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Jasmin Ramadan

aus: ... "Ein Pinguin auf der Antenne" | Romanauszug


Als Ramona anfing schon tagsüber zu trinken, klappte es mit dem Vorlesen überhaupt nicht mehr. Man kann betrunken eine ganze Menge Dinge tun, ohne weiter aufzufallen, aber beim Vorlesen verrät man sich. Bald versuchte sie es auch gar nicht mehr und ich konnte viel besser einschlafen.
Zum Glück ist es eine Reise, heißt eine Geschichte, die mir Ramona so oft vorlas, dass es schließlich sogar flüssig klappte. Ich erinnere ich mich noch genau an die Handlung: Ein Storch und eine Ratte gehen zusammen auf große Fahrt und stellen fest, dass sie sich an einer Stelle trennen müssen. Die Ratte kriecht voller Sehnsucht in die Kanalisation, der Storch hebt entschlossen ab in den blau gestrichenen Himmel.
Ich wusste damals schon, dass Ramona und ich ganz verschiedene Tierarten sind.
Wegen einer unbehandelten Entzündung in ihrer Kindheit, hört Ramona auf einem Ohr fast gar nichts. Mit fünf Jahren wäre ich deswegen fast ertrunken. Wie immer hatte sie die Badewanne zu voll laufen lassen. Es guckte grade noch mein Kopf aus ihrem parfümierten Schaum. Ich bekam einen Krampf im Bein, drohte unterzugehen und brüllte minutenlang nach ihr. Ramona telefonierte mit Iris, ihr gutes Ohr war also besetzt. Und dann schrie sie plötzlich. Eine Taube hatte sich durch die Schlafzimmerfenster in die Wohnung verirrt, war irritiert auf dem Ehebett notgelandet und hatte vor Schreck drauf gekackt.
Eine Weile verfolgte Ramona das hysterisch flatternde Tier, ohne das Gespräch mit Iris zu beenden. Sie brüllte in den Hörer was grade passierte. Iris kreischte auch in den Hörer, sie war eigentlich immer überspannt. Wir schrien also alle drei, die Taube schwieg, fürchtete aber wohl mindestens so um ihr Leben wie ich. Schließlich legte Ramona auf, damit sie mit beiden Händen nach dem verstörten Vogel greifen konnte. Endlich hörte sie mich schreien, warf aber trotzdem erst die Taube hinaus. Sie zog mich aus dem Wasser, zerrte an meinem Bein und biss sich dabei auf die Zunge. Es fing furchtbar an zu bluten. Daraufhin steckte sie sich einen Tampon in den Mund. Ein paar Tage später habe ich meinen Vater gefragt, was man macht, wenn man sich plötzlich vor seiner eigenen Zunge ekelt. Wir standen grade in einer Konditorei. Ich sah durch die Vitrine den dicken Leib der Konditorin, der von einem bunt geblümten Kittel umspannt war. Ich kniff meine Augen zusammen, so dass ich nur noch ihren Rumpf sah, die Arme blendete ich aus, den Kopf über der Theke, der sich mit meinem Vater unterhielt, sah ich nicht. Ich formte die Enden ihres Kittels rund und radierte ihre üppigen Brüste seitlich zu einer Linie die direkt in den großen Bauch überging. Plötzlich erschien sie mir als ein riesiges Osterei, das sich bewegte, in der Luft schwebte und flirtend meinem Vater entgegen tanzte. Ich hatte über dieses Bild meine Furcht vor einem möglichen Zungenekel grade wieder vergessen, als Reiner in meine Ostereitrance hinein sprach: "Das passiert nicht, niemand ekelt sich vor sich selbst!"
Das Osterei fügte hinzu: "Das ist aber mal ein phantasievolles Kind!" Mein Vater sagte: "Ja, was die sich manchmal so denkt, das muss sie von ihrer Mutter haben!"
Als ich klein war, stellte ich mir vor, meine Mutter wäre Miss Universum, dann eine fette Operndiva, ein Zirkusclown, zuletzt eine Wissenschaftlerin, die an einem geheimen Ort mit tödlichen Krankheitserregern forscht. Regelmäßig berichtete ich meinen Klassenkameraden von ihren großen Karrieren, die sie an einem Besuch hinderten. Als ich in die Pubertät kam, verschwand sie langsam aus meiner Phantasie und es blieb eine ernüchternde Lücke. Ramona versuchte in seltenen Momenten auf ihre ganz persönliche Art diese Lücke zu füllen. Es war am Morgen meines dreizehnten Geburtstags. Ramona fönte grade die tiefgekühlte Fertigtorte, als sie sich plötzlich auf den Boden warf: "Also pass auf Stine, ich zeig dir jetzt mal, wie das geht mit den Tampons. Mit so Binden sollte man gar nicht erst anfangen, da fühlt man sich wie mit ner Windel! Also du legst dich hin, wirfst die Beine übern Kopf, ganz weit nach hinten, so! Die Füße müssen hinten aufkommen! Dann hast du direkt Zugang zu deiner Muschi, und die Rolle geht ganz grade und mit Schwerkraft rein! Dann musst du das so tief rein stecken, wie das geht, bis es von deinem Finger wie von allein weg flutscht! Dann zählst du bis zehn, das Ding sitzt und du kannst abrollen!"
Den Teil der Beschreibung mit den Beinen über Kopf erzählte sie in genau dieser Position auf dem Küchenfußboden mit meinem Lebenslicht in der Rolle des Tampons. Am Schluss machte sie eine besonders schiefe Rolle rückwärts und verrenkte sich dabei den Hals so schlimm, dass mein Vater mit ihr in die Notaufnahme fuhr. Ich saß allein in der Küche, zündete mein Lebenslicht an und fönte die Torte bis sie flüssig war. Wie hätte ich diese Gymnastik in einer öffentlichen Toilette zustande bringen sollen?
Als ich etwa ein halbes Jahr später tatsächlich meine Tage bekam, erzählte ich Ramona nichts davon. Es reichte mir, dass ich an einem Deodorant das Abrollen eines Kondoms mit ihr üben musste.
Mein Vater ging schließlich mit mir zum Frauenarzt. Ramonas Ausführungen schienen auch ihm bloß verstörend. Ich rechnete ihm hoch an, dass er mich begleitete. Er hatte noch immer einen roten Kopf, als ich ihn nach der Untersuchung im Wartezimmer abholte.