauenswürdig. Man kann nie davon ausgehen, dass man sich auf irgendwen oder irgendwas restlos verlassen kann. Es geht nicht. Man kann sich nie vorbehaltlos zurücklehnen, und man muss es trotzdem tun, weil man sonst alleine ist oder verrückt wird. Du kannst dich auf nichts verlassen, also fang an damit, in diesem Augenblick. Das hatte ich in irgendeinem Buch gelesen. Vielleicht wurde ich auch traurig, weil - Du kannst dich auf mich verlassen, sagte ich, obwohl er Martin die Frage gestellt hatte, und ich in Wirklichkeit Daniel war. Ich griff nach meinem Glas, um mich an etwas festzuhalten. Wir sahen uns an.

Sie trug einen dunkelblauen Rock und eine weiße Bluse, und über der Bluse ein dunkelblaues Jäckchen. Es sah aus wie eine Uniform, eine Stewardessenuniform, es war aber normale Kleidung. Zivilkleidung. Es waren keine Abzeichen darauf. Sie trug eine weiße Strumpfhose und dunkelblaue Schuhe mit flachen Absätzen. Um den Kragen der Bluse war ein gelbes Tuch geknotet. Ihr Haar beherrschte den Raum, es flutete zu mir herüber und rührte mich auf eine unerklärliche Weise, ein Weizenfeld von Haaren, eine Python aus Licht, die sich zu mir herüber ringelte und sich mir um den Hals legte, zudrückte. Das blondeste Haar, das ich jemals zu Gesicht bekommen hatte, blendend floss es an ihrem Gesicht vorbei auf ihre Schultern und bedeckte ihre Brust, es musste ihr bis auf den Rücken reichen, sie trug eine schimmernde Aureole, und ich saß mit offenem Mund und brauchte eine Weile, bis ich mich von ihrem Scheitel löste, tiefer schaute, bis ich ihr in die Augen sehen konnte.
Susann, das ist Martin. Setz dich bitte.
Sie setzte sich auf den Platz, auf dem Henry zuvor gesessen hatte, die Knie eng beieinander, die Hände auf den Knien. Sie schaute an mir vorbei in den Garten. Sie hatte eine stark gewölbte Stirn, darunter glommen zwei türkise Augen still vor sich hin, und hatten nichts mit mir oder irgendeinem anderen Adressaten zu tun. Sie saß sehr gerade und war ebenso groß wie ich, wenn nicht größer, ich hatte mich noch nie besonders gerade halten können.
Hallo, sagte ich, ich bin Martin. Eigentlich hätte ich sagen sollen, ich bin Daniel, mein Nachname ist Martin, aber ich wollte die beiden nicht enttäuschen. Ich war verwirrt, ich wusste nicht wohin mit meinen Blicken. Ich sah auf meine Hände, die sich rieben. Sie folgte meinen Blicken. Wir schauten beide meinen Händen zu, und für einen kurzen Moment sah sie mir in die Augen, bevor sich ihr Blick wieder in den Garten verlor. Da wusste ich, dass alles gut werden würde. Was genau wusste ich nicht, aber in dem Moment war alles richtig. Ich war glücklich und sah zu Henry hoch, der ebenfalls gerührt zu sein schien und sich hinters Brillenglas fasste.
Ich war verzaubert, es war der Giraffen-Effekt. Ich fürchtete, dass sich der Boden unter mir bewegen, sich absenken könnte, und ich hinge plötzlich in der Luft, unfähig mich zu bewegen. Susann, probierte ich innerlich aus, Henry, Martin.