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Aymone Rassaerts

aus: "Kampf ohne Gegner" | Romanauszug


Das Licht lag auf dem Raum und erdrückte ihn. Es war ein tiefes, seltenes Abendlicht, welches alle Formen unausweichlich, kraftvoll Orange-Rot durchstieß. Er liebte dieses Licht, das die Landschaft zur surrealen Szene erstarren lies. Weit streckte sich das Stoppelfeld vor ihm aus und schmiegte sich über einen Hügel, ohne jede Bewegung. Nichts in dieser leeren Ländlichkeit war idyllisch. Gerade auf ihn zulaufend, erhob sich am Ende des Feldes ein Wald. Das wenige Licht, das durch seine dichten Tannen fiel, versickerte. Geräuschlos erschien vor ihm eine Kutsche und hielt an. Er stieg ein, drehte sich zur Seite und blickte auf seine stummen Mitfahrer. Sie trugen Halskrausen, aus denen weiße Gesichter mit hellgepuderten Frisuren ragten. Es war kein frisches Weiß, welches sie hätte erstrahlen lassen in der Dunkelheit des Waldes, es war ein gräulicher Ton, der sie umhüllte. Die Bäume lichteten sich und das Gespann kam langsam vor einem Schloss zum Stehen. An Flügeltreppen näherten sich die Passagiere einem großen, von steinernen Ornamenten eingefassten Saal. Alle Anwesenden hatten die gleichen halstragenden Krausen, steife Leiber abschließend, die in prachtvolle dunkle Kostüme gekleidet waren. Von niemandem wahrgenommen, stand er und schaute, als ob er dazugehöre oder nicht existiere. So verharrte er eine Weile. Schließlich beschloss er zu gehen, beschleunigte seinen Schritt und trat die Stufen hinab.

Als ihr Vater von dem Traum erzählte, stieß seine Oberlippe weit und wulstig hervor. Die Zähne waren mit Speichel überzogen und schimmerten feucht. In den aufgesprungenen Lippenecken siedelten Schattenflecken. Darunter grenzte ein dunkler Bogen das Kinn ab. Beim Reden konnte er den Blick nicht wenden. Der Hals ließ sich nicht drehen. Er hatte überlebt.

Aurora war allein, als die Polizei am Haustor eintraf und seine von Lebensspuren durchtränkten Kleidungsreste, in eine Plastiktüte gewickelt, vor ihre Füße legte. Ein Unfall.

Jedes Ausatmen schien ein mühsamer Stoß, jedes Einatmen eine Anstrengung, als sie die Einbiegung zum Krankenhaus erreichte. In dieser Hitze ließ sich die eigene Körperwärme kaum von der umgebenden Außenwelt unterscheiden. Der Stadt vorgelagert, war die Klinik auf einer weiten ausgetrockneten Fläche errichtet. Wuchernde, schwere Rohre umschlangen den monströsen Koloss. Reflexartig kniff sie die Augen beim Betreten des unbekannten Baus zusammen. Flimmernde Metallstangen drangen aus den Wänden und zogen an der Decke entlang. Unsicher bewegte sie sich auf die neongrünen Gänge zu und folgte den Pfeilen, die am Boden klebten. Der Laminatboden erstach jedes Sehorgan. Endlich fand sie das Zimmer. Ein Schwarm von Ärzten hatte sich eingefunden und beäugte den Körper des Patienten. Gelbe Plastikstühle säumten den Flur. Bunte Stilleben hingen übereinander. Sie setzte sich und konzentrierte sich auf das Obst, aber das Gelb und Grün, das die Rahmen umgab, ließ sich nicht ausschalten. Neonröhren streuten ihr bohrendes Licht und durchleuchteten die Innerlichkeiten jeden anwesenden Körpers. Unter der Haut verlaufende Lebensstränge traten rücksichtslos hervor. Aurora war umgeben von Poren, Venen, Blut und Sehnen. Der blaue Fleck am Bein ihres Nachbarn zerfiel in seine einzelnen Blutgefäße. Die Haut schien sich in ihrer Durchlässigkeit nicht mehr zusammenhalten zu können. Hier war Aurora ganz Körper, und doch begleitete diese Realität ein Gefühl der Unwirklichkeit.

Plötzlich wurde die Tür aufgeschwungen und vom Professor angeführt, flatterten die Ärzte hinaus. Zaghaft trat sie ein. Der Vater schlief. Die Umrisse seines Körpers verschwanden unter Lagen von Weiß, das umso greller gegen die neonfarbene Umgebung stach. Aurora setzte sich an sein Bett und blickte auf ihn herab.

Der Abend zog herein und verdunkelte das Einzelzimmer. Schon lang war ihr Blick von den Erhebungen auf der Matratze geglitten. Gelöst hingen ihre Schultern an der Stuhllehne. Ihr Atem schwebte leicht durch die Brust. Für Augenblicke war sie in sich angekommen. Da leuchtete das Licht schlagartig im Zimmer auf. Eine Krankenschwester trat ein, erschrak und stieß mit ihrem Rollwagen an. Scheren, Flaschen, Spritzen klirrten aneinander. Hastig schob sich Aurora daran vorbei und fuhr ins Erdgeschoss. Innen vor den Ausgangstüren blieb sie stehen. Nie mehr das Gefühl verlassen, für immer in einem der vielen Zimmer aufgehen.

Die Automatik der Türen zog die gläsernen Scheiben seitwärts ein und sie trat hinaus in die Nachtluft. Im selben Moment fühlte sie sich abgetrennt, durchschnitten von den Wänden.

Sie lief zur Bahnstation. Körper, die ihr begegneten, flammten grün und gelb in ihrem Augenraum auf. Erbarmungslos gruben sich die Neontöne in ihre Gedanken. Die Ankunft des Zuges drang an ihr Ohr. Ihre Handtasche fest gegen den Bauch gedrückt, rannte sie an das Gleis. Nur wenige Meter trennten sie vom Zugende. Der letzte Passagier setzte gerade einen Fuß in den Waggon, da erreichte sie die noch offenstehenden Türen. Es war längst nicht so voll von Menschenkörpern wie sie erwartet hatte und sie fand einen Sitz allein auf einer Zweierbank.

Die Außenwelt glitt als vage Farbtupfer vorüber, von denen nur hin und wieder ein Licht zu ihr vordrang. Ihr Selbst schien ihr abhanden gekommen. In tiefer Monotonie ertönte der eigene Name aus ihr, in der Hoffnung, einen Zugang zu finden. Die drei Silben zerflossen in absurde Mundformationen. "Au." "Ro." "Ra." Der Wunsch, ihr Selbst in der Benennung zu unterscheiden, erfüllte sich nicht. In solchen Augenblicken verloren die Worte. Es gelang ihnen nicht mehr Bezüge herzustellen.

Da trat in der Spiegelung des Fensters ein Gesicht in ihre Wahrnehmung. Der Hinterkopf, extrem hoch angesiedelt, erschien als zur Decke strebende Wölbung, als habe sich das Gehirn nach oben fliehend in die hintersten Kopfräume zusammengepresst. Dieses gedrängte Hirn war mit zahlreichen Dellen an der Hautoberfläche modelliert, die aus dem haarlosen Schädel hervortraten. Über diese Hügellandschaft am Hinterkopf war die unruhig befleckte Haut zu fest gespannt worden. Farblich bestimmt wurde sie von Altersflecken und Adern. Eine steil abfallende Gerade zog in die nach unten fliehenden Wangenknochen, die, wie mit dem Messer abgeschnitten, geformt und gefeilt, in einem fast senkrechten Fall inbegriffen schienen. Die Kieferknochen schnitten sich in einem spitzen Winkel, so dreieckig und winzig war dieser Teil des Gesichts, der in ein kleines, kaum vorhandenes Kinn mündete. Abgeschlossen wurde der seitliche Umriss des Kopfes von ein paar Flügeln. In den Dellentälern waren riesige Segelohren angebracht und eine große Nase wuchs aus der Mitte hervor, einem langseitigen, rechtwinkligem Dreieck gleich.

Auf der sehr begrenzten Fläche, die an der Vorderseite des Kopfes übrig blieb, schaute sie in ein schmales, geradezu gequetschtes Gesicht, in dem alles zu fliehen schien. Das Gehirn auf der Flucht nach oben, der Kiefer und das Kinn nach unten, die Ohren in ihrer Riesenhaftigkeit nach allen Seiten, die Nase nach vorn, die Lippen nach innen, die Augenbraunen, nur als waagrechte Linie vorhanden, in die Horizontale, entflohen die Augen jedem entgegenkommenden Blick. Eine lange Falte grub sich von der Nase aus tief einschneidend ihren Weg bis ans Kinn. Die Wangen ragten rot und nervös in dem blassen Gesicht hervor, umso stärker durch den Kontrast der Augen, die in dunklen, von Furchen durchzogenen Gräben saßen. Den Rest dieses Menschen bildete ein knochiger Körper mit einem langen, sehnigen Hals, an dem die Adern wurzelartig herausstachen und tiefe Aushöhlungen in den Zwischenräumen zurückließen. Da saß dieser Mann zwei Reihen weiter gegenüber und reckte den Kopf hoch. Dabei tippten die Fingerkuppen seiner fast greisenhaften, skelettartigen Hände in schnellem, unregelmäßigem Tempo auf die Oberschenkel, während sein Gesäß nur auf der Kante des Polsters balancierte.

Unerwartet wandte er ihr für einen Moment die Augen zu und warf ihr ein Lächeln entgegen. Der Zug hielt. Aurora hastete hinaus. Doch auf dem Bahnsteig drehte sie sich um. Sie konnte nicht widerstehen, noch einmal dieses Gesicht zu sehen, wie es auf dem Rumpf, vom Rest des Körpers abgetrennt, im Fenster erschien. Sie beschloss wieder einzusteigen und ließ sich erneut auf ihrem Platz nieder. Der Zug beschleunigte und fuhr die nächtliche Strecke entlang. In regelmäßigen Abständen entleerte er sich, bis Aurora und der Fremde die einzigen Fahrgäste im Abteil waren. An der vorletzten Haltestelle stiegen sie aus.

Hinter ihnen schlossen sich die Türen und der Zug entfernte sich in die Nacht. Allein standen sie auf dem ausgestorbenen Bahnsteig und schritten die Treppen zur Straße hinunter, von der kein Laut zu ihnen drang. Sie befanden sich in einem Industriegebiet, um sie herum weite leere Parkplätze, Lagerhallen, deren Umrisse in der spärlichen Beleuchtung nur zu erahnen waren, Fabriken, deren Schornsteine sich gegen den von Stadtlichtern angestrahlten Himmel abhoben und zu allen Seiten hin verglaste Gebäude, nur in den Tagesstunden besetzte Büros. In diesen breiten, toten Straßen, die, niemanden nachts erwartend, kaum Laternen aufwiesen, liefen die beiden Gestalten wortlos nebeneinander her. Sie bildeten die einzigen Bewegungspunkte in dem einheitlichen Dunkel. Er griff nach ihrer Hand und umklammerte sie. Seine Knöchel, seine langen Finger, seine Haut, in ihrer Hand fühlten sie sich selbstverständlich an.