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Christiane Bergfeld

aus "Willard and his bowling trophies / Willard und seine Bowlingtrophäen"
von Richard Brautigan

Ein grotesker Kriminalroman übersetzt aus dem Amerikanischen

Die „Geschichte der O"

Das viertklassige Sadismus- und Verzweiflungstheater von Constance und Bob nahm einen ziemlich banalen Anfang. Sie kriegte die Warzen als erste. Das waren Feigwarzen in der Scheide.
   Im Vollrausch war sie fremdgegangen, ein One-Night-Stand mit einem Anwalt in mittleren Jahren, der ihr Buch kannte. Er hatte der gerade als Romanschreiberin gescheiterten Dreiundzwanzigjährigen erzählt, dass ihm ihr Buch gefiel, und sie fühlte sich sehr mies, weil das Buch zwar ein Kritiker-, aber kein Verkaufserfolg und sie deshalb gezwungen war, wieder arbeiten zu gehen.
   Darum stieg sie mit dem Anwalt ins Bett und fing sich Warzen in der Scheide ein.
   Sie erinnerten an ein Büschel ekliger Horrortrip-Pilze. Sie mussten mit einer elektrischen Nadel weggebrannt werden:
   Eine Rosskur folgte der nächsten Rosskur dicht auf den Hufen.
   [...]
   Sie [Bob und Constance] konnten zwei Monate keinen normalen Sex haben, so lange dauerte es, bis die Warzen aus ihrer Scheide gebrannt waren, und manchmal, wenn sie vom Arzt und seiner elektrischen Nadel nach Hause kam, setzte sie sich einfach hin und fing an zu weinen.
   [...]
   Weil ihnen der gute alte Sex verwehrt blieb - Feigwarzen werden von einem Virus ausgelöst und durch Geschlechtsverkehr übertragen - mussten sie was anderes machen, und das taten sie auch.
   Sie hatten wirklich Spaß am gemeinsamen Sex. Bob freute sich, wie schön sein Glied in Constance' Scheide passte, und sie freute es auch. Sie pflegten Witze über erotische Rohrverlegung zu reißen. Beide waren sie verrückt nach dem guten alten Sex.
   Eines Tages lieh jemand Bob ein Exemplar von der „Geschichte der O". Er las sie. Es ist ein Sadomaso-Schauerroman, der ihn irgendwie erregte, weil er ihn so abgefahren fand. Beim Lesen kriegte er immer eine schwache Erektion.
   Als er mit dem Buch fertig war, gab er es Constance zu lesen, denn sie war neugierig.
   „Wovon handelt es?", fragte sie.
   Sie las es, und es machte sie auch irgendwie an.
   „Es ist irgendwie sexy", sagte sie.
   Eine Woche, nachdem sie es beide gelesen hatten, waren sie eines Abends ziemlich angeheitert und spielten ihre speziellen Sexspielchen, weil ihnen der normale Geschlechtsakt versagt blieb.
   Meist hobelte sie ihn oder verkehrte mit ihm oral, und er polierte sie klitoral mit der Hingabe eines Diamantenschleifers, bis sie kam. Er hätte bei Tiffany arbeiten können.
   Sie lagen im Bett, ziemlich blau, als er sagte: „Warum spielen wir nicht die ‚Geschichte der O'?"
   „Okay", sagte Constance lächelnd. „Welche Rolle soll ich spielen?"

Willard und seine Bowlingtrophäen

Und was ist mit Willard und seinen Bowlingtrophäen? Wie passen die in diese perverse Mär? Locker. Die standen in einer Wohnung im unteren Stock.
   Willard war ein Pappmascheevogel, knapp einen Meter hoch - mit langen schwarzen Beinen und einem teils schwarzen, teils merkwürdig rot-weiß-blau gemusterten Körper, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, und Willard hatte einen exotischen Schnabel wie ein Storch. Seine Bowlingtrophäen waren natürlich gestohlen.
   Sie waren drei Brüdern gestohlen worden, den Logan-Brüdern, die sich zu einem wirklich klasse Bowlingteam, ach was, zu einem Bowlingteam der Meisterklasse formiert hatten, in dem sie jahrelang spielten. Bowling war ihr Lebenselixier, und dann stahl jemand ihre ganzen Trophäen.
   Seitdem fahndeten die Logan-Brüder nach ihnen, hatten das ganze Land durchstreift wie ein Böse-Brüder-Trio aus einem Western.
   Hager, adleräugig und abgerissen, weil sie ihre Garderobe vernachlässigten und sich nicht regelmäßig rasierten, waren sie zu gemeinen Verbrechern verkommen, um die Suche nach den gestohlenen Trophäen zu finanzieren.
   Beim Start ins Leben waren sie Bilderbuchamerikaner gewesen, kernige Kerle, ein Vorbild für Jung und Alt, wie man was aus seinem Leben macht und sich Respekt verschafft. Leider hatte die Qual der verlorenen Jahre auf der Jagd nach den Bowlingtrophäen sie verändert. Wenig hatten sie gemein mit den Logan-Brüdern von einst, jenen attraktiven Bowling-Assen, dem Stolz ihrer Heimatstadt.
   Willard blieb natürlich stets derselbe: ein Pappmascheevogel im Kreis seiner Bowlingtrophäen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Theodor Boder Verlags