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Guido Geist

aus: "Der Flug des Falken" | Roman


GSG-9 Mann Diego Schenk ist frisch bei der UN-Mission im Kosovo. Er dringt immer tiefer in die archaische Kultur der Albaner ein - und diese in ihn. Dann geht zum ersten Mal etwas schief: Er wird entführt.

Die Männer sahen ihn aus teilnahmslosen Gesichtern an. Ihre Körper waren entspannt. Nur ihre Augen verrieten, dass sie zu einhundert Prozent auf dem Posten waren. Der Kräftige gab ein Zeichen mit der Hand, das Schenk nicht missverstehen konnte. Einer der Männer trat nach vorne, nahm mit abschätzigem Gesichtsausdruck Maß und schlug Schenk einen sauberen Haken auf die Leber. Der Kurzschluss kam und Schenk stürzte dank der Fesseln an Händen und Füßen mit der Anmut eines Mehlsacks zu Boden.
"Erzähl' und von der Sache mit Nexhmedin", hörte Schenk durch den Schleier seines Schmerzes. Die Frage war in tadellosem Deutsch gekommen, praktisch ohne Akzent.
Schenk schluckte. Er versuchte zu kombinieren: Essen mit Redon in einem Laden, in dem sie vorher erst zweimal gewesen waren und den sie an diesem Vormittag zufällig angesteuert hatten; ein komplettes Hit-Team, das sie abgegriffen hatte, offenbar Könner. Wie passte das zusammen? Was wussten sie? Was wollten sie? Und wer zum Teufel war Nexhmedin?
Der Kräftige packte ihn an den Haaren und fragte ihn wieder etwas auf Albanisch.
"Leck' mich am Arsch", stieß Schenk hervor.
Der Albaner drosch Schenks Schädel mit Wucht auf den harten Lehmboden.
Das übliche Klingeln zwischen den Ohren mischte sich in die dichter werdenden Schleier in seinem Kopf. Schenk begriff immer noch nichts. Nur eines war klar:
‚Dies muss der ätzendste Namenstag meines Leben sein', dachte er und stellte zugleich erleichtert fest, dass er wenigstens noch alle Zähne im Mund hatte.
‚Noch', dachte er.
"Nexhmedin."
Diesmal war es einer von den jungen Typen. Schenk sah in ein hässliches Gesicht: Schlechte Zähne, ovale Kopfform, seltsam gequetschte Gesichtszüge, so als sei der Mann von einem Tierarzt mit einer Kneifzange in die Welt gezerrt worden. Schenk roch stechenden Schweiß, siebenmal ausgeschwitzt und siebenmal wieder eingetrocknet. Er versuchte in den Augen des Mannes zu lesen. Sie waren roh und ruhig zugleich. Es waren die Augen eines Menschen, dem im engen Umgang mit der Natur der Tod und der Schmerz genauso vertraut geworden waren wie die Geburt und die Erneuerung. Als Junge musste er die Geburt der Lämmer genauso erlebt haben wie das Schlachten, die Jagd, das Schlüpfen der Hühner und ihren Tod, die Raubzüge der Wölfe und der Adler und dann, viel später, auch die der Männer. Wenn er sie überhaupt jemals gekannt hatte, dann musste die westliche Vorstellung von der linearen Zeit im ewigen Kreislauf der Jahreszeiten und des Lebens irgendwann umgebogen worden sein auf sich selbst: Nun konnte es keine stetig aufsteigende Entwicklung, kein ständiges Besserwerden mehr geben, genauso wenig wie die irrtümliche Reduzierung des Lebens, der Welt, auf ein einzelnes Wesen. Alles war Teil des Großen Kreises und wenn etwas Einzelnes starb, wurde an anderer Stelle etwas Einzelnes geboren.
So herrschten in der Welt des Albaners nur die ewigen Kategorien des Zyklus: Geburt, Wachstum, Höhepunkt, Verfall, Tod, gefolgt von einem neuen Ring, noch einem, tausend weiteren Ringen, die sich zu der großen Kette verbanden, welche mit sich selbst begann und mit sich selbst endete. In einem solchen Kreislauf hatten Angst und Mitleid keinen Sinn und keinen Platz, weil der Schmerz, egal, wie schlimm er auch sein mochte, für den ewigen Zyklus keine Bedeutung hatte.
Schenk sah in die Augen des Mannes. Sie waren bodenlos und ohne jede Angst. Sie hatten eintausend Mal gesehen, wie die Welt untergegangen war, nur um kurz darauf wieder aufzugehen. Und selbst vor dem eigenen Schmerz hatte der Albaner keine Angst, denn er hatte ihn zu oft kommen und gehen sehen, bei sich selbst und bei anderen. Wer lebte, lebte. Wer tot war, war tot. Alles würde vergehen. Schenk sah dieses archaische Verständnis der Welt in den Augen des Albaners und begriff es instinktiv.
Er betrachtete die hässlichen Gesichtszüge und hatte keinen Zweifel: Dieser Mann würde sogar einen Bären auf zwei Meter an sich herankommen lassen - um ihn dann mit einem Jagdmesser zu erledigen oder zerrissen zu werden, ganz egal. Es war am Ende diese Gleichgültigkeit gegenüber Sieg oder Niederlage, gegenüber dem eigenen Schmerz und dem der anderen, aus der die Albaner ihren unvergleichlichen Mut und ihre unmenschliche Grausamkeit zogen, mit denen sie sich die Unterwelt überall in Europa unterwarfen. "Nexhmedin", hörte Schenk ihn noch einmal sagen.
"Ihr könnt mir das noch zehnmal sagen, ihr Arschgeigen, ich kenn' den Namen nicht."
Der Kräftige kehrte der Gruppe den Rücken, tat ein paar Schritte und stöberte bedächtig zwischen den Werkzeugen neben einer großen Holzkiste. Als er fand, wonach er gesucht hatte, stieß er ein zufriedenes Brummen aus. Das Brecheisen schimmerte dunkel und massig und war an seinem spitzen Ende überzogen von einer dicken Schicht aus getrocknetem Lehm. Schenk dachte: ‚Scheiße.'