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Sascha Piroth

aus: Erzählungen

Namenlos, vielleicht fünf

Hellwach war ich. Leider. Sonst läg´ die Szene längst, verjährt, vergessen schon auf meinem Baukran hohem Traumschrottplatz zwischen all den anderen feuchten, finst´ren Nachtgespinsten. So aber war es vier Uhr morgens (wie erwähnt: Echt-, nicht Traumzeit). Ich stand mit einem Mob bös´ betrunkener brasilianischer Straßentiger auf dem Zocalo von Granada und lauschte der wohl pathetischsten Vogelsinfonie meines welpenhaften Lebens. Plötzlich war er halt da, oder besser: konnte man ihn atmen hören, denn im unwirklichen Zwielicht sahen die Augen eh´ nur, was sie gerade wollten. Nur ein Narr hätte ihnen getraut. Der Wicht aber atmete, war echt. Kein Zweifel. Er trug ein zerfetztes Ami-Shirt und eine Unterhose. Sonst nichts. Zu atmen schien er ausschließlich durch die Plastiktüte mit Alleskleber in seiner Rechten. Sein glasiger, klatschroter Blick schlug ein paar irre Haken und landete dann auf dem meinem. Vielleicht war er fünf, vielleicht auch sechs Jahre alt. Namenlos. Jenseits schon. Und... während alles langsam verblasst, die Vögel wie die Bäume, meine verschwitzt- klebrigen Zechgenossen, ja die ganze Nacht allmählich von meiner Festplatte verdampft, bleibt halt nur er, dieser Blick. Alt und traurig und leer wie mein wildes Herz voll ist.

und einer, der glotze,
ein anderer, der tanzte,
zwei, drei, die da rauchten.

dann grüßten:
das kind, den greis, nein, den schatten.

pattex und tüte.
und tod
in der blüte.

Rotzbesoffen von deiner Liebe

Keine einzige eremitische Wolke war da am Himmel und das Licht, das schrie wie eine Sirene am Tag, als ich dein Blut trank, Pavla. Wir dort im kleinen, stickigen Schuppen irgendwo auf diesem Monster-Campus, in dieser Monsterstadt (27 Mio. verlorene Seelen), auf der da so tonnenschwer, so regungslos die Sonne lag. Sechs Monate schon standen wir in Flammen, waren ständig ineinander verbissen. Waren heiß und toll und irre. Wie halt an jenem Tag. Du mit der Schulter an diesen zerkratzten Metallspind gelehnt, dein Becken war vorgebeugt, stand noch im Raum, im zugemüllten. Dann zogst du deinen kurzen, schwarzen Rock nach oben. Langsam. Grinsend, denn du trugst ja nichts darunter. Meine Gedanken, so schreiend rot wie deine Fingernägel, stand ich auf, um meine durstige Zunge auf deine pochende Wunde zu legen. Ich leckte und trank. Wurde immer wilder, immer besoffener von deinem Saft. Den herben, süßen Vitaminen. Dann schwollst du an, und erst kamen deine Tage, dann Du. Leise und zitternd. Stunden später noch schmeckte ich dein Blut, schwer wie Pflastersteine. Oder war das Liebe, die da so mir nichts, dir nichts aus deiner wie frisch gepflückten Wunde in meinen so durstigen, glücklichen Mund floss? Sag: War das Liebe, Pavla?