Literaturpreise-Hamburg.de

Isabel Bogdan
Ingo Herzke
Andreas Münzner
Stefan Beuse
Lars Dahms
Dierk Hagedorn
Myriam Keil
Jasmin Ramadan
Friederike Trudzinski

Stefan Beuse

aus der Jurybewertung


"Alles, was du siehst" - so lautet der Titel von Stefan Beuses nächstem Roman; und in welche Richtung der Satz weitergeht, wird schon nach wenigen Seiten klar. Der Protagonist, von einer geheimnisvollen Gesellschaft zu einem mysteriösen Arbeitsauftrag in ein US-amerikanisches Universitätsstädtchen geladen, ist nämlich ein Ghostwriter. Er sagt über sich selbst, er lasse einen Schöpfer aus dessen Schöpfung auferstehen, um das Werk fortführen zu können; er hole ins Leben zurück, was mit dem Körper normalerweise vergeht: den Geist. Dass dem Ghostwriter in diesem Fall die Erinnerung an sich selbst abhanden kommt, macht nichts, denn dem Ziel, so steht es im Text, ist egal, wer hindurchläuft - nur auf das Wann kommt es an. Der Hinweis auf die Zeit ist entscheidend, denn hier geht es nicht nur um den Verlust und die Neubildung menschlicher Identitäten. Hier verschieben sich Ursache und Wirkung und reißen alle zeitliche Ordnung mit sich. Jemand kaut, ohne sich den Bissen in den Mund gesteckt zu haben und Menschen, denen man eben begegnet ist, sind angeblich seit Jahren tot. Und immer wieder der Schnee, der die Erinnerung an stets neue Aggregatzustände in sich trägt. Es könnte alles ganz anders sein. Gibt es den Wechsel der Zustände womöglich nicht nur auf materieller Ebene? Lässt sich etwa auch die Zeit aufmischen? Hängen Geist und Materie auf eine Weise zusammen, von der wir nicht einmal träumen? Und ist am Ende alles, was wir sehen, nur ein Resultat dessen, was wir glauben? Und tatsächlich: Wetter und Räumlichkeiten sind ja nicht einfach da, sondern werden vom Ich-Erzähler erschaut und damit erst erschaffen. Während die Figur so die Quantenphysik am eigenen Leib erlebt, beginnt das Spiel mit dem Erzählen erst richtig, denn wenn die Quantenmechanik durch ihre Möglichkeit der Formbarkeit der Materie durch Anschauung fasziniert, dann macht sie sich eine literarische Qualität zu eigen. Das alles findet bei Beuse mit einer Sinnlichkeit - der Protagonist sieht ja nicht nur, immerzu hört, riecht und fühlt er -, erzählerischen Souveränität und in einer glasklaren Sprache statt, die dennoch Unsicherheit und Schwebegefühle erzeugen. Ist die Wirklichkeit ein Resultat unseres Blicks? Stefan Beuse hat sich an den ambitionierten Modellversuch gewagt, den literarischen Beweis zu führen.