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Nikolaus Palézieux

Gaston Leroux: "Das Parfüm der Dame in Schwarz / Le Parfum de la Dame en noir"

übersetzt aus dem Französischen

I. Beginnt dort, wo die anderen Romane aufhören

Die Hochzeit von Monsieur Robert Darzac und Mademoiselle Mathilde Stangerson fand am 6. April 1845 statt, in Paris, in der Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet, und zwar in allergrößter Vertraulichkeit. Ein wenig mehr als zwei Jahre waren seit jenen Ereignissen verstrichen, die ich in einem früheren Buch berichtet; Ereignisse, die so sensationell waren, daß die Behauptung keineswegs verwegen ist, eine ähnlich kurze Zeit hätte das Geheimnis des gelben Zimmers nicht vergessen machen können ... Das in Rede stehende Ereignis war sämtlichen Geistern noch so nahe, daß die kleine Kirche sicherlich von Menschen überschwemmt worden wäre, die begierig waren, die Helden eines Dramas in Augenschein zu nehmen, welches alle Menschen erregt hatte, wenn die Hochzeits-Zeremonie nicht vollkommen geheim gehalten worden wäre, was in dieser vom Quartier der Schulen recht entfernten Pfarrkirche einigermaßen leicht gewesen war. Einzig ein paar Freunde von M. Darzac und Professor Stangerson, auf deren Verschwiegenheit man zählen konnte, waren eingeladen worden. Ich war einer von ihnen; ich kam rechtzeitig zur Kirche, und naturgemäß war meine erste Sorge, Joseph Rouletabille dort zu treffen. Ich war ein wenig enttäuscht gewesen, als ich ihn nicht erblickte, es bestand aber für mich kein Zweifel, daß er kommen müßte, und in dieser Erwartung näherte ich mich Maître Henri-Robert und Maître André Hesse, die im Frieden und der Andacht der kleinen Kapelle Saint-Charles ganz still die merkwürdigsten Zwischenfälle des Prozesses in Versailles heraufbeschwörten, welche die unmittelbar bevorstehende Zeremonie ihnen ins Gedächtnis zurückrief. Ein wenig fahrig hörte ich ihnen zu, während ich das, was um mich herum vorging, in Augenschein nahm.
Mein Gott! Wie traurig ist doch dieses Saint-Nicolas-du-Chardonnet! Verfallen, rissig, aufgesprungen, verdreckt, nicht ein Hauch vom erhabenen Staub der Zeiten, der bekanntlich der schönste Schmuck des Steins ist; nur der gemeine und staubige Dreck, der den Vierteln von Saint-Victor und der Bernhardiner so eigen zu sein scheint, an deren Kreuzung diese Kirche so einzigartig eingefügt ist; diese Kirche, außen so düster und innen so trostlos. Der Himmel, der an diesem heiligen Ort noch weiter entfernt schien als an allen anderen Orten, verbreitet dort ein karges Licht, das denn auch alle Mühe der Welt hat, durch den uralten Schmutz der Fenster den Weg zu den Gläubigen zu finden. Haben Sie je die Souvenirs d'Enfance et de Jeunesse von Renan gelesen? Dann stoßen Sie einmal die Pforte von Saint-Nicolas-du-Chardonnet auf, und Sie verstehen sogleich, warum der Verfasser des Leben Jesu, der nebenan, im kleinen, direkt sich anschließenden Seminar von Abbé Dupanloup eingeschlossen war und einzig von dort heraustrat, um in dieser Kirche zu beten, aus dem Leben zu scheiden begehrte. Und in dieser totenähnlichen Düsterkeit, in einem Rahmen, der einzig zum Trauern ersonnen schien, für die Riten, die den Verblichenen geweiht sind, wollte man nun die Hochzeit von Robert Darzac und Mathilde Stangerson begehen! Es bereitete mir einen starken Widerwillen, den ich mit großer Trauer als schlechtes Vorzeichen nahm.
Zu meiner Seite schwatzten Maître Henri-Robert und Maître André Hesse immer noch, und der erste bekannte dem zweiten gegenüber, daß er sich erst dann wegen des Schicksals von Robert Darzac und Mathhilde Stangerson beruhigt hätte, selbst nach dem glücklichen Ausgang des Prozesses von Versailles, nachdem man vom offiziell bestätigten Tode ihres erbarmungslosen Feindes erfahren hatte: Frédéric Larsan. Vielleicht erinnert man sich, daß wenige Monate nach der Freistellung des Professors von der Sorbonne sich die schreckliche Katastrophe der Dordogne ereignete, dem Passagierschiff, das den Dienst von Le Havre nach New York versah. Es herrschte Nebel, es war Nacht auf den Bänken vor Terra Nova, die Dordogne war mittschiffs von einem Dreimaster getroffen worden, dessen Vorschiff ihr in den Maschinenraum eingedrungen war. Und während der eindringende Segler abgetrieben wurde, war das Passagierschiff innerhalb von zehn Minuten gesunken. Gerade noch Zeit genug, daß ungefähr dreißig Passagiere, deren Kabinen sich auf der Brücke befanden, in die Rettungsboote springen konnten. Am nächsten Tag wurden sie von einem Fischerboot aufgenommen, das bald nach Saint-Jean zurückfuhr. Während der folgenden Tage gab der Ozean Hunderte von Toten frei, unter denen sich auch Larsan befand. Die Dokumente, die man fand, sorgfältig eingenäht und verborgen in der Kleidung eines Leichnams, bezeugten dieses Mal, daß Larsan tatsächlich die längste Zeit gelebt hatte. Endlich war Mathilde Stangerson von diesem bizarren Gemahl befreit, und dank der Möglichkeiten der amerikanischen Gesetze ward sie in aller Heimlichkeit den sorglosen Stunden ihrer allzu vertrauensvollen Jugend zurückgegeben. Dieser schreckliche Bandit, dessen wahrer Name, innerhalb der juristischen Annalen sehr bekannt, Ballmeyer war und der sie einst als Jean Roussel geheiratet hatte, kam nun nicht mehr, um sich auf kriminelle Weise zwischen sie und denjenigen zu drängen, der sie so still und heroisch liebte. Im Geheimnis des gelben Zimmers habe ich sämtliche Details dieser furchtbaren Affäre geschildert, die zu den merkwürdigsten gehört, welche man in den Annalen des Schwurgerichts aufspüren kann und die ohne das schon genial zu nennende Eingreifen dieses kleinen Reporters von achtzehn Jahren, Joseph Rouletabille, die allertragischste Entwicklung genommen hätte; dieses Reporters, der der einzige war, der hinter der Gestalt des berühmten Kriminalbeamten Frédéric Larsan eben Ballmeyer entdeckt hatte ... Der zufällige, und man darf wohl sagen, von der Vorsehung geschickte Tod des Verachtungswürdigen mußte anscheinend den vielen dramatischen Ereignissen einen Abschluß verleihen, und dieser Tod war keineswegs - geben wir es nur zu - der geringste Grund für die rasche Heilung Mathilde Stangersons, deren Verstand durch die geheimnisvollen Schrecken der Karthause von Glandier nachhaltig erschüttert worden war.
"Schauen Sie, lieber Freund", sagte Maître Henri-Robert zu seinem Kollegen, dessen unruhiger Blick in der Kirche umherschweifte, "schauen Sie, man muß im Leben durchaus optimistisch bleiben. Alles fügt sich! Selbst das Mißgeschick von Mademoiselle Stangerson ... Aber was haben Sie eigentlich die ganze Zeit hinter uns zu beobachten? Wen suchen Sie? Erwarten Sie jemanden?"
"Ja", antwortete Maître André Hesse, "ich erwarte Frédéric Larsan!"
Maître Henri-Robert lachte so laut, wie die Heiligkeit des Ortes ihm zu lachen gestattete. Aber ich lachte keineswegs, denn ich dachte recht ähnlich wie Maître Hesse. Sicher, ich war meilenweit davon entfernt, das schreckliche Abenteuer vorherzusehen, das uns drohte; aber wenn ich mich in jene Zeit zurückversetze und von allem absehe, was ich seither erfahren habe - wobei ich mich übrigens aufrichtig an den Verlauf dieses Berichts halten werde und die Wahrheit gerade so enthüllen werde, wie diese uns selbst entdeckt wurde - dann erinnere ich mich sehr wohl der merkwürdigen Unruhe, die mich angesichts des Gedankens an Larsan erfaßte.
"Kommen Sie, Sainclair", meinte Maître Henri-Robert, der mein eigenartiges Verhalten durchaus bemerkt hatte, "Sie sehen doch, daß Hesse einen Scherz gemacht hat ..."
"Ich weiß gar nichts", antwortete ich.
Und blickte aufmerksam auf alles um mich herum, so wie es Maître Hesse getan hatte. In Wahrheit hatte man nämlich so oft schon Larsan für tot geglaubt, als er sich noch Ballmeyer nannte, daß er sehr wohl ein Mal mehr als Larsan wieder auferstehen konnte. "Ach! Da ist ja Rouletabille", sagte Maître Henri-Robert. "Ich wette, daß er etwas ruhiger ist als Sie."
"Oh! Er ist ja ganz blaß", bemerkte Maître André Hesse.
Der junge Reporter kam auf uns zu. Eher fahrig drückte er uns die Hand.
"Guten Tag, Sainclair; guten Tag, meine Herren ... Ich bin doch nicht zu spät?"
Mir schien, als zitterte seine Stimme ... Er entfernte sich sogleich, zog sich in eine Ecke zurück, und ich sah, wie er, einem Kinde gleich, in einem Betstuhl niederkniete. Er verbarg sein Gesicht, das in der Tat sehr blaß war, mit den Händen und betete. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß Rouletabille fromm war, und sein inbrünstiges Gebet erstaunte mich. Als er wieder sein Antlitz erhob, standen seine Augen voller Tränen. Er verbarg sie keineswegs; dem, was um ihn vor ging, schenkte er keinerlei Aufmerksamkeit; vielleicht war er vollständig seinem Gebet und seinem Kummer hingegeben. Welchem Kummer aber? Hätte er nicht glücklich sein sollen, da er doch bei einer Vereinigung zugegen sein konnte, die von allen herbeigesehnt worden war? ... War denn das Glück von Robert Darzac und Mathilde Stangerson nicht eigentlich sein Werk? Nach allem geschah es also vielleicht aus Glück, daß der junge Mann weinte. Endlich erhob er sich wieder und ging, um sich im Schatten eines der Pfeiler zu verbergen. Ich hütete mich ihm zu folgen, denn ich sah deutlich, daß er allein zu bleiben wünschte.
Und es war dies auch der Augenblick, da Mathilde Stangerson die Kirche betrat, am Arm ihres Vaters. Robert Darzac schritt hinter ihnen. Wie hatten sich doch alle drei verändert! Ach, wie war doch das Drama von Glandier an diesen drei Wesen so schmerzhaft vorbeigezogen! Und dennoch, Mathilde schien dadurch nur noch schöner geworden zu sein. Sicheerlich, sie war nicht mehr diese großartige Person, dieser lebendige Marmor, diese alte Göttin, diese kalte heidnische Schönheit, die auf den offiziellen Festen der Dritten Republik, bei denen sie angesichts der Stellung ihres Vaters zugegen sein mußte, hinter ihrem Rücken ein diskretes und verzücktes Murmeln der Bewunderung erregte. Ganz im Gegenteil, es schien, daß das Verhängnis, indem es sie eine Unbedachtsamkeit, so jung begangen, so spät büßen ließ, sie einzig in eine vorübergehende Krise der Verzweiflung und des Wahns gestürzt hätte, auf daß sie die Maske aus Stein fallen ließe, hinter der sich die allerempfindsamste und zarteste Seele verbarg. Und diese Seele, einstweilen noch unbekannt, strahlte an diesem Tage, so schien es mir, noch lieblicher und reizender auf dem klaren Oval ihres Antlitzes, in diesen Augen, die so voll der glücklichen Trauer waren, auf dieser Stirn, so glatt wie Elfenbein, auf der man die Liebe zu allem, was schön und allem, was gut, lesen konnte. Was ihre Toilette betraf, so muß ich schlicht bekennen, mich ihrer nicht mehr zu erinnern und selbst die Farbe ihres Kleides zu nennen mir unmöglich wäre. Wessen ich mich aber zum Beispiel erinnere, ist der seltsame Ausdruck, den ihr Blick sogleich annahm, als sie den nicht unter uns erblickte, den sie suchte. Sie schien erst in dem Moment wieder zur Ruhe zu kommen und Herrin ihrer selbst zu werden, als sie endlich Rouletabille hinter seinem Pfeiler entdeckt hatte. Sie lächelte ihm zu, danach uns.
"Sie hat immer noch die Augen einer Wahnsinnigen!"
Eilends wandte ich mich um, um zu sehen, wer diesen abscheulichen Satz ausgesprochen hatte. Es war ein kleines Licht, das Roberet Darzac in seiner Güte als Laborgehilfe bei sich, an der Sorbonne, ernannt hatte. Dieser Mensch nannte sich Brignolles und war ein entfernter Cousin des Bräutigams. Wir wußten von keinem weiteren Verwandten von Monsieur Darzac, dessen Familie aus dem Süden des Landes stammte. Vor langer Zeit schon hatte Monsieur Darzac Vater und Mutter verloren; er hatte weder Bruder noch Schwester und schien sämtliche Verbindungen mit seiner Heimatregion abgebrochen zu haben, von der er einzig ein glühendes Verlangen nach Erfolg mitgebracht hatte, dazu die Fähigkeit zu außerordentlicher Arbeit, eine solide Intelligenz und das natürliche Bedürfnis nach Anhänglichkeit und Ergebenheit, welches begierig die Gelegenheit zu seiner Befriedigung bei Professor Stangerson und seiner Tochter ergriffen hatte. Aus der Provence, seiner Heimat, hatte er zudem einen charmanten Akzent mitgebracht, der seine Schüler an der Sorbonne anfänglich hatte schmunzeln lassen, den sie aber sehr bald wie eine angenehme und zurückhaltende Musik liebten, welche ein wenig die notwendige Trockenheit der Stunden ihres jungen und dennoch schon berühmten Meisters milderte.
Eines schönen Vormittags im vergangen Frühling, folglich also vor ungefähr einem Jahr, hatte Robert Darzac ihnen Brignolles vorgestellt. Er kam direkt aus Aix, wo er Physik-Laborgehilfe war und wo er wohl einen disziplinarischen Fehler begangen hatte, der ihn unvermittelt auf die Straße gesetzt hatte; aber er hatte sich gerade noch rechtzeitig daran erinnert, daß er mit Monsieur Darzac verwandt war, hatte den Zug nach Paris genommen und den Verlobten Mathilde Stangersons sehr wohl zu rühren verstanden; dergestalt, daß der, da er ihm leid tat, Mittel und Wege gefunden hatte, ihm bei seiner Arbeit assistieren zu lassen. Zu jener Zeit war die Gesundheit Robert Darzacs alles andere als blühend. Sie war vielmehr den Auswirkungen ungeheurer Gefühlsausbrüche ausgesetzt, die ihn in Glandier und im Schwurgericht überfielen. Man hätte jedoch meinen können, daß die nunmehr sichergestellte Gesundung Mathildes und die Aussicht ihrer baldigen Eheschließung den allerglücklichsten Einfluß auf die Stimmung und indirekt auch auf den körperlichen Zustand des Professors hatte. Nun aber bemerkten wir alle ganz im Gegenteil, daß von dem Tage an, da er in die Mithilfe Brignolles eingewilligt hatte, dessen Mitwirkung ihm, so sagte er, eine wertvolle Unterstützung sein sollte, die Schwäche Monsieur Darzacs nur noch deutlicher wurde. Endlich stellten wir auch fest, daß Brignolles eben kein Glück brachte, denn zwei ärgerliche Unfälle, die indes keinerlei Gefahr darzustellen schienen, ereigneten sich kurz nacheinander während der experimentellen Kurse. Der erste resultierte aus dem unvorhergesehenen Bersten einer Geissler-Röhre, deren Scherben Monsieur Darzac gefährlich hätten verletzen können, aber nur Brignolles trafen, wovon der an den Händen einige Narben bewahrte. Der zweite Unfall, der außerordentlich schwer hätte sein können, geschah durch die dumme Explosion einer kleinen Benzinlampe, über die eben in diesem Augenblick Monsieur Darzac sich gebeugt hatte. Beinahe hätte die Flamme ihm das Gesicht verbrannt; zum Glück geschah nichts dergleichen, aber sie versengte ihm die Wimpern und bescherte ihm dadurch eine Zeitlang Probleme beim Sehen; dergestalt, daß er nur mit Mühe das pralle Sonnenlicht ertragen konnte.
Seit den Geheimnissen um Glandier war ich in einem derartigen Geisteszustand, daß ich mich sogleich bereit fand, schon die geringsten Ereignisse als wenig natürlich anzusehen. Bei dem letzten Unfall nun war ich zugegen, da ich gekommen war, Monsieur Darzac an der Sorbonne abzuholen. Ich selbst war es, der unseren Freund zu einem Apotheker und von dort zu einem Arzt brachte, und ich hatte zuvor Brignolles, der das Verlangen bezeigte, uns zu begleiten, recht kurz angebunden gebeten, auf seinem Posten zu bleiben. Unterwegs fragte mich Monsieur Darzac, warum ich den armen Brignolles so überrannt hätte; ich gab ihm zur Antwort, daß ich diesem jungen Mann generell zürne, da mir sein Benehmen keineswegs gefiele, insonderheit an diesem Tage, da ich glaubte, ihn für diesen Unfall verantwortlich machen zu müssen. Monsieur Darzac begehrte den Grund dafür zu wissen. Aber ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte, und er begann zu lachen. Er lachte aber nicht mehr, als der Doktor ihm sagte, er hätte das Augenlicht verlieren können und es überhaupt ein Wunder sei, daß er so billig davongekommen.
Die Unruhe, die mir durch Brignolles verursacht wurde, war ohne Zweifel lächerlich, und die Unfälle setzten sich auch nicht fort. Dennoch war ich so außerordentlich gegen ihn eingenommen, daß ich ihm im Grunde meiner Seele nicht verzieh, daß sich die Gesundheit Monsieurs Darzacs nicht besserte. Zu Winteranfang hustete Monsieur Darzac so sehr, daß ich ihn beschwor, ja, wir alle ihn beschworen, er möge um Freistellung ersuchen und sich im Süden ausruhen. Die Ärzte empfahlen ihm San Remo. Er entschwand dorthin, und acht Tage darauf schrieb er uns, er fühle sich bereits wesentlich besser. Es schien ihm, daß, seitdem er in diesem Lande angekommen, man ihm einen Stein von der Brust genommen hätte. "Ich atme auf! Ich atme auf!", sagte er uns. "Als ich von Paris abreiste, erstickte ich fast!" Dieser Brief Monsieur Darzacs gab mir viel zum Nachdenken auf, und ohne zu zögern teilte ich Rouletabille meine Überlegungen mit. Nun, auch er wollte wie ich sich darüber wundern, daß Monsieur Darzac so übel dran war, als er sich in der Nähe Brignolles aufhielt, dagegen so wohl, wenn von ihm entfernt! Dieser Eindruck prägte sich mir ganz besonders stark ein, so daß ich Brignolles auf keinen Fall gestattet hätte, sich zu entfernen. Meiner Treu, nein! Hätte er Paris verlassen: ich wäre imstande gewesen, ihm zu folgen. Aber er ging keineswegs; ganz im Gegenteil: Die Stangersons hatten ihn nie näher bei sich. Unter dem Vorwand, Neues über Monsieur Darzac zu erfahren, war er die ganze Zeit Monsieur Stangerson nahe. Einmal brachte er es gar so weit, Mademoiselle Stangerson zu sehen, aber ich hatte der Braut von Monsieur Darzac ein derartiges Bild des Physik-Laboranten gezeichnet, daß es mir gelang, ihn ihr auf immer zu verleiden, wozu ich mich in meinem Innersten beglückwünschte.
Monsieur Darzac blieb vier Monate in San Remo und kehrte fast vollständig wiederhergestellt zu uns zurück. Seine Augen aber waren noch schwach, und er sah sich der Notwendigkeit ausgesetzt, ihnen die größte Sorge angedeihen zu lassen. Rouletabille und ich hatten den Entschluß gefaßt, Brignolles zu überwachen, wurden dann aber beruhigt, nachdem wir erfuhren, daß die Hochzeit sehr bald stattfinden solle und daß Monsieur Darzac hernach seine Frau auf eine lange Reise, fern von Paris, mitnehmen wolle ... fern von Brignolles. Nach seiner Rückkehr aus San Remo hatte mich Monsieur Darzac gefragt: "Nun, wie weit sind Sie mit dem armen Brignolles? Haben Sie Ihre Meinung über ihn geändert?"
"Meiner Treu, nein!", gab ich zurück. Und er hatte sich noch über mich lustig gemacht und mir einige seiner provenzalischen Scherze nachgeschickt, für die er eine Vorliebe hatte, wenn die Umstände es ihm gestatteten, fröhlich zu sein, und die in seinem Mund eine neue Würze bekamen, nachdem der Aufenthalt im Süden seinem Akzent die frische Färbung von früher wiedergegeben hatte.
Er war glücklich! Aber die wahre Vorstellung von seinem Glück konnten wir - da wir zwischen seiner Rückkehr und seiner Hochzeit wenig Gelegenheit hatten, ihn zu sehen - erst auf der Schwelle dieser Kirche haben, wo er uns wie verwandelt vorkam. Mit einem Stolz, der nur zu gut verständlich war, trug er sein leicht gebeugte Körpergröße zur Schau. Das Glück machte ihn noch größer und schöner!
"Man darf wohl sagen, daß er einen freudigen Tag hat, der Herr!", meinte Brignolles hämisch.
Ich rückte von diesem Menschen ab, der mir zuwider war, und postierte mich hinter dem armen Monsieur Stangerson, der während der gesamten Zeremonie mit gekreuzten Armen verharrte und nichts sah, nichts hörte. Man mußte ihn, als alles beendet war, an der Schulter berühren, um ihn aus seinem Traum zu reißen. Als alles zur Sakristei voranschritt, stieß Maître André Hesse einen tiefen Seufzer aus.
"Das war es!" sagte er. "Ich atme auf ..."
"Warum haben Sie denn vorher nicht aufgeatmet, mein Freund?", wollte Maître Henri-Robert wissen.
Da bekannte Maître André Hesse, daß er bis zum letzten Augenblick die Ankunft des Toten befürchtet hätte.
"Was haben Sie denn?", erwiderte er seinem Kollegen, der sich lustig machte, "Ich konnte nur den Gedanken nicht akzeptieren, daß Frédéric Larsan nichts dagegen hat, wirklich tot zu sein!"
Nun befanden wir uns - höchstens ein gutes Dutzend Menschen - in der Sakristei. Die Trauzeugen unterzeichneten im Register, die anderen beglückwünschten freudig die frisch Vermählten. Diese Sakristei ist noch düsterer als die Kirche, und ich hätte denken können, ich würde es dieser Düsterkeit schulden, in einem solchen Moment Joseph Rouletabille nicht erkannt zu haben, wäre dieser Raum nicht so klein gewesen. Ganz offensichtlich war er aber nicht da. Was hatte das zu bedeuten? Mathilde hatte bereits zweimal nach ihm verlangt, und Monsieur Darzac bat mich, ihn zu suchen, was ich sogleich tat. Ich kehrte indes ohne ihn in die Sakristei zurück, denn ich hatte ihn nirgends gefunden.
"Wie seltsam das doch ist", sagte Monsieur Darzac, "und vollkommen unerklärlich. Sind Sie auch sicher, überall nachgesehen zu haben? Er wird in einer Ecke sitzen und träumen."
"Ich habe ihn überall gesucht und ihn auch gerufen", erwiderte ich.
Aber Monsieur Darzac hielt sich nicht an meine Worte und wollte selbst überall in der Kirche nachsehen. Dabei hatte er mehr Glück als ich, denn er hatte von einem Bettler erfahren, der sich mit seinem Becher in der Vorhalle aufhielt, daß ein junge Mann, der in der Tat niemand anderer als Rouletabille gewesen sein konnte, einige Minuten zuvor die Kirche verlassen und sich mit einer Pferdedroschke entfernt hätte. Als er diese Neuigkeit seiner Frau berichtete, schien sie über jedes Maß betrübt. Sie rief mich zu sich und sagte:
"Mein lieber Monsieur Sainclair, Sie wissen, daß wir den Zug in zwei Stunden an der Gare de Lyon nehmen. Suchen Sie mir unseren kleine Freund und bringen Sie ihn zu mir, und sagen Sie ihm, daß sein unerklärliches Verhalten mich sehr beunruhigt."
"Zählen Sie auf mich", gab ich zurück.
Und ich begab mich unverzüglich auf die Jagd nach Rouletabille. Aber ich kam mit leeren Händen zur Gare de Lyon. Weder bei ihm zu Haus noch bei der Zeitung noch im Café du Barreau, wo die Notwendigkeiten seines Berufes ihn oft um diese Tageszeit sich aufzuhalten zwangen, konnte ich seiner habhaft werden. Keiner seiner Gefährten konnte mir sagen, wo ich eine Chance hätte, ihn zu treffen. Ich überlasse es dem Leser sich vorzustellen, wie traurig ich auf dem Bahnsteig empfangen wurde. Monsieur Darzac tat es leid, und weil er sich mit der Unterbringung der Reisenden zu befassen hatte - da nämlich Professor Stangerson, der sich nach Menton begab, zu den Rance, das junge Paar bis nach Dijon begleitete, während dieses die Reise bis nach Culoz und zum Mont Cenis fortsetzte - bat er mich, diese schlimme Neuigkeit seiner Frau mitzuteilen. Ich führte diesen traurigen Auftrag aus, wobei ich hinzufügte, daß Rouletabille ohne jeden Zweifel kurz vor der Abfahrt des Zuges noch käme. Bei den ersten Worten, mit denen ich ihr die Nachricht verkündete, fing Mathilde sanft zu weinen an und schüttelte den Kopf:
"Nein, nein! Es ist vorbei. Er wird nicht mehr kommen."
Und sie bestieg ihren Waggon.
In diesem Augenblick konnte der unerträgliche Brignolles, als er die Erregung der jungen Ehefrau sah, nicht anders, als Maître Hesse gegenüber, der ihn im Übrigen sehr unehrenhaft zu schweigen hieß, wie er es verdiente, noch einmal zu sagen: "Sehen Sie doch! Sehen Sie! Ich sage Ihnen doch, daß sie immer noch diese Augen einer Wahnsinnigen hat! Ach, Robert hatte Unrecht; er hätte besser daran getan noch zu warten!" Noch immer sehe ich Brignolles dies aussprechen, und ich erinnere mich des Gefühls des Schreckens, das er mir in diesem Moment einflößte. Für mich gab es seit langem schon keinen Zweifel mehr, daß Brignolles ein boshafter Mensch war und vor allem neidisch und daß er seinem Verwandten den Dienst nicht verzieh, den dieser ihm erwiesen hatte, indem er ihm auf einem vollständig subalternen Posten untergebracht hatte. Brignolles hatte ein gelbliches Aussehen und längliche Gesichtszüge, die nach unten gezogen waren. Alles an ihm schien verbittert, und alles an ihm war lang. Er hatte eine lange Statur, lange Arme, lange Beine und einen langen Kopf. Von dieser Regel der Länge gab es indessen für Füße und Hände eine Ausnahme. Er hatte kleine und fast elegante Extremitäten. Da er von dem jungen Advokaten so brüsk wegen seiner boshaften Äußerungen getadelt ward, entwickelte Brignolles sogleich ein Gefühl der Rache und verließ den Bahnhof, nachdem er dem Brautpaar seine Empfehlung ausgesprochen hatte. Zumindest dachte ich, er verließe den Bahnhof, weil ich ihn nicht mehr sah. Noch drei Minuten blieben uns bis zur Abfahrt des Zuges. Immer noch hofften wir auf das Erscheinen Rouletabilles und untersuchten den gesamten Bahnsteig und dachten auch, im Trupp der zu spät heraneilenden Reisenden das sympathische Antlitz unseres jungen Freundes doch noch zu erblicken. Wie aber konnte es sein, daß er gar nicht erschien, ganz nach seiner Art, indem er alles und alle durcheinander stieß und sich keinen Deut um die Proteste und Rufe scherte, die für gewöhnlich seinen Durchzug durch eine Menge anzeigte, wo er sich stets eiliger als alle anderen erwies? Was machte er nur? Schon wurden die Türen geschlossen, weit hallte ihr lautes Knallen, und schon kamen die knappen Aufforderungen des Personals. "Einsteigen bitte, die Herrschaften ... einsteigen!" Ein letztes Eilen hier und da, dann der schrille Pfiff, der die Abfahrt befahl, der heisere Lärm der Lokomotive, und der Zug setzte sich in Bewegung. Und nichts von Rouletabille! Wir waren so traurig, aber auch so erstaunt, daß wir auf dem Bahnsteig verharrten und Madame Darzac anblicken, ohne ihr unsere Wünsche für eine gute Reise auszusprechen. Die Tochter Professor Stangersons blickte lange auf den Bahnsteig, und im Moment, da der Zug Fahrt aufzunehmen begann, vollkommen sicher, daß sie vor ihrer Abreise ihren kleinen Freund nicht mehr sähe, reichte sie mir einen Umschlag durch die Wagentür.
"Für ihn", sagte sie.
Und unvermittelt fügte sie hinzu, und zwar mit dem Ausdruck plötzlichen Entsetzens und einem so merkwürdigen Tonfall, daß ich gar nicht umhin konnte, an die unheilvollen Bemerkungen Brignolles zu denken:
"Auf Wiedersehen, meine Freunde! ... oder: Leben Sie wohl!"