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Karin von Schweder-Schreiner
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Karin von Schweder-Schreiner

aus: Bernardo Carvalho: "Neun Nächte" | Roman

übersetzt aus dem Portugiesischen

Dies ist für Sie, wenn Sie kommen. Sie müssen gewappnet sein. Irgend jemand muß Sie vorbereiten. Sie werden ein Terrain betreten, wo Wahrheit und Lüge nicht mehr das bedeuten, was Sie hierhergeführt hat. Fragen Sie die Indianer. Irgend etwas. Was Ihnen gerade in den Kopf kommt. Und morgen früh, wenn Sie aufstehen, stellen Sie wieder dieselbe Frage. Und übermorgen noch einmal. Immer dieselbe Frage. Und jeden Tag werden Sie eine andere Antwort erhalten. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen all den widersprüchlichen und unsinnigen Antworten. Wenn Sie hier nach dem suchen wollen, was in der Vergangenheit begraben ist, müssen Sie wissen, daß Sie sich an der Pforte zu einem Terrain befinden, wo die Erinnerung nicht exhumiert werden kann, denn da Geheimnisse das einzige sind, was man mit ins Grab nimmt, sind sie auch das einzige, was man als Erbe denen hinterläßt, die wie Sie und ich auf einen Sinn hoffen, und sei es nur, weil wir ein Geheimnis vermuten und die Neugier uns umtreibt. Sie werden sich, wenn Sie hier eintreffen, auf Fakten stützen, die Ihnen bislang unanfechtbar zu sein schienen. Daß mein Freund, der amerikanische Anthropologe Buell Quain, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1939 im Alter von 27 Jahren gestorben ist. Daß er sich völlig überraschend aus scheinbar unerklärlichen Gründen das Leben genommen hat, und zwar auf erschreckend grausame Art. Daß er sich verstümmelt hat, ungeachtet der flehentlichen Bitten der beiden Indianerjungen, die ihn auf seinem letzten Tagesmarsch vom Indianerdorf zurück nach Carolina begleiteten und vor Entsetzen über das Blutbad das Weite gesucht haben. Daß er sich aufgeschnitten und aufgehängt hat. Daß er beeindruckende Briefe hinterlassen hat, die jedoch nichts erklären. Daß man ihn in Berichten, an deren Abfassung ich leider Gottes beteiligt war, als unglücklich und überspannt bezeichnet hat, um eine offizielle Untersuchung zu vermeiden. Ich habe über Jahre auf Sie gewartet, wer immer Sie sind, habe mich dabei nur auf das gestützt, was außer mir niemand wußte, doch nun kann ich mich nicht mehr auf mein Glück verlassen und riskieren, daß mit mir untergeht, was ich meinem Gedächtnis anvertraut habe. Auch darf ich nicht fremden Händen anvertrauen, was für Sie bestimmt ist und was ich in all diesen Jahren trauriger Ereignisse und Enttäuschungen streng unter Verschluß gehalten habe, immer in der Erwartung, daß Sie kommen. Verzeihen Sie mir. Ich darf nichts riskieren. Ich habe nicht mehr die Kraft und auch nicht mehr das Alter, den Tod herauszufordern. Morgen nehme ich die Fähre zurück nach Carolina. Doch hinterlege ich dieses Testament, für den Fall, daß Sie kommen und feststellen müssen, daß überhaupt nichts gesichert ist.

Seien Sie willkommen. Man wird Ihnen sagen, daß alles völlig unerwartet geschehen sei. Daß der Selbstmord alle überrascht habe. Man wird Ihnen viel erzählen. Ich weiß, was Sie von mir erwarten. Und was Sie vermutlich denken. Aber verlangen Sie nicht von mir, was ich selbst nie bekommen habe: klare Auskunft, den genauen Zeitpunkt. Sie werden sich mit der Unwägbarkeit und der Unzuverlässigkeit dessen begnügen müssen, was ich Ihnen nun erzähle, so wie ich mich mit dem Bericht der Indianer und der ungenauen Übersetzung durch den Lehrer Senhor Pessoa begnügen mußte. Bei allen Geschichten kommt es in erster Linie darauf an, ob derjenige, der sie hört, ihnen vertraut und sie richtig auszulegen vermag.