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Andreas Münzner

aus: Hamid Skif "Geografie der Angst" | Roman

übersetzt aus dem Französischen
2007 erschienen bei Edition Nautilus, Hamburg

Meine Reise begann unter einem kaum aufgegangenen Mond, in der schneidenden Kälte einer Winternacht. Wir marschierten durch den Schnee, die Füße in Lappen gewickelt, um mögliche Verfolger zu täuschen. Wir dürften, sagte der Führer, keinerlei Spuren hinterlassen. Unsere letzten Ersparnisse hatten wir dem Schlepper gegeben, einer schweigsamen Bohnenstange, der vier nicht sehr geschwätzige Komplizen beschäftigte; sie sollten unsere Gruppe über verschneite Pässe und durch Waldgebiete führen, bevor sie uns über Schleichwege schicken würden, nicht mehr als drei zugleich. Kein Wort war erlaubt. Wir mussten unsere Schmerzen verschweigen, durften nicht stöhnen, wenn eine Silexspitze uns hinter zusammengebissenen Zähnen einen Schrei entlocken wollte; kaum atmen, nicht diese Dampfwolken aushauchen, die bewegliche Kamine aus uns machten, einer an den anderen geklammert, damit wir nicht stürzten. Wir waren gewarnt: Wer ausglitt, würde am Wegrand zurückgelassen. Wir hatten zu viel bezahlt, um so kurz vor dem Ziel zusammenzubrechen. Wir mussten um jeden Preis weiter gehen, durften nicht denken, nur immer weiter marschieren. Der Schlepper hatte nicht gelogen. Die Skelette am Rand des Pfades, kaum eine Furche, bestätigten seine Worte. Die Grenzwächter schossen auf jeden Schatten. Wir mussten immer in Bewegung bleiben, durften nie stehen bleiben. Diejenigen, die Pech hatten und austreten mussten, würden in die Hose machen. Es gibt größere Gefahren als zu stinken.
Vor dem Morgengrauen hatten wir den höchsten Punkt überschritten. Wir mussten den anderen Hang wieder hinunter, immer noch aneinander gebunden. Wenn einer von uns einen Schritt daneben setzte, konnten wir am Boden der Schlucht zerschellen, in einen Sturz gerissen, den nur wenige überleben würden. Trotz der Steilheit mussten wir rennen, über Hindernisse springen, und der schwindelerregende Hang machte unsere Füße zu blutenden Fleischklumpen. Wir durften unsere Schuhe, die uns um den Hals hingen, erst wieder auf der Landstraße anziehen. Einen Illegalen erkennt man am Zustand seiner Latschen. Unsere waren neu, vom Schlepper bereitgestellt, inbegriffen im Pauschalpreis für die Überquerung. Um einen guten Eindruck zu erwecken, hatte er uns mit einer Wegzehrung versorgt. Einen Illegalen erkennt man an seiner Blässe. Der Hunger konnte uns nichts anhaben. Wir waren daran gewöhnt. Die Kälte hier verdoppelte seine Wirkung. Der wirkliche Feind war die Angst, die uns wie ein Messer mit geschliffener Klinge am Hals saß und unsere Eingeweide zu einem Knoten zusammenzog. Eine Kugel, eine einzige, kann Angst machen. Es war zum in die Hosen Pissen, zum stündlich Kotzen, ohne aufzuhören zu rennen. Diese Scheißangst tut weh, auch wenn nichts kommt außer der Galle aus schlechten Zeiten.
Ich machte mir im Rennen in die Hose. Der Gestank war so stark, dass mir schwindlig wurde. Warum war ich da? Wir mussten pausenlos voranhetzen, um auf die andere Seite zu gelangen. In meinem Hirn dröhnte der Lärm meiner Jugend, reduziert zu einer überstürzten Flucht vor dem Elend der Gefängnisse und dem Mangel an Essbarem, dem quälenden Refrain unserer Tage. Ich sah meine Familie vor mir, wie sie um Ruhe bat vor dem Knurren ihrer Bäuche, um im Sterben die Würde zu finden, die der Hunger ihnen verwehrte. Ich konnte nur noch abhauen. Immer weiter hasten, nie zurückschauen und innerhalb einer Frostnacht und eines Tags der Erschöpfung diese Strecke hinter mich legen, die mich vom Brot trennte, das mein Mund nicht hatte finden können.