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Christiane Bergfeld
Nikolaus Palézieux
Birgit Schmitz
Verena Carl
Ulrich Diehl
Guido Geist
Sasche Piroth
Aymone Rassaerts
Sonja Roczek

Birgit Schmitz

Prolog

Der Sommerkönig kniete vor ihr nieder. „Du bist also wirklich bereit, das Wagnis einzugehen?"
Sie sah ihn an - den jungen Mann, in den sie sich während der letzten Wochen verliebt hatte. Nicht im Traum hätte sie gedacht, er könnte etwas anderes sein als ein Mensch, doch nun glühte seine Haut, als flackerten Flammen darunter, so sonderbar und schön, dass sie gar nicht mehr wegsehen konnte. „Ja, ich will es tun."
„Du weißt, wenn du nicht die Richtige bist, wirst du die Kälte der Winterkönigin in dir tragen. So lange, bis die nächste Sterbliche denselben Mut aufbringt wie du. Versprichst du, sie dann davor zu warnen, mir zu vertrauen?" Er verstummte und betrachtete sie sorgenvoll.
Sie nickte.
„Und wenn sie mich abweist, warnst du das nächste Mädchen und das danach?" Er kam näher. „Und erst wenn eine von ihnen trotzdem einwilligt, wirst du von der Kälte erlöst."
„Ich weiß." Sie lächelte so tapfer sie konnte und ging zu dem Weißdornbusch. Die Blätter streiften ihre Arme, als sie sich bückte und unter den Busch griff.
Ihre Finger legten sich um das Zepter der Winterkönigin. Es war schlicht und abgegriffen, als hätten schon zahllose Hände das Holz umklammert. Doch an jene Hände, jene Mädchen, die bereits vor ihr hier gestanden hatten, wollte sie jetzt nicht denken.
Sie richtete sich auf, ängstlich und voller Hoffnung.
Er trat von hinten an sie heran. Das Rauschen der Bäume wurde lauter, fast ohrenbetäubend. Seine Haut, seine Haare leuchteten in einem immer helleren Glanz. Auf dem Boden vor ihr war plötzlich ihr eigener Schatten zu sehen.
„Bitte. Lass sie die sein, die ich suche", flüsterte er.
Sie hielt das Zepter der Winterkönigin fest in der Hand und hoffte - ein kurzer Moment der Zuversicht. Doch dann bohrte sich das Eis in sie hinein, breitete sich wie Glasscherben in ihren Adern aus.
„Keenan!", schrie sie.
Sie stolperte auf ihn zu, doch er entfernte sich, leuchtete nicht mehr, schaute sie nicht mal mehr an.
Dann war sie allein. Nur ein Wolf leistete ihr Gesellschaft, während sie darauf wartete, dem nächsten Mädchen zu sagen, wie dumm es war, ihn zu lieben, ihm zu vertrauen.