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Lars Dahms

aus "Im Okavango-Delta" | Erzählung


"Wir wollen einen Elefanten finden", sagt Chief am nächsten Morgen. Wir hocken vor dem Kocher und warten auf kochendes Wasser für den Nescafé. Ich, um zu überleben, Chief, um das Frühstück aus seinem Topf zu verdünnen.
"Hmpf?" Mache ich, mies gelaunt, unausgeschlafen und überhaupt.
"Sind die größten Tiere hier. Die größten Tiere der Welt. Supertiere." Chief breitet seine Arme aus, um die Größe der Elefanten anzudeuten. Das erheitert mich ein bißchen. Ich wache auf. "Schön, Chief. Aber ich habe doch bereits Elefanten gesehen."
"Wo, hier?"
"Nein, hier nicht. An der Straße, auf Zeltplätzen, in Parks. Massenhaft. Überall."
"Das zählt nicht. Hier im Okavango-Delta sind Elefanten selten. Es sind große Tiere, und hier selten."
"Warum?"
"Warum was?"
"Warum müssen wir hier nach Elefanten suchen? Ich weiß, wie sie aussehen."
"Das zählt nicht. Du willst Tiere sehen. Deshalb bist du hier. Deshalb seid ihr alle hier. Elefanten sind seltsame und schwierige Tiere, und im Delta schwer zu finden. Außerdem sind sie verdammt groß. Sagte ich das schon? Ich tat es. Weil es stimmt. Ich weiß alles, oder?" "Klar, Chief."
"Gut. Wir haben noch drei Tage Zeit. Das sollte genügen."
"Um die Elefanten zu finden?"
"Um einen Elefanten zu finden. Einer reicht. Einer allein ist so groß, das reicht allemal."
"Hm. Wofür genau?"
"Bin ich dein guide oder bin ich es nicht?"
"Natürlich, Chief. Entschuldigung."
"Gut. Also gehen wir jetzt los und jagen den Elefanten."
"Und wie machen wir das?"
"Ganz einfach. Ich suche auf dieser Insel nach Elefantenspuren. Du folgst mir. Wenn ich keine finde, setzen wir über auf die nächste Insel. Dort suchen wir weiter. Irgendwann finden wir den Elefanten, an den ich denke." "Wer ist das?"
"So ein grauer Typ mit Rüssel."
Chief verzieht sein Gesicht. Ich kenne das schon. Chief, der Witzbold. Zum Glück kocht das Wasser jetzt. Ich glaube, ein dampfender Kaffee zur rechten Zeit hat schon so manchen Disput entschärft
Die folgenden drei Tage sind wir auf Jagd. Hätte Chief mir nicht mehrmals und ausdrücklich versichert, daß wir uns auf Jagd befänden, mir wär's nicht aufgefallen. Man kennt ja die Geschichten. Sind alles Lügen. Jagen im Okavango-Delta heißt sehr früh aufstehen, ohne nennenswertes Frühstück alles einpacken, den Kram ins Boot legen und dann ohne Gepäck losmarschieren. Über eine Insel. Wir tapern durch Röhrichte und Dickichte und sumpfige Niederungen bis es Mittag wird, und haben keinen einzigen Elefanten gesehen. Dann stolpern wir zurück zum Boot, essen etwas, und fahren zu einer anderen Insel, die exakt so aussieht wie die letzte, inklusive des Mangels jedweder Spur irgendeines Elefanten. Dann wieder vier Stunden Herumgelaufe. Dann Dämmerung. Chief nennt diese Prozedur Game-walk. Endlich verstehe ich, weshalb die Engländer für Wild und Spiel dasselbe Wort verwenden. Ich hasse Spiele, deren Regeln ich nicht kenne. Ich nehme ab in diesen Tagen, an Fleisch und Zuversicht. Ich beginne, an Chief zu zweifeln.
"Fischer", sagt Chief.
"Kein Zweifel", sage ich. Wir dümpeln, es ist der dritte Tag, einen breiten, tiefen Flußarm hinunter, die Strömung nutzend. Am linken Ufer stehen tote kleine Bäume Spalier. Ab fünf Meter Höhe ragen waagerechte Äste aus den Stämmen, ihrerseits ein bis drei Meter lang, auf allen sitzen Marabus. Das sind große, zerzauste Storchenvögel, die mit schwarz umrunzelten Augen nach Kadavern Ausschau halten, ohne sich dessen zu schämen. Zwischen und unter zwei der Baumleichen lungern ein paar Fischer herum. Ihr Boot, ein langer Einbaum, ist ans Ufer gezogen. Die Netze befinden sich aufgerollt im Heck oder Bug, jedenfalls dort, wo das Boot endet und in Richtung Landesinnere weist. Neben den Fischern, die direkt vor dem Saum des Flußarmes im Sand herumhängen, liegt eine khakifarbene Plastikplane, auf der zwei Dutzend Fische hübsch in Reihe präsentiert werden. Die Fische sind längst verstorben, glänzen matt und überwiegend silberbraun, und sind wahrscheinlich Karpfen oder Barsche, keine Ahnung, im Schnitt einen knappen halben Meter lang. Wir landen an. Es ist spät, der Tag war entbehrungsreich und erfolglos, wir sind müde.
"Warum liegen die Fische dort wie zum Verkauf?" Frage ich Chief, während wir unser Boot den Strand hinaufziehen. Die Fischer, es sind vier, beachten uns nicht. Sie starren in die sinkende Sonne.
"Eben deshalb", sagt Chief.
"Aber wer kommt den je hier vorbei? Wir, jetzt, zugegeben. Wußten die das?"
"Sie wußten es nicht. Wie auch. Sie fischen. Dann legen sie den Fang für ein paar Tage ans Ufer in der Hoffnung, ein paar Direktverkäufe tätigen zu können. Dann paddeln sie nach Maun und verkaufen den Rest."
"Kommt denn das vor, daß sie direkt verkaufen?"
"Ja, jetzt. Wir kaufen Fische."
"Und sonst?"
"Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Fischer."
Wir kaufen sechs Fische. Das geht so: Chief sagt etwas, einer der Fischer rappelt sich auf, wandert zum Fang, zeigt auf die äußeren sechs Fische, geht zurück und legt sich wieder hin. Chief nimmt mir ein paar Pulas ab, geht zu dem liegenden Fischer und legt sie in dessen ausgestreckte Hand.
Hinter den toten Bäumen und den wartenden Marabus ist die Insel flach und ein Stück weit frei von dornigen Sträuchern. Dort stehen zwei Hütten. Es sind Mehrmannhütten, igluförmig, aus beblätterten Zweigen gebaut. Der Boden in den Hütten ist mit den gleichen Zweigen belegt. Eine dient den Fischern, die andere ist für etwaige Kunden und Gäste gedacht. Zwischen den beiden Hütten befindet sich eine Feuerstelle. Über der Feuerstelle liegt ein Rost. Darauf verbrennen wir zwei Stunden später unsere sechs Fische, um sie anschließend zu essen. Die Fischer langen zu, Chief ebenfalls. Ich zögere. Man hat die Fische so, wie sie waren, auf das Rost gelegt und verbrannt. Kein Abschuppen, kein Entgräten, kein Entweiden. Die Fische sehen aus wie Brandopfer. Ich sehe Chief, wie er in dem Schlamassel herumfummelt und Fleischstücke findet, die er in seinen Topf wirft. Dann rührt er um, dann ißt er. Die Fischer essen den ganzen Fisch. Ich kann das nicht. Ich denke an Fischsuppe, an Fischfilets, sogar an Fischstäbchen. Es sind bloß sentimentale Erinnerungen. Vor mir liegt ein zerstörter toter Fisch auf einem großen Palmblatt. Er ist außen schwarz, innen blutrot und voller Gräten. Ich esse nichts. Ich verlasse Chief und die Fischer und begebe mich in den Gästeiglu, um zu schlafen. Aber ich kann nicht schlafen. Mücken bedrängen mich. Große Bodeninsekten kriechen und trippeln und knuspern um mich herum. Ich höre ihnen zu. Dann Lärm von draußen. Rauschgeräusche, danach Gefluche, Getrappel, Gejohle. Später kommt Chief herein. Er wirft sich zu Boden. Dann kichert er.
"Was war los?" Frage ich.
"Marabus. Wir hatten die Plane mit den Fischen eingerollt, aber die Marabus hier kennen das. Sie rollten sie wieder aus. Wir mußten etwas tun."
"Und?"
"Wir haben die Plane wieder eingerollt."
"Das hilft?"
"Keine Ahnung. Bin kein Fischer."
Ich bin plötzlich sehr müde.

© Lars Dahms