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Sonja Roczek

Sonja Roczek

aus: "Büffel und Schwalben" | Prosatext


1953 macht er den Mopedberechtigungsschein. Damit holt er sich gleich den Büffel. Dietrich nennt ihn Büffel. Für den Mopedberechtigungsschein braucht er keinen Augentest. Hauptsache, man sieht überhaupt etwas. Ich weiß nicht, wieviel er noch sehen kann oder wie für ihn etwas aussieht. Es reicht, um sich zu orientieren. Meine Mutter lernt er erst kennen, als er die blaue Schwalbe fährt. Und zwischen Büffel und Schwalbe gibt es für einige Jahre noch ein Moped mit einer zweibuchstabigen Abkürzung: SR 50, sagt Dorle, das sind meine Initialien als Moped. Ich habe einen RZ 85 Exquisit von ihm geerbt, mit Seitenschwertern und Segeltakelage.
Nach dem Initialienmoped kommen wieder Schwalben, erst eine rote und dann eine weiße. Lauter muntere Farben, die ihn davon ablenken, kein Auto fahren zu dürfen. Es gibt sogar senfgelbe Schwalben, so wie es den senfgelben Trabant gibt. Bergab schlängelt sich die Straße von Friedrichsbrunn nach Bad Suderode. In voller Fahrt legt er den Polizeigang ein, also nimmt alle Gänge raus, damit kann die Schwalbe maximal rasen, und Benzin wird gespart; auf dieses kostenlose Tempo ist er am stolzesten. Daß er schon dreimal richtig blind gewesen ist, glaube ich ihm nicht. Wie soll das gehen, er fährt mich ja, und ich bin zehn Jahre alt, als ich darüber lache. Er setzt mich wütend verletzt am Waldrand ab. Ich frage nie wieder nach seinen Augen. Mein Vater erkennt mich am Gang. Also ändere ich schnell den Gang, wenn ich in der Stadt an ihm vorbei will, ohne mit ihm zu sprechen. Freitagabend das Schwalbengeräusch. Er kommt von der Montage und bleibt bis Sonntagabend. Manchmal schlafe ich schon und höre trotzdem die Schwalbe und das Bienenhäuschenschloß auf dem Hof. Im Bienenhäuschen stehen die weiße und die rote Schwalbe. Meine Mutter fährt den gletscherblauen Trabant und nicht mehr die weiße Schwalbe. Dietrich fährt jetzt abwechselnd beide Schwalben. Am Sonnabend flucht er „Scheiß Ostzone", wenn er fehlende Ersatzteile nicht überbrücken kann. Er brüllt gegen die friedlichen Häuser, die im großen Quadrat stehen und hallen. Seine Frau schämt sich für diesen Ausbruch und flüstert „Psst" zu ihm aus dem Fenster. Deshalb wiederholt er die „Scheiß Ostzone", diesmal gegen sie gerichtet. Wo kein öffentlicher Verkehr ist, fährt er Bagger, Kettenfahrzeuge und Sprengautos.
Nachdem die Mauer weg ist, kann er nach westdeutschem Gesetz mit dem Mopedberechtigungsschein ein Auto mit 25 km/h fahren. Das sieht urkomisch aus, so ein großer Mann in solch kleinem Auto. Es läuft hochtourig und schleicht. Dorle und Dietrich nennen es den „Kastrierten". Damit sieht er wirklich behindert aus. Aber es ist ein Auto. Die Mopeds fliegen raus. Der rote Fiat Panda wird jetzt für alles benutzt. Dietrich friesiert ihn auf 60 km/h, um innerhalb eines Tages seinen Freund in Mannheim erreichen zu können. Jetzt hat er eine Fahrerlaubnis und einen Blindenausweis mit einer eingetragenen Sehbeeinträchtigung von nahezu 100 Prozent.