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Eva Bonné

aus: Anne Donovan: "Buddha Da"

übersetzt aus dem Englischen

Anne Marie

Mein Dad ist ein Spinner. Total Panne. Für einen Lacher würde der wirklich alles tun; er ist mit einem Schlüpfer auf dem Kopf durch die Läden spaziert und hat der Alten von nebenan erzählt, wir hätten im Lotto gewonnen und würden nach Barbados abhauen; aber das war harmloses Zeug im Vergleich zu dem, was er jetzt gemacht hat. Jetzt ist er Buddhist geworden. Ma dachte zuerst, es wär wieder einer seiner Witze.
"Liz, ich geh mal eben für ein paar Stunden zum Buddhistischen Zentrum rüber. Werd nicht lang brauchen."
"Ja, gut. Gibt es da Freibier?"
"Nein, Spatz, ich meine es ernst. Ich dachte bloß, ich geh mal hin und meditiere ein bisschen, probiere es mal aus, weißt du?"
Mammy drehte sich vom Abwasch um und schickte ihm einen dieser Blicke rüber, einen dieser "Was-hat-er-denn-jetzt-schon-wieder-vor"-Blicke, wie ich sie schon Millionen Mal gesehen hatte.
"Jimmy, glaubst du, ich wär auf den Kopf gefallen? Du bist ein Heide. Zum letzten Mal hast du eine Kirche von innen gesehen, als dein Vater gestorben ist. Und das Mal davor musste ich dich zu Anne Maries Erstkommunion hinschleifen. Und jetzt willst du mir erzählen, du gehst am Dienstagabend ins Buddhistische Zentrum, wo im Hielander Quizabend ist? Zum Meditieren? Erzähl uns doch keinen Unsinn."
Wenn meinem Dad was peinlich ist, sieht er aus wie der Dünne in den Dick und Doof-Filmen, und er kratzt sich mit der linken Hand am Ohr. In dem Augenblick dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht sagt er ja die Wahrheit.
"Okay, ich weiß, es klingt komisch, und wahrscheinlich hätte ich es dir schon früher erzählen sollen, aber ich geh da nicht zum ersten Mal hin. Kannst du dich an den Auftrag erinnern, den wir da in der Stadt hatten, den Laden? Naja, einmal hab ich mir mittags ein paar Brötchen gekauft, und da bin ich einem von diesen Buddhisten begegnet. Wir sind ins Gespräch gekommen, und ich bin mitgegangen, um mir das Zentrum anzugucken. Es hat geregnet, ich hatte nichts Besseres vor und ich dachte, es könnte ganz witzig werden, du weißt schon, Leute in seltsamen Klamotten und Singsang und sowas."
Ma stand am Spülbecken. Von ihren rosa Gummihandschuhen tropften die Seifenblasen.
"Und?"
"Und dann war es gar nicht so. Die waren total nett, total normal, haben mich auf einen Tee eingeladen, mir den Meditationsraum gezeigt und - ach, es war die Atmosphäre, Spatz. Ich kann es nicht erklären, aber es war total ruhig da." So hatte ich meinen Dad noch nie erlebt. In seinen Augen war so ein verträumter Ausdruck. Ich wartete immer noch darauf, dass er jetzt mit der Pointe rausrückte, aber er stand nur da und guckte aus dem Fenster. "Wie auch immer, ich weiß, wie blöd es klingt, aber ich will es einfach mal ausprobieren. Die geben da solche Kurse, jeder kann hingehen, deswegen …"
"Na gut, tu, was du nicht lassen kannst. Sieh bloß zu, dass sie dir keine Gehirnwäsche verpassen."
Mein Dad drehte sich um und bemerkte mich, wie ich am Küchentisch saß und meine Hausaufgaben machte. Ich glaube, er hatte ganz vergessen, dass ich da war. Er zwinkerte mir zu. "Wird schon nicht passieren, was, Kleines?"
"Dazu müssten sie erstmal ein Gehirn finden."