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Isabel Bogdan
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Isabel Bogdan

Tamar Yellin: "The Genizah at the House of Shepher" | Romanauszug

übersetzt aus dem Englischen von Isabel Bogdan

Neuntes Kapitel

Das Paar schlief hinter dem Vorhang im Haus in der Habad-Straße. Raphaelovitch lag die ganze Nacht mit gespitzten Ohren da und wartete auf die Laute der Fortpflanzung. Ich sagte, meine Urgroßmutter hatte den Ruf, hart zu sein, und das war sie auch: kalt und hart wie ein Kerzenständer aus Messing. Es gab keine Liebe zu Beginn ihrer Ehe, und es gab auch keine wundersame Liebe am Ende. Batsheva kochte täglich ein Huhn für ihren Mann und ihren Vater. Sie gab Raphaelovitch das weiße Fleisch, weil sie zu Recht annahm, dass Shepher das dunkle bevorzugte. Wenn ihr Mann morgens durch die Küche kam, rupfte sie das Huhn; wenn er abends zurückkehrte, kochte sie die Knochen aus. Bei keiner der beiden Gelegenheiten wechselten sie ein liebes Wort.
Kurz nach ihrer Hochzeit verkaufte sie ihren Hochzeitsschmuck und stieg ins Essiggeschäft ein. Daher stammte ihr Spitzname "Batsheva die Saure". Wenn sie nicht gerade ein Huhn kochte, dann siedete und filterte sie, mischte und reduzierte, ließ gären und filterte wieder, bis sie den Essig schließlich klar und golden in glänzende Flaschen abfüllte, die sie vom Haus in der Habad-Straße aus verkaufte. Mit dem Erlös begann sie zu experimentieren, denn meine Urgroßmutter war eine geborene Wissenschaftlerin. Sie versuchte, den Saft von Apfelsinen und Feigen und Kaktusfeigen, die sie vor dem Misttor sammelte, vergären zu lassen. Sie machte Orangenessig, Feigenessig und Kaktusfeigenessig. Sie machte sogar Essig aus Honig. Sie ging zum Gewürzmarkt und kaufte Rosmarin und Thymian und Lorbeerblätter, Knoblauch und Zimt und Chilischoten. All die wunderbaren Spielarten von sauer und würzig, scharf und pikant erblühten unter ihren Händen. Sie erklärte den ungemein abergläubischen Jerusalemer Frauen die besonderen Eigenschaften jeder Flasche: dass die eine Kopfschmerzen lindere, die andere Fieber senke; diese belebend wirke, jene einen gut schlafen lasse. Sie nutzte das Wissen, das sie von den Fellachinnen auf dem Markt aufgeschnappt hatte, ein bisschen hatte sie sich angelesen, und den Rest dachte sie sich schlankerhand aus, obwohl sie in keinem anderen Bereich außer der Herstellung und der Anwendung von Essig je Phantasie bewies. Mit den Flaschen, die von jeder Charge übrig blieben, fing sie an, Dinge einzulegen, und das Einlegen wurde zu einer neuen Entdeckungsreise und einer neuen Obesession. Sie legte Zitronen mit Pfefferschoten ein, Feigen mit Zimt und Nelken, Kohl mit Koriander. Sie experimentierte damit, Gemüse in Salzlake zu pökeln und Oliven in Lauge einzuweichen. Beim Tintenmacher in der Hajehudim-Straße kaufte sie Kupfersulfatkristalle und Vitriol, die in alten Rezepten genannt wurden, und Alaun und gelöschten Kalk für Klarheit und Farbe. Ihre Hände wurden rissig von den aggressiven Mixturen, und wohin sie auch ging, hinterließen ihre Kleider einen essigsauren Geruch in der Luft. Sie entwickelte ein Händchen dafür, die natürliche Süße von Früchten in Säure zu verwandeln. Nichts befriedigte sie auf der Suche nach neuen Kombinationen: Mandeln und Walnüsse, Tomaten und Melonen, selbst Rosenblätter und Minze, alles wurde mit mehr oder minder großem Erfolg diesem Prozess unterzogen. "Was man essen kann, kann man auch einlegen", sagte sie.
Die kühlen Plätze im Haus in der Habad-Straße füllten sich mit geheimnisvollen, versiegelten Krügen und schweren Töpfen, in denen Eingelegtes blühte wie seltsame Blumen. Batsheva empfand sie als schön, als Bearbeitungen der Natur und somit eine Art Kunst. Violette Kohlköpfe im Querschnitt, optisch vergrößerte Zitronen und Mischungen entstellter Früchte standen wie Arbeitsproben auf dem Hof aufgereiht.
Anstelle von Süßigkeiten servierte sie eingelegte Zwiebeln, Sauerkraut und würzige Essiggurken, von denen Shalom Shepher heftige Verdauungsstörungen bekam, und die in seinem Hals bittere Säure aufsteigen ließen. Die Gurken, die das Bollwerk von Batshevas Ruf bilden sollten, wurden nach einem geheimen Rezept zubereitet und könnten oder könnten auch nicht halluzinogene Eigenschaften gehabt haben. Besonders beliebt waren sie unter den Studenten der Kabbala.
Isaak Raphaelovitch hatte stets ein Töpfchen mit Gurken auf dem Tisch stehen, und eine Mahlzeit war erst beendet, wenn er eine zum Nachtisch gegessen hatte, so wie andere Männer zum Abschluss eine Zigarre rauchen. Er ermunterte auch seinen Schwiegersohn, Gurken zu essen, und erfand Geschichten über ihren Nährwert für das Gehirn oder ihre positive Wirkung auf die Augen. Der große Weise Shammai, behauptete er, sei praktisch mit Essiggurken großgezogen worden. Shalom Shepher war skeptisch, meinte aber, es würde wahrscheinlich Shammais säuerliches Wesen erklären.
"Ich habe die Blume von Sharon geheiratet", scherzte er, "und sie hat sich in ein Gurkenfeld verwandelt." Unterdessen kaufte er sich klebrige Süßigkeiten, steckte sie in die Tasche und ließ sie dort schmelzen, und manchmal stand er auf dem Basar vor den Ständen der Konditoren und starrte die Stapel verbotenen Gebäcks an, in Sirup getränkt und mit Nüssen bestreut, oder mit Honig gefüllt und mit Zimt bestäubt, durch polierte Spiegel vervielfältigt, eine Reihe hinter der anderen. Vor lauter Verlangen nach etwas Süßem kaute er auf dem Johannisbrot, das er unter schwer zugänglichen Bäumen fand, er knabberte getrocknete Feigen oder saugte gar beim Studieren stundenlang an einem Tuch, das er in Wein getaucht hatte. Er sehnte sich nach den tröstlichen Milchspeisen des Wochenfests und dem süßen Mandelbrot, das zu Neujahr gebacken wurde; und Woche um Woche freute er sich auf die Shabbat-Einladung ins Haus des Rabbiners, dessen rundliche Frau nach dem Gottesdienst Apfelstrudel auftischte.
Batsheva holte die Süßigkeiten, die in seinen Taschen klebten, heraus und warf sie angewidert fort, und ihr Herz erweichte nicht einmal kurz für ihren dummen Mann, das Leckermäulchen. Sie setzte ihm weiterhin Vitriol und Gewürze vor und verwandelte alle Früchte des Hauses in Bitterkeit, während sie und ihr Vater, beide mit langen Gesichtern, dunkel und schlaksig, auf Essiggurken herumkauten, als handle es sich um eine Verschwörung.
Die einzige Zärtlichkeit, die sie empfand, galt den Scharen von Katzen, die über die Dächer Jerusalems sprangen und zum Trinken zu ihrer Zisterne herunterkamen. Sie stellte ihnen Wasser hin, fütterte sie mit Speiseresten und fuhr ihnen mit ihren langen, von der Säure geröteten Händen über die rauchgrauen Rücken. Die Katzen wussten, wohin sie gehen mussten, und versammelten sich auf ihrem Hof zwischen den Töpfen mit Eingelegtem. Und oft ist es so, dass die, die keine Zuneigung zu ihren Mitmenschen verspüren, sich zu Katzen hingezogen fühlen.
Isaak Raphaelovitch warnte seinen Schwiegersohn mit ausgestrecktem Zeigefinger davor, ihr zu viele Freiheiten zu lassen. "Kümmer dich um die Einnahmen deiner Frau und sei der Herr in deinem Haus", sagte er. "Du willst doch nicht, dass sie sich einen Notgroschen zurücklegt." Mein Urgroßvater ignorierte diesen Rat und sollte es in späteren Jahren bereuen. Batsheva scherte sich ebenso wenig um das Tun ihres Mannes. Seine Debatten im Lehrhaus beeindruckten sie nicht, denn sie hörte sie nie. Er verdiente mit dem Verkauf von Pergamenten weniger Geld als sie mit Essig und Eingelegtem. Früher hatte sie gern gelesen, aber das Geschäft und die Familie erforderten, dass sie das Lesen an den Nagel hängte. Sie folgte der Religion der Küche. Shabbat bedeutete Fleisch und Kerzen; Neujahr Honigkuchen und Schneiderrechnungen; Pessach Frühjahrsputz und neue Utensilien. Und alles musste irgendwie bezahlt werden.
Dem guten Ruf ihres Mannes gegenüber blieb sie skeptisch. Sie war, was Frömmigkeit anging, schon zu vielen Verrückten begegnet. Und über seine guten Augen schnaubte sie nur: "Im Dunkeln sieht der gar nichts." Reb Jakob Itchka, der Fuhrmann, sagte einmal, möglicherweise sei Shalom Shepher einer der sechsunddreißig Gerechten, die es in jeder Generation gibt. Batsheva meinte dazu: "Und Reb Itchka ist einer der vierzig Millionen Dummköpfe."
[…]

Sechzehntes Kapitel

Viele hundert Jahre später, nach seinem Tod, ging Moses mit Gott im Garten Eden spazieren. Moses sprach: "Jahrhundertelang bin ich im Garten Eden spazieren gegangen, und jetzt bin ich unzufrieden, weil ich so unwissend bin."
Und Gott führte Moses zu einer Doppeltür, kunstvoll geschnitzt und höher als der Turm zu Babel. Moses ging durch die Türen und betrat eine Bibliothek so weit wie das Meer, gesäumt von enormen Bücherregalen, die höher waren als man schauen konnte. Er trat auf den Bibliothekar zu, der etwa auf Schulterhöhe schwebte und neue Bücher in einen dicken Katalog eintrug. "Ich bin unwissend und muss lernen", sagte er. "Wo soll ich anfangen? Was empfiehlst du?"
"Das kommt darauf an, was du lernen möchtest."
"Alles", antwortete Moses.
Der Engel bewegte sich in östliche Richtung und nach einer Strecke von mehreren Kilometern erreichten sie den Anfang der Bibliothek. "Dann fang doch hier an", sagte der Engel, "und arbeite dich durch. Ich bin da, wenn du mich brauchst."
Und Moses setzte sich und begann zu lesen. Er arbeitete sich systematisch durch die Regale, ließ kein Buch ungeöffnet und keine Seite ungelesen.
Die Zeit verging. Die Bibliotheksangestellten schwebten geräuschlos von Gang zu Gang, während die Gänge fast unmerklich immer länger wurden, sich in die Ferne streckten und in den blauen Himmel wuchsen.
Er sprach einen Engel an, der mit einem Stapel neuer Bände vorüberkam, und fragte: "Hört es nie auf, dass neue Bücher kommen?" Der Engel lächelte. "Oh, nein", sagte er. "Es gibt kein Ende der Bücher."
"Wer mehr weiß, hat mehr Kummer", fügte ein anderer im Vorbeischweben hinzu.
Moses las weiter und arbeitete sich durch. Er las die Propheten und die Hagiographen und die Apokryphen und die Pseudepigraphen. Er las Josephus und Philo und Paulus und Aristobulus. Er las die Mishnah und die Gemara, Rashi und Maimonides. Er las den Sohar und Nahmanides. Dann senkte er den Kopf und las sich wie eine Maschine durch das Mittelalter und ins siebzehnte Jahrhundert und ins achtzehnte, durch all die Gemetzel und Pogrome und Verleumdungen und Vertreibungen, durch alle Debatten und Philosophien und Gedichte und Revolutionen, und als er den Kopf hob und auf die Bibliotheksuhr schaute, sah er, dass siebzig Jahre vergangen waren.
Aber er wollte nicht aufhören, und so senkte er den Kopf wieder und widmete sich dem neunzehnten Jahrhundert und las von Reformen und Aufklärung und Nationalismus und Emanzipation, und von Pogromen und Verleumdungen und Gemetzeln und Vertreibungen, und die ganze Zeit fügte der Engel armeweise Bücher hinzu und das Ende des Regals entfernte sich von Minute zu Minute weiter. Aber er hatte keine Zeit, eine Pause zu machen und dabei zuzusehen, und so fuhr er fort mit Selbstemanzipation und Ahavat Zion und den Erinnerungen von Shalom Shepher, der zu den zehn verlorenen Stämmen gereist war, und Der Judenstaat von Dr. Theodor Herzl, und dann las er ohne Unterbrechung weiter bis ins zwanzigste Jahrhundert.
Als er im zwanzigsten Jahrhundert ankam, pflügte er sich durch dichte Texte mit Erörterungen und Statistiken und Weißbücher und Untersuchungsausschüsse, von denen ihm der Kopf schwirrte. Und er las von Bomben und Mord und Totschlag, bis er zum Holocaust kam. Und dann las Moses zwanzig Jahre lang über den Holocaust, und so schnell er auch las, es wurden neue Bücher hinzugefügt, bis er am liebsten geschrien hätte.
Dann begann er mit dem jüdischen Staat und es gab Kriege und Bomben und Gemetzel und Vertreibungen, und Lieder und Reden und Paraden und Theater, und eine Menge Hochglanz-Bildbände über Jerusalem. Als er hundert Jahre lang gelesen hatte, wurde er ein wenig müde, aber er kämpfte weiter, denn er wollte auf der Höhe der Zeit sein. Und nachdem er hundertzehn Jahre gelesen hatte, fühlte er sich ein wenig krank, ihm wurde schwindelig, und er beschloss: "Ich lese nur noch dieses Buch zu Ende, dann mache ich eine Pause." Aber als er das Buch durchgelesen hatte, nahm er das nächste zur Hand.
Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass er hundertzwanzig Jahre gelesen hatte; sein Kopf schmerzte und seine Augen brannten wie Feuer. Dann sah er, dass der Bibliothekar an seiner Seite schwebte.
"Mach doch mal eine Pause", schlug der Engel vor.
Moses rappelte sich hoch.
"Oh", rief der Engel, "ist alles in Ordnung? Du bist ein bisschen grün um die Nase."
"Mir ist schlecht."
Der Engel wich zurück. "Nur zu."
In diesem Augenblick spürte Moses trockenes Papier in seiner Kehle aufsteigen, und er beugte sich vor und würgte. Er erbrach alle Seiten aller Bücher, die er konsumiert hatte; all das Pergament und Papier und Klebstoff und Einbände, Vorsatzblätter und Bindfäden und Pappe und geprägtes Leder quollen aus seinem Mund. Als er fertig war, lag eine knietiefe Masse halbverdauter Bücher in der Geschichts-Abteilung.
"Es tut mir schrecklich Leid", entschuldigte sich Moses. "Schon in Ordnung", versicherte ihm der Engel. "Du bist nicht der erste, der es übertrieben hat. Jesaja ist es genauso gegangen. Geh nach Hause. Einer meiner Assistenten macht das weg."
So stolperte Moses aus der himmlischen Bibliothek in den Garten Eden zurück, der der Ort der Unwissenheit ist. Und er weinte bitterlich.