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Dierk Hagedorn

aus: "29 Fröhliche Geschichten" | Kurzprosa

Am See

Am See weht ein steter Wind, der mir Erleichterung verschafft. Die Tage verbringe ich am Ufer oder im Park, wo ich die Eichhörnchen mit Hot dogs füttere. Nachts liege ich im Wohnheim und kann nicht schlafen. Ich male jeden Tag ein Aquarell, oben ist der Himmel blau, unten der See. Der See ist so groß, es gibt kein Land am Horizont. Ich muß noch dreiundzwanzig Aquarelle malen, dann darf ich gehen.

Fliegen

Fliegen! Fliegen sind mir äußerst angenehme Tiere. Ich erfreue mich ihrer zarten Plumpheit, ihrer großen Köpfe, ihrer keilförmigen Flügel, ihrer Scheu und Lebendigkeit. Fliegen! Ich liebe sie, Fliegen sind so flink und flüchtig. Fliegen. Wie putzig es ist, wenn sie ihr Rüsselchen bald hier, bald dort aufsetzen. Meine Fliegen. Wie genügsam sie sind. Von einem Eintopf ernähren sie sich ein ganzes Jahr. Und länger. Ich wäre gern wie sie. Ich ernähre mich nur eine Woche von einem Eintopf.

Ginkgo und Gecko

Es ist schwül in meiner Wohnung, und die Tapeten haben einen übelriechenden Belag bekommen. Ich werde sie abnehmen müssen. Seit einiger Zeit vermehren sich die Insekten unkontrolliert, alles ist voller Fliegen und Spinnen. Zwischen den Blättern brummt und raschelt es unablässig. Mitunter ist es auch der kleine grüne Gecko, der durchs Zimmer huscht. Er fühlt sich wohl, er frißt Fliegen und wächst. Manchmal schalte ich das Radio ein, und der Gecko lugt aus seinem Versteck hervor. Dann sitzen wir sehr still und sehen uns an und hören Musik.

Häkeln

Ich bevorzuge Baumwolle, keine Wolle, keine Kunstfaser: bunte Baumwolle. Daraus weiß ich die ergötzlichsten Topflappen herzustellen: schlichte, runde, dreieckige, sternförmige; aufwendigere mit hervortretenden Mustern; schwierige auf Anfrage, in Form von Nashörnern oder Tintenfischen. Selbstverständlich haben alle meine Topflappen Augen. Jedes Paar erhält gläserne Augen. Ich nähe sie fest an, damit sie beim täglichen Gebrauch nicht abhandenkommen. Meine Topflappen sind sehr robust. Morgens, nach dem Aufstehen, häkle ich ein wenig, dann stehe ich den Tag über an der Rolltreppe, weise auf Wunsch den Weg und ersinne unterdes neue Formen, Muster, Strukturen. Am Abend häkle ich wieder. Dann ist es Nacht.

Imker

Der See, der ohnehin nie besonders groß gewesen ist, verkommt immer mehr zu einem morastigen Teich. Seitdem das Moor entwässert wird, ist der Wasserspiegel stetig gefallen. Vor wenigen Jahren konnte ich noch auf dem Trittbrett meines alten gestrandeten Omnibusses sitzen und die Füße ins Wasser baumeln lassen. Zarte Wellenkreise breiteten sich bis zur Seemitte aus. Heute muß ich durch Schilf und Heidekraut stolpern, um die Zehen zu benetzen. Die Blindschleichen sind weniger geworden, ebenfalls die Mücken. Ersteres verdrießt mich, letzteres nicht. Viel Freude konnte ich ehedem daraus gewinnen, des Sommers mit einer Flasche roten Weines in der Hand unter dem Sonnenschirm zu sitzen, um des silbrigen Aufblitzens der glitzernden Reptilien zu harren. Gelegentlich besuchte mich ein Dörfler, um von mir ein Glas oder zwei meines wohlschmeckenden Honigs zu erwerben. Aber das Dorf ist verlassen, aller Torf ist gestochen, meine Bienen verendet. Wenn der See vollständig versandet sein wird, werde ich gehen. Mein alter Bus hat schon seit Jahren keine Reifen und keinen Motor mehr, mit ihm kann ich nicht fort. Ich werde zu Fuß gehen müssen. Vielleicht in die Stadt.

Silberhochzeit

In meinen Blumenladen kam heute die junge Dame, die ich fortgesetzt beobachte, wenn sie an der Haltestelle vor dem Schaufenster wartet. Ich male mir dann aus, wie sie mein Geschäft betritt, wie wir gemeinsam auf Reisen gehen, Hand in Hand. Aber nie bringt sie die kleine Glocke über der Tür zum Läuten. Heute stand sie nicht an der Haltestelle, heute kam sie geradewegs zu mir in den Laden. Ich war nicht vorbereitet. Sie wollte Rosen kaufen, fünfundzwanzig rote Rosen für fünfundzwanzig Ehejahre. Die Eltern feiern Silberhochzeit. Das Geld der jungen Dame reichte für den Kauf nicht aus, sie verließ mich, und sie kehrte zurück, sie bezahlte, sie nahm die papierverpackten Rosen, sie dankte mir, ich dankte ihr, die Glocke klingelte, und ich begann zu warten. Denn ich weiß, was sie noch nicht weiß: Das Einwickelpapier enthält neben den fünfundzwanzig roten Rosen einen zweiten, fünfrosigen Strauß mitsamt einer Notiz: Von mir für Sie. Ich träume aus dem Fenster und warte auf die Rückkehr der jungen Dame, ich träume von unserer Silberhochzeit.