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Robert Cohn

„Koschere Groupies“ | Roman in Erzählungen

Was Belzer heute ohne Kaffeekanne macht

"Irgendwas tun", denkt Belzer. "Irgendwas tun müsste ich, oder Konvulsionen kriegen". Aber er tut nichts und er kriegt keine Konvulsionen, er spürt überhaupt nichts. Er sitzt vor dem Bildschirm und bietet bei einer Ebay-Auktion und fühlt nichts. Der Bildschirm flackert. Da ist diese Zinn-Kaffeekanne, und auf die bietet Belzer. Er ist schon bei 168 Euro. Obwohl er keine 168 Euro hat. "68 Euro habe ich vielleicht", denkt Belzer, weiß es aber nicht genau. Er ahnt, dass er keine 68 Euro hat, längst nicht, und er drückt den Knopf. Er sieht die Zinn-Kaffeekanne verschwinden und den Bildschirm flackern, der Bildschirm ist weiß, dann zuckt unten der grüne Balken und da ist die Zinn-Kaffeekanne wieder. Sie sind der Höchstbietende, steht da, und daneben steht 191 Euro. Belzer hat keine 191 Euro. Aber es ist nicht irgend eine Zinn-Kaffeekanne. Die ist aus Wien, Wiener Biedermeier, frühes Wiener Biedermeier, frühes Wiener Zinn-Biedermeier, und die Zinn-Tülle hat vorne ein frühes metallenes und geiles Wiener Satyrgesicht dran. Aus Zinn. "Es starrt metallen und geil aus dem Bildschirm und sieht wie Zinn aus, das Zinn-Satyrgesicht, so wie ein Zinn-Satyr eben metallen und geil starrt, zumal es aus Wien ist, das wird es ja wohl", denkt Belzer.

Belzer besitzt nichts aus dem Biedermeier. Er besitzt zwar eine Kaffeekanne aus Steingut oder so. Vielleicht besitzt er sie noch. Belzer weiß es nicht genau. Aber die benutzt er nicht. Falls er sie überhaupt noch besitzt. Belzer hat seine Kaffeekanne lange nicht gesehen. Er starrt auf den Bildschirm, der wieder neu lädt. "Diese Wiener Biedermeier-Satyr-Kaffeekanne würde ich aber ansehen oder benutzen oder sehen oder irgendwas, oder nicht?", denkt er und fühlt nichts. Belzer weiß nicht, wofür er sie benutzen würde, oder wofür er so etwas wie diese Zinnkanne überhaupt benutzen könnte. Belzer sieht auf das metallene und geile Wiener Satyrgesicht aus Wiener Zinn, will es haben und drückt den Knopf. Er ist der Höchstbietende, er ist es jetzt bei 198 Euro. Belzer besitzt keine 198 Euro. Vielleicht besitzt er 19,80 Euro, gerade noch so. Wahrscheinlich weniger. 211 Euro hat er als Höchstgebot eingegeben. Die besitzt er wahrscheinlich auch nicht, denn er weiß nicht genau, ob er vielleicht noch 2,11 Euro besitzt. "Besitze ich noch 11 Euro?", denkt Belzer, weiß es nicht genau, sieht das geile Wiener Satyrgesicht starren und schwanken und er fühlt nichts. Vielleicht wird er in 54 Sekunden etwas spüren, wenn alles vorbei ist? Warum das passiert oder was los ist, weiß Belzer nicht.

Die 54 Sekunden sind vorbei. Belzer hat die Auktion gewonnen. Sie haben die Auktion gewonnen!, steht da. Bei 210,73 Euro. "Besitze ich diese 210,73 Euro denn eigentlich irgendwie?", denkt Belzer, und jetzt fühlt er ein bisschen von etwas, einen Anflug von irgendwas, vielleicht etwas Kälte an den Beinen oder einen Luftzug hinten am Kopf oder etwas wie Eispakete in den Hosentaschen, genau weiß er es nicht. Er sieht sich das Wiener Zinn-Satyrgesicht an. Der Bildschirm flackert. "Es starrt mich an", denkt Belzer. Metallen und geil. Was sollte so ein faunisches Wiener Satyrgesicht sonst machen.

Belzer hat eine oder zwei Stunden geschlafen, ohne sich auszuziehen. Er hat nichts gefrühstückt, weil nichts zum Frühstücken da ist. Er ist über die Straße gegangen und dann nach links. Jetzt steht er im Bankgebäude an der Ecke Reeperbahn vor einem Tresen. Er fasst den Tresen nicht an wie andere Leute, die vor Tresen stehen, denn er ekelt sich sehr vor diesem angetatschten Tresen. "Nein, Herr Belzer", sagt die Bankangestellte und sieht in ihre Papiere, "es tut mir Leid, wir können Ihnen kein Geld geben, Ihr Dispo ist gesperrt, und diese Überweisung, nun, die können wir nicht annehmen". - "Nein?", fragt Belzer und starrt auf die Bankangestellte. "Nein, Herr Belzer", sagt die Bankangestellte und sieht in ihre Papiere, "an 210,73 Euro ist gar nicht zu denken, auf Ihrem Konto sind noch 21 Cent und Ihr Dispo ist gestrichen, bitte, da kann ich leider gar nichts für Sie tun". - "Aber es ist eine Biedermeier-Kaffeekanne aus Zinn, Frau Bankangestellte, aus Wien, frühes Wiener Zinn-Biedermeier mit einem Wiener Zinn-Satyrgesicht vorne an der Zinn-Tülle", sagt Belzer wahrheitsgemäß zur Bankangestellten, die in ihre Papiere sieht, "und die ist selten, und wie, die ist ganz selten, und die ist ja keine 210,73 Euro wert, das sag ich Ihnen, sondern die ist bestimmt dreimal so viel wert, wahrheitsgemäß, und wenn ich das erstmal wiederkriege, dann zahle ich es auf mein Konto ein". Die Bankangestellte sagt nichts. "Tut mir Leid, Herr Belzer", sagt sie dann in die Papiere, "da kann ich gar nichts tun". - "Nein?", fragt Belzer die Bankangestellte und starrt sie an. "Nein", sagt die Bankangestellte in die Papiere. "Aber etwas Bargeld könnten Sie mir geben?", fragt Belzer, "so 20 Euro?" - "Nein", sagt die Bankangestellte, "Ihr Dispo ist gestrichen, Herr Belzer". - "10 Euro?", fragt Belzer, "ich muss doch noch Gemüsesaft und ein paar Datteln einkaufen". - "Nein", sagt die Bankangestellte mit dem Blick in den Papieren, "da kann ich leider nichts tun".

"Was tun müsste ich, aber Konvulsionen könnt ich kriegen", denkt Belzer, als er aus dem Bankgebäude hinausgeht. Er ist weich in den Knien. Er weiß nicht, was er tun soll, er kriegt keine Konvulsionen, es streicht ihm nur etwas Kaltes über die Beine und hoch über den Rücken, und das Gluckern in seinem Magen fühlt sich nach drei Litern Salzgurkenwasser an. Er geht aus der Tür des Bankgebäudes. Zwei Schritte daneben bleibt er stehen. Er will überlegen, was eigentlich los ist, mit der Bank und mit dem Geld und mit dem Wiener Satyrgesicht und mit ihm selber. Aber es geht nicht, denn es ist so viel, was Belzer denken müsste, an alles gleichzeitig, und gleichzeitig ist nichts da. So steht er neben dem Bankgebäude auf dem Trottoir der Reeperbahn, sieht auf das weiße Gebäude nach drüben und versucht nachzudenken. Was aber nicht geht.

"Vielleicht bin ich verflucht", denkt Belzer. Er steht neben dem Bankeingang an der Straßenkreuzung auf dem Trottoir der Reeperbahn und sieht auf das Gebäude da drüben, weiß gestrichen, alt, mit Türmchen und weißen Simsen und Fratzen. Da sind Fratzen an der Fassade, ganz oben an der Dachrinne sind sie. Weiße Fratzen, und die starren ihn an. Fratzenformen im Gips, in der Sonne, die komisch schief darauf leuchtet. Sie starren herunter, quer über die Straßenkreuzung, sie starren ihm ins Gesicht, Fratzen oder weißer Gips oder beides? Sie starren Belzer in die Augen und in den Kopf. "Hey ihr Fratzen", ruft Belzer nach da drüben, "was ist los, soll ich euch meine 21 Cent schenken?" Da merkt er, dass er laut gerufen hat, wie ein Irrer hier auf der Straße und mitten am Tag, und dass er Zeug gerufen hat, irres Zeug. Da sind Leute auf dem Trottoir. Belzer spürt, dass sie ihn ansehen. Wie einen Irren, der irres Zeug ruft. Wie sollten sie ihn denn sonst ansehen? "Dabei starren die Fratzen vielleicht gar nicht wirklich", denkt Belzer. "Sie starren aber doch, und zwar starren die mich an", sagt Belzer zu den Leuten und deutet auf die Fratzen. Dann sagt er, "das hab ich aber doch nur metaphorisch gemeint", aber der Verkehrslärm ist zu laut, vielleicht hat es keiner gehört, außerdem sind die Leute schon weitergegangen. Da sind jetzt andere Leute, zwei sehen aus wie die Fratzen oben am Haus, weiße Fratzengesichter, sie starren ihm ins Gesicht und in den Kopf und gehen weiter, aber die Fratzen sind noch da und starren ihn an. ...

[Was weiter aus dem Herrn Belzer wird, ob er es schafft, was er schafft und ob er überhaupt irgendwas schafft usf., lesen Sie bitte in meinem neuen Buch nach. Es heißt "Koschere Groupies. Roman in Erzählungen". Sofern es erscheinen wird]