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Ingo Herzke

Rick Moody: "The Diviners / Die Wassersucher" | Romanauszug

übersetzt aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke

Kapitel 28

An manchen Tagen ist das einzige Thema im Wartezimmer des Krankenhauses die Qualität ihres Bewußtseins. Dabei hat das Opfer gar kein Bewußtsein von ihren Gewohnheiten und Ansichten, nur vom Backstein. Der Backstein selbst hat kein Bewußtsein, glauben jedenfalls die meisten. Und doch überdenkt hier der Backstein seine Manifestationen. Oder vielleicht haben sich das Bewußtsein des Opfers und das des Backsteins vermischt. Das Opfer hat das Bewußtsein des Einschlags verloren, als sie mit dem Handy telefonierte und zügig von der Bibliothek weg oder zur ihr hin ging, je nach Darstellung, doch sie ist wach für den Backstein, als der zum Werkzeug des Todes wird, mit ihr kollidiert, einen seitlichen Teil ihres Schädels eindrückt; als sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig liegt, das Handy weggeflogen ist und ihr Blut ungehemmt aus dem Schädel fließt; als der Backstein weggeworfen wird und in seinen vorherigen unbewegten Zustand zurückkehrt. Für die Geschichte und für das Opfer verloren, außer daß sie hört, wie der Backstein nach ihr ruft.
Natürlich weiß das Opfer nicht, daß sie mit einem Backstein kollidiert ist. Sie weiß nur, daß sie sich in ruhigem Dunkel von unendlicher Ausdehnung und Dauer befindet. In diesem Raum gibt es Gewisper ohne Zusammenhang und Bedeutung, das in Abschnitten der Schwärze auftaucht und keinerlei Eigenschaft aufweist, keine Variation, keine Dichte, keine Lautstärke. Wenn das Wispern Worte enthält, sind sie so weit entfernt, daß sie eher nach einem Insektenschwarm klingen.
Der Backstein kommt aus einem Ofen irgendwo, aus einem Brennofen in einer Gegend, wo es genug Arbeitskraft der Sorte gibt, die zur Herstellung eines Backsteins nötig ist, also ein Angebot an viel billigerer Arbeitskraft als man sie hier in der Metropole findet. Der Backstein stammt aus Rumänien, aus Yucatán oder aus einer Fabrik in West Virginia, wo die Ziegeleien bald schon ein für alle Mal ihre Tore schließen werden. Dort stellen Männer und Frauen seit fünfundvierzig Jahren Backsteine her, doch in Kürze werden sie sich nach Arbeit im Dienstleistungssektor umsehen. Dieser Backstein ist aus Lehm und wurde bei hohen Temperaturen gebrannt, ein Bindemittel, das in einer riesigen Rührschüssel beigegeben wurde, hielt den Lehm zusammen und gab ihm Farbe, und danach wurde er geformt und gebrannt. Der Backstein ist nichts als Erde. Er hat keine Geschichte, abgesehen von der Erinnerung als todbringendes Werkzeug. In diesem Augenblick im Leben des Opfers nach der Kollision mit dem Backstein, im ersten Augenblick, den das Opfer als solchen erkennt, ist ihr nur der Backstein bewußt.
Der Ausbruch von Farbe ist erschreckend und schmerzhaft, und er hängt mit der Wahrnehmung des Backsteins und seiner Geschichte zusammen. Auf die Seite des Backsteins ist ein Wort geschrieben, muß ein Wort geschrieben sein, fällt ihr ein, ein Wort, das die Fabrik identifizieren kann, wo er hergestellt wurde; ihr ist bewußt, daß sie das Wort lesen will, obwohl sie weder Worte noch Buchstaben entziffern kann und nicht weiß, was ein Alphabet ist und ob sie es je lesen konnte. Doch dieser Name auf dem Backstein wird sie etwas lehren. Das Opfer hat keinen Namen, und da sie nichts hört, nichts fühlt und nichts sieht, hat diese Namenlosigkeit keine Bedeutung. Sie ist sogar ein Segen. Denn ohne Namen gibt es keinen Zweifel, daß das Nichthören, Nichtfühlen und Nichtsehen zu einem System gehört, das keine Energie verliert und so immer in Betrieb bleibt. In solch einem System ist kein Name vonnöten, daher weiß das Opfer nicht, daß sie keinen Namen hat und erlebt sich auch nicht als Opfer, höchstens als Opfer der Ausbrüche von Licht und Farbe. Das Licht verbindet sich mit einer Art Schmerz in ihrem Schädel, impliziert dadurch, daß sie einen Schädel hat, daß sie nicht bloß ein Backstein mit einem Namen auf der Seite ist, zum Beispiel das Wort Utica. Was für ein wohlgeformtes, schönes Wort, denn es muß der Name einer Sache sein. Der Name muß etwas anderes sein als der Backstein selbst; die Anerkennung eines anderen Systems von Dingen, zu denen auch Licht und Klang gehören, und das belauschte Schauspiel der Insekten, die Worte wie Utica zirpen, was ein Ort ist oder sein muß, an dem Backsteine hergestellt werden, und vielleicht oder auch nicht der Ort, an dem dieser Backstein hergestellt wurde.