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Gabor Altorjay
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Gabor Altorjay

aus: Béla Hamvas "KARNEVAL" | Roman

übersetzt aus dem Ungarischen von GABOR ALTORJAY & DANE

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Irre sind wir alle, und dieser Irrsinn häutet uns langsam, ganz langsam, dafür aber um so sicherer all das von unserem Gesicht ab, was ruhig ist und wohlproportioniert und anziehend und rein und klar und intelligent und was vom Alter völlig unabhängig ist, und er macht unser Gesicht finster und eckig und verzerrt und gequält und grausam und hier verhärtet sich das Gesicht und dort schwillt es an, die Nase wird obszön, der Mund wie die Öffnung des Darmkanals, die Wangen quellen unzüchtig auf, das Auge glitzert duckmäuserisch und gierig, die Stirn verliert ihren Glanz, das Kinn wird scharf wie ein Messer, in den Zügen liegen unabwaschbar schmutziger Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Ungläubigkeit, dumpfer Egoismus, viehisches Verlangen, Hinterhältigkeit und Wut und Ärger und klebrige Melancholie. Lächerlich? Das leugne ich nicht einen Augenblick. Wehe dem, der darüber nicht lacht. Aber wehe dem, der darüber lacht. Wären Sie imstande, über diese bedauernswert erschrockenen Wesen zu lachen? Und wären sie imstande, über diese Witzfiguren nicht zu lachen? Ob Sie es glauben oder nicht, mir erscheint die Sache manchmal wie Nonsens. Unwirklich. Gespenster. Natürlich mich eingeschlossen, denn nähme ich mich aus dieser Geisterstunde aus, wäre es nicht korrekt. Und jetzt sage ich Ihnen, mit zweifellos didaktischem Pathos, aber das ist das einzige, was ich in ihrem Interesse tun kann, ich bitte Sie, halten Sie sich nicht heraus aus diesem universellen, sinnvollen oder sinnlosen Tohuwabohu, die das menschliche Leben und die Geschichte sind, glauben Sie ja nicht, dass Ihnen eine Sonderbehandlung zusteht oder je zustehen wird und Sie wären eine Ausnahme und der einzige Mensch, für den das, was für alle anderen gilt, nicht gültig ist. Das hieße doch, sich inhuman zu verhalten und das ist meiner Meinung nach der erste und hauptsächliche Grund für das Zerbrechen und Verzerren und Auflösen und die Verunstaltung aller Gesichter zu einer tragikomischen Maske. Keine Ausnahme. Laura glaubte, sie wäre eine Ausnahme. Ameline glaubte es auch. Schauen Sie sie an. Was hat der Glaube, sie seien eine Ausnahme, aus ihnen gemacht. Schauen Sie sich die Kränkung in ihren Gesichtern an. Schauen Sie, wie beleidigt sie sind. Was für eine schlecht verborgene Unzufriedenheit sie unter uns verbreiten und wie sehr sie es uns verübeln, dass sie nicht die Sonderbehandlung bekommen, die ihnen ihrer Ansicht nach gebührt. Nein, bis zu meinem letzten Blutstropfen wehre ich mich dagegen, das Leben so einzurichten, dass der Mensch sich als eine von der Außenwelt und den Mitmenschen zugefügte offene Wunde herumschleppt und voller Beschwerden ist und Klagen und Gejammer, dass er zimperlich ist und wählerisch und sich bitten lässt und seufzt und misstrauisch wird und trotzig und die Lippen herausfordernd zusammenpresst und verstummt und die Schultern zuckt und nichts sagt und muffig ist und sich in die Schmollecke verzieht und mit zitternden Lippen stammelt, wissen Sie, das ist doch eine niederträchtige Komödie, denn sagen Sie mir bitte, was zum Teufel hat ihn dermaßen beleidigt, was beschwert und beklagt er sich und ist misstrauisch und flennt und ist überempfindlich, und warum ist der Ärmste so trotzig? Alle glauben von sich, verkannt zu werden, sie glauben, dass die anderen entweder blöde sind oder Gauner, weil niemand in ihnen die Einmaligkeit und Großartigkeit sieht, die es nie zuvor gegeben hat und auch nie wieder geben wird, anstatt einfach mit vollen Händen hineinzugreifen in das, was da vor ihnen liegt und die der Schönheit und Gesundheit zukommende Bewunderung zu genießen, die Künste, die Wärme der Leidenschaften, die veredelten Sitten, die geordnete Lebensweise der Zivilisation, die Speisen, die Freude sich zu kleiden, die freundlichen Gemeinschaften, die Natur, die Gabe ihrer Fähigkeiten, den Zufall, die Feste, die Ergebnisse der Arbeit, die Vielfalt der menschlichen Eigenschaften, nein, stattdessen verschließen und verdrücken sie sich, rümpfen die Nase, machen ihrer Umgebung Vorwürfe und werden gereizt und starrsinnig und kleinlich und peinlich und fangen an, dies und das nicht mehr zu essen und oh nein, das blaue Kleid trägt man wirklich nicht, der Kerl da ist unmöglich, und dabei schüren sie insgeheim ihre Genugtuung und sind gereizt und grob, gleichgültig und monomanisch, und das macht natürlich dumm und sie glauben nur noch, ständig Kränkungen ausgesetzt zu sein und es stellen sich die tiefen und bitteren Falten ein, die Appetitlosigkeit kommt, die schlechte Verdauung, die Haare fallen aus, das Kinn verhärtet sich, die Nase wird aufgedunsen, das Auge erschrocken, der Mund gemein, schade um die Schminke, das Gesicht wird immer böser und gequälter, immer mehr zur Karikatur und zur Totenmaske und zur Chimäre, es wird unmenschlich und hässlich und tragisch und unerhört lächerlich.