Literaturpreise-Hamburg.de

Christiane Bergfeld
Nikolaus Palézieux
Birgit Schmitz
Verena Carl
Ulrich Diehl
Guido Geist
Sasche Piroth
Aymone Rassaerts
Sonja Roczek

Ulrich Diehl

aus "Das letzte Zimmer" | Roman


Nach ihrem Tod, als das Bett abgebaut wurde, in dem sie gestorben war, fand man auf dem verstaubten Teppichboden einen Haufen gleich großer Papierkügelchen. Von oben sah es aus, als habe sich eine Maus aus den gerollten Fetzen alter Papiertaschentücher eine Geburtshöhle gebaut und im dunklen Warm des letzten Zimmers ihre Nachkommen zur Welt gebracht: unter dem hoch gebetteten Kopf der schwer atmenden Frau das spitze Piepsen von Mäusejungen, das Kratzen kleiner Pfoten, die sich im Teppich verhaken. Beim Zusammenkehren der Kügelchen sah man jedoch, daß jedes wie die Frucht den Kern zwei Tabletten in sich verbarg, die fein säuberlich mit dem Stück einer Papierserviette zwischen den Fingern fest zusammengedreht worden waren. An der Lage des vermeintlichen Nestes sah man, daß die Tabletten, die in etwa die Ration des letzten halben Jahres ausmachen mochten, in den Spalt gesteckt worden waren, der zwischen dem hölzernen Kopfteil des Bettes und der Wand aufklaffte.

Die Luft, die beim Öffnen der Tür wie eine giftige Welle nach draußen schlägt, ein süßer, zähflüssiger Geruch, der in einem Minimum an Sauerstoff vor sich hingärt, kriecht durch die Zimmer, in den Flur und auf den Ausgang zu.
Auf einem kleinen, mit blauem Kunstleder bezogenen Hocker steht eine dunkle Styroporbox, auf der zwei bunt verpackte Pralinen liegen. Zwischen seinen verchromten Beinen eine in sich zusammengefallene Mülltüte aus dünnem, milchigem Plastik, die einmal aufknistert. Die Tür lehnt gegen den Rahmen, wenn der Fahrstuhl auf der fünften Etage ankommt. Seit Wochen ist der runde Knauf von einer klebrigen Schicht umgeben.
Links vom Eingang geht eine kleine Küche ab, aus der ein sich schnell verbrauchendes Licht in den ersten Meter des engen, langgestreckten Flurs dringt. Auf ihrer Anrichte steht gestapeltes Geschirr, das sich selbst überlassen aus der Spüle herausgewachsen ist und über die Abstellflächen wuchert. Aus den Zwischenräumen der schräg aufeinander liegenden Teller hängen Obstschalen und Fruchthäute, deren dunkelbraune Ränder sich nach innen eingerollt haben. In den teils noch gefüllten Gläsern, die um die Tellertürme herumstehen, schwimmen Fruchtkerne, zwischen denen ein feines Gespinst von Schimmelfäden gewachsen ist, das wie das graue Fell eines toten Tieres über den Rand eines bedruckten Bechers hinausragt. Hier und da eine getrocknete Saftlache, in der Abfälle geschnittenen Obstes kleben. Ein Messer mit rundgeschärfter Klinge, an dem eine Hälfte des Holzgriffs fehlt. Teelöffel in einer mit Wasser gefüllten Puddingschale. Ein geschrumpfter Apfelgriebs.
Bis an den Rand der Ablage, die in einem Winkel an der Wand entlangläuft, sind die Gegenstände herangerückt und von dort auf den kleinen campinghaften Eßtisch übergesprungen, an dem schon lang nicht mehr gegessen wird.
Aus dem Gewirr von verfleckten Handtüchern und darüber geworfenen Lappen, von Geschirr und Besteck ragen immer wieder Konservendosen hervor, geöffnet, teils nur am Deckel eingestochen, die ausnahmslos Etiketten von Früchten tragen: halbierte Pfirsiche vor untergehender Sonne, gescheibte Ananas auf einem Bett von Palmenwedeln, Mandarinen zuhauf, dort eine Dose, auf der das Wort Fruchtcocktail leuchtet. Und dann die Stellen, um die herum, wie um kleine Heiligtümer, Freiräume geschaffen wurden, an die die Umgebung nicht zu nah heranrücken darf, wo das Chaos auf Distanz gehalten wird: neben halbgefüllten Konservendosen, deren gezackter Rand vor sich hinrostet, neben Tellern, auf denen angebissene Butterbrote vertrocknen, stehen penibel geputzte, flache Körbchen, die mit Servietten ausgelegt sind, auf denen sich keine Spuren befinden, weder von Händen noch von Schmutz. Auf diesen glatten, wie gerade aufgefaltet wirkenden Papiertüchern liegen säuberlich aufgestapelte Berge von Pralinen. Je nach der Packung, aus der sie entnommen wurden, säuberlich voneinander getrennt, sind sie auf die unterschiedlichen Körbchen verteilt, die wie kleine Kähne ihren Schatz bergen.
Immer wieder läuft ein handbreiter Spalt, der die kostbare Fracht von all dem trennt, was die Ablage überwuchert, um die aus Bast geflochtenen, eigentlich aus Kunststoff gegossenen Körbchen herum. Fünf oder sechs der Kuhlen sind über die Anrichte der zwei Quadratmeter großen Küche verteilt. Ein weiteres, wie eine Schale nach unten gedrücktes Bastkörbchen steht auf der Fensterbank. Auf der Kommode im Flur, unter einem Poster, auf dem ein Pierrot eine Träne weint, stehen zwei Porzellanschalen, die ebenfalls bis zum Rand mit Pralinen gefüllt sind. Auch sie sind säuberlich auf Servietten für das Auge plaziert, auch hier hängen die Ecken über den Rand der weißen Schalen hinaus.
Neben der Tür, die zum Wohnzimmer führt, ist in einer dunklen Ecke unterhalb der Garderobe eine Telefonnische eingerichtet. Ein kleiner quadratischer Couchtisch steht dicht an einem fast deckenhohen Flurschrank. Auf ihm ein rotes Telefon, ein schlankes Glas, das mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt ist, und eine Untertasse, auf der verstreut Weingummi liegt. Vor dem Wohnzimmerfenster mit dem Blick über die Dächer der Stadt steht eine Person im Gegenlicht. Als sie Schritte auf dem Teppichboden hört, hebt sie die Hand. Sie betrachtet zwei Meisen, die über das Geländer ihres Balkons laufen. Dann dreht sie sich herum und ihr Lächeln friert ein.
Eine Medikamentenschachtel wird geöffnet. Die Tablette rollt über den gekachelten Tisch. Einen kurzen Augenblick betrachtet sie die kleine, in der Mitte eingekerbte, blaßgelbe Scheibe. Sie greift nach einem der überall herumstehenden, mit Kirschsaft gefüllten Gläser: ja, das ist Schimmel, und spült die Tablette hinunter. Kurz nachdem sie das Glas neben den Gebäckteller zurückgestellt hat, hört sie, wie die Eingangstür vorsichtig ins Schloß gezogen wird. Sie dreht sich herum und blickt in den gefleckten Himmel, über den in unterschiedlichen Schichten die Wolken hinwegrasen.