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Sven Amtsberg

Der Tag, an dem die Vögel vom Himmel fielen | Romanauszug

Fassung vom 20. Januar 2009 | Copyright © 2009 Sven Amtsberg

Eins.

Angst ist seit je her das einzig Beständige in meinem Leben gewesen. Schon früh hatte es begonnen. Mit Mutter. Mit Spinnen. Mit Wölfen, die ins Haus drangen und Kinder fraßen, die nicht aßen. Schwarze Männer, die Kinder mit sich nahmen, die nicht schlafen wollten. Heime, in die Kinder kamen, die nicht gehorchten. Krankheiten, die durch alles Mögliche übertragen werden konnten, Schmutz, Menschen, und ich konnte mich noch gut an ein Jahr erinnern, in dem ich gar nicht aus der Wohnung durfte, da die Stadt voller Bazillen war, nahezu eine Epidemie, die die Regierung den Menschen verschwieg, damit keine Panik ausbrach. Nur Mutter wusste es. Sie kannte jemand von denen, und manchmal hörte ich sie telefonieren mit ihnen, nachts, wenn sie wusste, dass ich nicht schlief, ich da lag und mich wach zu halten versuchte, damit der schwarze Mann kam, um mich endlich von hier wegzuholen. Dort, bei der Regierung, wusste man immer schon frühzeitig von Krankheiten. Wie sie sich äußerten, und was es bedeutete, wenn man sich kratzte, nieste, Blässe das Gesicht überzog wie eine Latexschicht, wenn man beige Stückchen spuckte, und Mutter rief meist zwei Mal am Tag dort an. Manchmal kam sie anschließend in mein Zimmer und sah mich ernst an. Dass wir uns besser waschen müssten, sagte sie, gründlich. Wir mussten uns oft waschen. Morgens, um das Schwarze der Nacht loszuwerden, denn die meisten Keime lebten im Verborgenen der Dunkelheit, und eine der ersten Regeln, die ich verinnerlichte, war die, dass das meiste, was schwarz war, krank machte. Wenn etwas verbrannte. Das Schwarze auf Mutters Röntgenaufnahmen. Leberflecke. Auch Schmutz war schwarz, und Schmutz machte krank, und Mutter kämpfte tapfer gegen jegliche Art von Schmutz in unserem Leben an. Ständig saugte sie die Wohnung. Wischte Staub. Sah zu, dass die Fenster verschlossen und auch sonst nichts von außen herein drang. Gesundheit wäre das höchste Gut, das ein Mensch besäße, und man müsse es verteidigen und schützen, so gut es ginge. Denn was nütze einem all das Geld und Glück, wenn man krank wäre.
Wir hatten weder Geld noch Glück. Wir hatten nur Hygiene. Wir wuschen uns häufiger seit Vater gegangen war, und das, obwohl wir kaum noch das Haus verließen. Mutter nicht. Ich nicht. Die meiste Zeit verbrachten wir im Dunklen, drinnen, und Mutter hatte die Fenster mit alten Zeitungen, aus der Zeit, als Vater noch bei uns war, zugeklebt, damit das Drinnen noch mehr Drinnen wurde, das Sonnenlicht uns nicht fand, den Krebs in uns wach rief. Trotzdem wuschen wir uns. Und immer wieder kam Mutter, kaum kratzte ich mich, und ich hatte meine Kleidung auszuziehen und in einen Plastikbeutel zu stecken, den sie mit Draht verschloss und in einen anderen Plastikbeutel steckte, den sie ebenfalls verschloss. Dasselbe machte sie mit ihren Sachen, und nackt standen wir dann im Bad, und Mutter schrubbte mir die weiße Haut violett. Eine Färbung, die sie erst im Laufe der nächsten Tage wieder verlor, Mutter und das heiße Wasser, während ich laut schrie, und sie noch lauter, dass sie mich liebe, und dass sie all das auch für mich täte. Zweimal im Monat schor sie mir den Kopf. Haare böten unzählige Verstecke für verschiedenste Keime, und ich war dann sogar ganz froh, nicht mehr raus zu müssen. Ich schämte mich. Für mich. Für Mutter. Nicht nur ihr Gesicht verlor an Farbe, auch Mutter verschwand, fühlte sich kalt an, wenn ich sie streicheln musste.
Ihr werde das allmählich alles zuviel, stöhnte sie oft, und ich wusste manchmal im ersten Moment gar nicht, was sie meinte, ob die Krankheiten, hoffte, sie könne die Hygiene meinen. Nein, nein, antwortete sie auf meine Frage, der Haushalt, das Wischen und Putzen, damit wir es besser hätten, und schließlich beschloss sie eines Tages, dass wir nur noch ein Zimmer bewohnen sollten, das im hinteren Teil der Wohnung, damit, falls jemand kam, um an der Wohnungstür zu horchen, uns nicht hörte und fand, und das, obwohl wir kaum noch etwas sagten.
Dort wären wir sicher, flüsterte Mutter, nachdem sie die Zimmertür verschlossen und den Schlüssel an einem Band zwischen ihren langen, beigen Brüsten verborgen hatte. Ging sie raus, gab sie mir Schlafmittel, damit ich niemandem öffnete. Einmal im Monat verließ Mutter die Wohnung, um einzukaufen. Ob Sommer oder Winter, stets dick eingepackt in einen braunen Fellmantel, mit einer dicken Strickmütze, sowie einem gelben Schal, den sie sich vor Mund und Nase band. Sie trug zwei Paar Handschuhe, eins aus Leder und eins aus Gummi darunter, da Leder aus Tieren gemacht wurde, und Tiere nie ganz sauber zu kriegen wären, schon gar nicht von innen. So saß sie dann an meinem Bett und wartete, bis ich eingeschlafen war. Schon da hatte das Schwarze zwischen den Tagen etwas Bedrohliches an sich, und immer hatte ich Angst gehabt, dass es nicht wieder aufhörte. Das Leben ist ein Haus, das von dunklem Schlaf umgeben ist. Es hat nur eine Tür, durch die man wieder in sein Inneres zurück gelangt, und eines Tages lässt sich diese Tür nicht mehr öffnen, man muss bleiben, wo man ist. Schreiende Menschen irren suchend durch diese Dunkelheit.
Ich war immer froh, wenn ich wieder erwachte. Mutter saß dann an meinem Bett und streichelte mich, so als wäre nichts geschehen. Wie früher. Ihre Hand war kalt und roch nach dem scharfen Desinfektionsmittel, und manchmal sang sie. Die Wohnung war dann voll mit bunten Schachteln, in denen sich Lebensmittel und Reinigungsutensilien befanden, die wir gemeinsam in die Schränke einsortierten, und es war immer soviel, dass wir meist eine Stunde dafür brauchten. Zumal wir jede Packung noch abwaschen mussten, denn jedes Produkt ginge durch eine Vielzahl von Händen, bevor es im Supermarkt landete, und auch dort gäbe es immer kranke Kunden, denen es egal wäre, ob sie jemanden ansteckten, und die trotzdem Schachteln anfassten, ohne sie zu kaufen. Manchmal schrie Mutter mehr, als dass sie mir etwas erklärte, und ihre Augen schienen dann dabei an Durchlässigkeit zu verlieren. Die Welt kam nicht mehr hinein zu ihr. Mutters Kopf ist ein Zimmer mit Milchglasfenstern, damit niemand in sie hineinsehen kann. Mutter, Mutter.
Die Schachteln waren außen bunt, doch ihr Inhalt bestand zu meist aus gilben oder braunen oder blassrosafarbenen Dingen. Das Leben wäre nicht so, wie es scheine, sagte Mutter ernst, und das nicht nur, wenn wir die Kartons auspackten. Sie sagte es ständig. Anfangs weinte sie nur, und hätte ich geahnt, was noch alles passierte, ich wäre über Mutters Tränen froh gewesen. Hätte sie weinen lassen, vielleicht hätte das alles verändert.

Aber es war auch nicht nur schlecht. Manchmal genoss ich es, Mutter nur für mich zu haben, und nie in meinem Leben habe ich soviel Liebe erfahren wie in dieser Zeit. Zu spüren, dass man für jemanden das Wichtigste in seinem Leben ist, ist ein Gefühl, das man nur als Kind erfährt. Mit dem Ende der Kindheit endet auch dieses Gefühl, und Zeit seines Lebens ist man darum bemüht, dass es wiederkehrt. Mutters Liebe war ein dicker Wal, in dem ich steckte. Es war warm darin, ich behütet.
Doch irgendwann begann Mutters Liebe immer schmerzhafter zu werden. Ihre Umarmungen, wenn sie sich an mich presste, als drohe etwas sie hier fortzuschaffen. Wenn sie mich küsste. Nicht so wie Mütter Kinder küssten, sondern wie Mütter Männer. Mama, sagte ich dann, und sie ermahnte mich, dass sie Petra hieße. Manchmal musste ich sie streicheln, während sie weinend auf dem Boden lag. Musste ihr über den kahlgeschorenen Kopf streichen, den Rücken, und ihr immer wieder versichern, dass ich sie lieb hätte. Aber warum nur, kreischte sie, warum hätte ich sie denn lieb, ob ich das überhaupt wüsste, und ich überlegte, antwortete dann, weil sie eben meine Mutter wäre, und Kinder hätten ihre Mütter lieb, woraufhin sie unter Tränen schrie, dass sie nicht nur Mutter wäre.
In der Nacht war Mutter nichts, und wir hockten in der Dunkelheit des Zimmers, und ich hörte nur ihr Wimmern. Manchmal schrie sie, ohne dass ich sie in der Dunkelheit fand, um sie zu beruhigen. Die Nacht in unserem Zimmer war länger als anderenorts, der Tag hatte Schwierigkeiten uns zu finden, schien die Sonne nicht. Mutter hatte mittlerweile so viele Lagen Zeitungspapier über das Fenster geklebt, das kaum noch Licht von außen zu uns drang. Das Gefühl der Einsamkeit nahm zu, denn nur wenn es hell war, wirkte Mutter wie Mutter. Nahm mich in die Arme, wiegte mich vor und zurück und summte Lieder, die ich nicht kannte, damit ich den Hunger vergaß. Biene, sagte sie manchmal unvermittelt. Schmetterling, nur um anschließend wieder in ihren unmelodischen Singsang zu verfallen.
Auch in jener Nacht schrie Mutter, und ich konnte sie mit den Füßen auf den Boden aufstampfen hören. Wie ihre Mutterhände zu Fäusten wurden, und sie damit die Wände malträtierte. Ein dumpfes Klatschen, das erst mit Einbruch des Morgens aufhörte, und ich war froh, dass es nur eine kurze Nacht gewesen war. Die Sonne schien. Mutter lag erschöpft und zusammengerollt auf dem Fußboden. Ich solle sie streicheln, bat sie flüsternd, bitte, und ich hockte mich neben sie. Die Wände waren übersät mit roten Flecken, und auch aus ihren Händen kam Blut. Doch Mutter wusch es nicht fort.
In der Nacht darauf, Mutter schrie sich wieder die Kehle aus dem Leib, hörte ich ein lautes Knacken von der Wohnungstür. Kurz darauf das Trampeln von Stiefeln. Die Zimmertür wurde aufgerissen, und dann kam das Licht.